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Stralsund Wir nörgeln nicht – wir nordeln
Vorpommern Stralsund Wir nörgeln nicht – wir nordeln
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00:27 09.05.2018
So stellen sich die Kreisverwaltung und eine Werbeagentur den Landkreis Vorpommern-Rügen vor. Dazu das neue „Wir nordeln“-Logo.
Stralsund

Autofahrer werden an den Grenzen des Landkreises Vorpommern-Rügen künftig mit Schildern begrüßt, die manch einen stutzig machen dürften. Fragen schießen dann durch den Kopf: Habe ich das gerade richtig gelesen? Was machen die Leute hier? Nordeln? Die Antwort ist ganz einfach: Ja richtig, wir nordeln.

Der Landkreis Vorpommern- Rügen hat ein neues Motto, an dem sich die Geister scheiden. Die einen finden es genial, andere macht es ratlos.

Mehr Slogans

Nicht nur der Landkreis Vorpommern-Rügen hat einen eigenen Slogan. Das Land Mecklenburg-Vorpommern wirbt seit Jahren mit „MV tut gut“ oder „Land zum Leben“. Die Mecklenburgische Seenplatte hat sich das Motto „natürlich!“ ausgedacht. Und im Landkreis Ludwigslust-Parchim gibt es „Raum für Zukunft“.

So lautet nämlich das neue Motto, das sich der Landkreis verpasst hat und künftig auf den Schildern an den Kreisgrenzen, den Briefköpfen und Türen der Ämter stehen wird. Als der Slogan am Montagabend im Kreistag präsentiert wurde, wussten die Leute im Saal nicht recht, ob sie nun klatschen oder ratlos erstarren sollen. Und auch Landrat Ralf Drescher (CDU) selbst sagt: „Als ich den Spruch das erste Mal gehört habe, war ich geschockt. Aber nach dem zweiten Mal darüber nachdenken, fand ich ihn genial.“ In der Kreisverwaltung frage man sich flurauf und flurab: „Nörgelst du noch, oder nordelst du schon?“

Der Satz ist das Ergebnis eines jahrelangen Prozesses, in dem sich die Führungskräfte der Kreisverwaltung immer wieder mit der Frage beschäftigt haben, was den Landkreis und seine Menschen im Kern ausmacht. Unterstützung kam dabei von einer Rügener Werbeagentur. Anfang des Jahres hat sich die Gruppe schließlich zwei Tage lang auf der Insel Vilm eingeschlossen. Am Ende stand „Wir nordeln“ auf der Pinnwand. „Wir wollen damit kurz und knapp ausdrücken, dass wir typisch norddeutsch und gleichzeitig etwas Besonderes sind. Ehrlich, kernig, wetterfest und mit einem ausgeprägten Wir-Gefühl ausgestattet“, sagt Drescher. Wer genau diesen Geistesblitz hatte, will er allerdings lieber nicht verraten.

Doch was sagen Touristiker dazu, die sich mit Werbung auskennen? „Über Slogans wird immer viel diskutiert. Die Frage ist, wie man sie mit Leben füllt“, sagt André Kretzschmar von der Stralsunder Tourismuszentrale. „Nordeln hat für mich erstmal keine Bedeutung, die muss man erst schaffen“, sagt er. Grundsätzlich könne eine Wortschöpfung wie diese aber funktionieren. „Das können sich die Leute merken – wenn man es ihnen gut vermittelt.“

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung des neuen Slogans wenige Wochen vor der Wahl zum neuen Landrat. Dreschers Nachfolger muss danach das Motto seines Vorgängers übernehmen.

SPD-Landratskandidat Stefan Kerth hätte damit aber kein Problem. „Ich finde die Idee kreativ und bin nicht der Typ, der die Leistungen anderer nicht anerkennt.“ Stefan Kerth nordelt also schonmal.

PRO

Bescheuert, aber gut

Ja, „wir nordeln“ klingt irgendwie bescheuert. Und genau deswegen finde ich den Spruch gut. Wenn ich mich spontan an legendäre Werbeslogans erinnern soll, fallen mir „Bin ich da schon drin oder was?“ (Boris Becker für AOL) und „Mach nochmal blubb“ (Verona Pooth für Iglo Rahmspinat) ein. Das ist beides natürlich total behämmert, aber es hat sich über Jahrzehnte in mein Gehirn gebrannt. Weil es griffig gewesen ist und alle darüber geredet haben. „Wir nordeln“ spielt zwar nicht ganz in der gleichen Liga, ist aber der richtige Ansatz. Die sonst eher mausgraue Kreisverwaltung hat mich damit überrascht – und somit meine Aufmerksamkeit bekommen. Heute scrollen insbesondere junge Menschen bei Facebook, Instagram und Co durch hunderte Nachrichten, Bilder und Clips. Doch hängen bleiben oft nur die Wie-verrückt-ist-das-denn-Sachen. Dieses Buhlen um Zuwendung kann man blöd finden. Fakt ist aber, dass es funktioniert. Da brauchen wir nur die Slogans anschauen, die es sonst noch bei uns gibt: „Land zum Leben“ (Mecklenburg-Vorpommern), „Raum für Zukunft“ (Ludwigslust-Parchim). Das ist alles nett und richtig, aber eben auch ein bisschen langweilig. „Wir nordeln“ ist dagegen so irre, dass es hängen bleibt. Und darum geht es.

KONTRA

Genordelt wird nur in Nordeln

So, nun haben wir den Salat. Mir ist schon ganz nordelig. Und das nach noch nicht einmal 24 Stunden, da ich von dem heißen Slogan gehört habe, der jetzt um die Welt gehen soll – von Nord nach Süd, von Ost nach West. Am Anfang war das Wort. Und ehrlich, das fand ich am Montag um 20.09 Uhr, als es zum ersten Mal durch unsere redaktionsinterne Whatsapp-Gruppe geisterte, eigentlich nur bescheuert. Aber seitdem geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Es hat mir praktisch das Gehirn vernordelt. Mit dem Ergebnis, dass ich total genordelt bin. Nordeln, bordeln, kordeln, orgeln. Das klingt für mich gar nicht nach unserer gemütlichen Mundart. Eher wie jodeln oder rodeln in den bayerischen Bergen. Und vor allem: warum wollen wir Werbung für eine kleine Stadt in Nordrhein-Westfalen machen? Denn genau dort liegt Nordeln – eine Hofschaft in Halver, im Märkischen Kreis im Regierungsbezirk Arnsberg, im Westen des Halveraner Stadtgebietes und im Tal der Ennepe. Also irgendwo hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Die Leute dort können von mir aus nach Herzenslust nordeln. Vielleicht auch die Bewohner der Nachbarorte Burbach, Ober- und Niederbuschhausen oder vom Nordeler Schleifkotten. Ich passe. Für mich hat sich’s ausgenordelt.

Alexander Müller

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