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Stralsund Der arme Hirte

Vorpommerns Schäfer können vom Verkauf von Fleisch und Wolle kaum noch leben, doch fast niemand bekommt es mit / Über den stillen Niedergang einer langen Tradition

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Thomas Möhring ist gelernter Schäfermeister. Als Tierproduktionsleiter ist er Herr über 1400 Schafe auf dem Gut Darß.

Quelle: Fotos: Alexander Müller, Reinhard Amler

Stralsund. Es war die Romantik, die Thomas Möhring zu seinen Schafen geführt hat. Allein in der Natur die Tiere hüten, von Weide zu Weide ziehen – mit diesen Bildern im Kopf ist der heute 48-Jährige vor vielen Jahren Schäfer geworden. Mittlerweile arbeitet er als Tierproduktionsleiter auf dem Gut Darß, doch von dem alten Ideal ist nicht mehr viel übrig. Die wirtschaftliche Perspektive hat sich seitdem so sehr verschlechtert, dass es nur noch wenige Berufsschäfer in Vorpommern-Rügen gibt. Es existiert wohl kaum ein anderer Bereich in der Landwirtschaft, der so sehr am Subventionstropf hängt wie die Schäfer. Doch während die ebenfalls gebeutelten Milchbauern mit schrillen Aktionen und lauten Parolen immer wieder in den Schlagzeilen landen, wird das Schicksal von Thomas Möhring und seinen Kollegen kaum wahrgenommen. „Die Tradition darf nicht aussterben. Doch unsere Lobby ist relativ klein“, sagt er.

OZ-Bild

Vorpommerns Schäfer können vom Verkauf von Fleisch und Wolle kaum noch leben, doch fast niemand bekommt es mit / Über den stillen Niedergang einer langen Tradition

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Neun Betriebe mit je mehr als 500 Schafen zählt der Bauernverband Nordvorpommern heute im Kreis Vorpommern-Rügen. Jahrelang sei die Zahl zurückgegangen, habe sich nun auf niedrigem Niveau stabilisiert. „Die wirtschaftliche Situation in den meisten Berufsschäfereien ist nicht gerade rosig. Nur ein Drittel der betriebsbedingten Ausgaben können die Schäfer in der Regel mit dem Verkauf der Schafe decken, darüber hinaus sind sie auf staatliche Unterstützung angewiesen“, sagt Bauernverbands-Chef Christian Ehlers.

Thomas Möhring ist Herr von 1400 Mutterschafen auf dem Gut Darß. Er rechnet vor: Für ein Kilogramm Lammfleisch lasse sich derzeit ein Preis von etwa 2,40 Euro erzielen. Um ohne Prämien auszukommen, müsste der Preis fast dreimal so hoch sein und bei etwa sechs Euro liegen. „Das ist aber keiner bereit zu zahlen“, sagt Möhring. Und das, obwohl die Nachfrage nach hochwertigem Lammfleisch enorm hoch sei. „Der Verbraucher muss erkennen, dass Qualität Geld kostet, sonst wird sich an unserer Situation nichts ändern.“ Das Gut Darß will an den Schafen dennoch festhalten, auch wenn damit kaum Gewinne zu erwirtschaften sind. „Da hängen mehrere Arbeitsplätze dran. Für die haben wir eine Verantwortung“, sagt Möhring.

Auch mit dem Verkauf der Schafswolle lässt sich die Bilanz kaum aufbessern. Schäfer Ingo Stoll aus Langsdorf bei Tribsees lässt jedes Jahr seine 1500 Tiere scheren, was einen großen Haufen Wolle ergibt. Und dennoch sagt er: „Das rechnet sich hinten und vorne nicht.“ Für jedes Kilo Wolle bekommt Stoll 30 Cent, pro Schaf erhält er einen überschaubaren Erlös von etwa 1,35 Euro. Er muss aber auch einen Schafscherer engagieren, der bezahlt und beköstigt werden muss. „Am Ende bleibt vom Wolleverkauf nichts übrig“, sagt Stoll. Ein Schäfer bekomme daher weniger Stundenlohn, als der Mindestlohn es hergibt.

Armin Rohrbeck betreibt bei Dreschvitz auf Rügen eine kleine Deichschäferei mit derzeit 300 Müttern. Hinzu kämen „immer so um die hundert Lämmer“, erzählt er. Seit sieben Jahren verkauft er Wolle und Fleisch und im kommenden Jahr vielleicht auch Wurst. Rein wirtschaftlich betrachtet müsste der Verkaufspreis eines Lammes bei 300 Euro liegen. Die aber zahle niemand und so verkauft er ein Lamm dank staatlicher Subventionen für gut hundert Euro. „Mehr gibt der Markt nicht her.“ Die Flächen- und Agrarprämien seien jedoch zu niedrig und die Mutterschaf-Prämie sogar vollständig abgeschafft. Daher könne er sich auch keinen Angestellten leisten und das Geschäft mit seiner Deichschäferei könne er nur im Nebenerwerb betreiben, so Rohrbeck. Verluste habe er schon durch streunende Hunde, aber auch durch Kolkraben zu beklagen gehabt.

Sein zweites Standbein ist die Gewässerunterhaltung. „Ich mähe Deiche und Flüsse und würde mir auch eine Prämie für die Beweidung von Deichen wünschen, wie es sie in anderen Bundesländern gibt“, so Rohrbeck. Die gäbe es bisher aber nur für staatliche Deiche.

In der Tat leisten Schafe einen wichtigen Beitrag zum Hochwasserschutz – auch in Mecklenburg-Vorpommern. Sollten noch mehr Schäfereien wegen der wirtschaftlichen Schieflage aufgeben müssen, hätte das schwerwiegende Auswirkungen auf die Deiche. Wenn die Tiere dort grasen, sorgen sie nämlich mit ihren kleinen Klauen dafür, dass der Boden dort besonders fest wird. „Goldener Tritt“ wird das unter Experten genannt. Von goldenen Zeiten sind die Schäfer jedoch weit entfernt.

Mitarbeit: Reinhard Amler und

Uwe Driest

Wandernde Schafe

Schäfer sind mit ihren Tieren oft

unterwegs, denn die Tiere müssen manchmal schon nach drei Tagen auf eine andere Weide umgetrieben werden. Die Schafe sind auch als „Pfennigsucher“ bekannt, weil sie in der Lage sind, auch bei geringstem Aufwuchs noch ein paar grüne Halme zu finden. Damit sind sie ideal für das „Wandern“ geeignet, denn sie finden auch auf scheinbar unwirtlichen Standorten genug zu fressen. Die Tradition wird unter den Schäfern mit großem Ernst gepflegt. Erst im September fand in Kirch Baggendorf auf dem Betrieb von Rainhard Rohde das Landesleistungshüten statt.

Alexander Müller

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