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Die Rügenmilch aus dem Zapfhahn

Bergen Die Rügenmilch aus dem Zapfhahn

Landwirt Enno Tammling aus Wiek auf der Halbinsel Wittow verkauft seine Produkte aus so genannten Milchtankstellen in Bergen und Stralsund

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Landwirt Enno Tammling mit seinen Jersey-Kühen im Wieker Stall.

Quelle: Fotos: Anne Ziebarth

Bergen. /Stralsund. Ab und an gibt es Stau vor der Milchtankstelle im Bergener Real-Supermarkt. Der große Automat, an dem es die Frischmilch von der Insel Rügen zu kaufen gibt, ist beliebt bei den Kunden. „Wir holen hier mindestens einmal in der Woche Milch“, erzählt Melanie Tiegelack aus Bergen. „Die schmeckt einfach besser als die aus dem Regal. So wie früher.“ Aus dem Hahn des Automaten kommt Rügener Milch. Und zwar direkt vom Hof Tammling in Wiek, ohne Umwege über große Molkereien. Insgesamt neun solcher Automaten betreibt der Landwirt, drei davon in der Hansestadt Stralsund.

OZ-Bild

Landwirt Enno Tammling aus Wiek auf der Halbinsel Wittow verkauft seine Produkte aus so genannten Milchtankstellen in Bergen und Stralsund

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Die Idee zum neuen Vermarktungskonzept wurde aus der Not geboren. „Das Milchjahr 2016 war unheimlich schlecht. Bei Milchpreisen von um die 20 Cent pro Liter für die Milchbauern war mir klar, dass ich etwas ändern muss“, erzählt der 50-Jährige, der auf seinem Hof sowohl Ackerbau betreibt als auch Milchvieh hält. „Immer nur schimpfen auf die Milchkontore hilft ja auch nicht.“ Die Idee, die Milch seiner Kühe direkt im Supermarkt an die Kunden zu verkaufen, habe er in Bayern entdeckt. Die Milch wird bei diesem Konzept auf dem jeweiligem Hof produziert und auch dort pasteurisiert. Anschließend wird die Milch gekühlt, in 200 Liter- Rollcontainer gefüllt und an die Abnehmer und die Automaten in der Region ausgeliefert.

„Ich habe mit meiner Familie hin und her überlegt, schließlich haben wir uns im vergangenen Herbst entschlossen, das Modell auch hier einzuführen“, so Tammling. Der Aufwand war beträchtlich. Die Veterinär- und Lebensmittelbehörden mussten jede Station bis zur Milchflasche genau überprüfen, zusätzlich wurde ein Umbau auf dem Hof nötig. „Wir brauchten ja eine Anlage zum Pasteurisieren und einen weiteren Milchtank. Außerdem eine Waschanlage für die Rollcontainer, in der alle Teile gereinigt werden können“, zählt Tammling auf. „Insgesamt haben wir rund 400000 Euro investiert, rund 60000 Euro konnten wir an Fördermitteln bekommen“, sagt Tammling. „Und das in einer Zeit, in der sich andere Milchbauern von ihren Tieren trennen.“

Die Tiere sind in diesem Fall Jersey-Kühe. Die kleinen, zarten Tiere geben etwa 6000 Liter Milch pro Jahr – das ist zwar weniger als eine herkömmliche Milchkuh, allerdings hat die Milch der Jerseys einen hohen Fettgehalt von bis zu 6 Prozent und verfügt über einen höheren Nährstoff- und Proteingehalt als normale Milch. Auch der Preis der Milch aus dem Milchautomaten ist etwas höher. Der Liter Rügenmilch kostet an den Milchtankstellen 1,40 Euro, mit einer Kundenkarte 1,20 Euro. „Ich finde den Unterschied zu herkömmlicher Milch nicht so gravierend. Und Ware aus der Region ist erste Wahl“, meint Melanie Tiegelack. „Wir in der Familie versuchen, auch sonst regionale Produkte zu kaufen. Unser Fleisch beziehen wir zum Beispiel von der Landschlachterei in Gademow.“

Dieses veränderte Bewusstsein für Lebensmittel kann der real-Geschäftsleiter Patrick Große aus Bergen nur bestätigen. „Die Kunden schauen nicht mehr nur nach dem Preis“, erzählt er. „Das Gesamtpaket ist entscheidend. Die Qualität und vor allem die Regionalität der Produkte sind wichtig, das haben wir auch in Kundenbefragungen feststellen können.“ Die Idee Tammlings, Produkte lokal zu vermarkten, habe ihm von Anfang an gefallen. Mit einer solchen Resonanz auf den Automaten habe auch er aber nicht gerechnet. „Vom ersten Tag an bestand eine große Nachfrage. Wirklich alle Kunden, mit denen ich ins Gespräch gekommen bin, sind von der Idee und der Milch begeistert.“

Doch nicht nur Supermärkte kann Tammling mit seinen Rollcontainern voller Milch beliefern. Auch die Bäckerei Peters gehört zu seinen treuen Abnehmern. Von dort kam kürzlich höchstes Lob. „Du bringst uns wieder bei, wie Milch schmeckt“, habe der Bäckerei-Chef scherzhaft zu Tammling gesagt. „Richtig gut. Nicht mehr wie totes weißes Wasser“, habe er gemeint.

Ob sich die Idee tatsächlich trägt, wird sich für den Wieker Landwirt aber erst in den kommenden Jahren herausstellen. „Ein paar Liter mehr sollten es schon sein, um Gewinn zu machen“, sagt er. „Mal sehen, wie viele Kunden dauerhaft dabeibleiben. Aber ich bin optimistisch und bleibe dabei.“

Hier gibt’s die Milch

Milchtankstellen im Supermarkt: Der Kunde kann sich die pasteurisierte und somit verzehrfertige Rügenmilch am Automaten abfüllen. Automaten stehen in den Edeka-Märkten in Sagard, Bergen-Süd und Wiek, sowie in den real-Märkten in Bergen und Stralsund/Andershof. Auch beim Rewe in Bergen sowie in den Rewe-Filialen in Stralsund Rostocker Chaussee und am Heinrich-Heine- Ring sowie dem Sky-Markt in Sassnitz kann man Rügener Frischmilch tanken.

Milchtankstelle am Bauernhof: Hier erhält der Kunde Rohmilch in seine mitgebrachten Flaschen. Die Milch muss vor dem Verzehr abgekocht werden. Hofverkäufe gibt es unter anderem in Rubenow bei Greifswald in Klausdorf und Schmedshagen (bei Stralsund).

Anne Ziebarth

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