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Wirtschaft Vorpommerns Politik ringt um Arbeitskräfte
Vorpommern Stralsund Wirtschaft Vorpommerns Politik ringt um Arbeitskräfte
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14:36 13.02.2019
Luftaufnahme von der Peene Werft Wolgast Quelle: Tilo Wallrodt
Stralsund

Wird in der Politik über Vorpommern gestritten, taucht dieses Wort besonders häufig auf: Wirtschaft. In den gängigen Statistiken steht der Landesteil bundesweit schlecht da. Eine vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, kaum tarifgebundene Unternehmen und nur wenig Industrie. Eine echte Trendwende ist nicht in Sicht. „Besonders Vorpommern droht durch zu wenig Neugründungen und nicht stattfindende Unternehmensnachfolgen im Land eine strukturelle Schwächung“, heißt es von der Wirtschaftsfördergesellschaft der beiden Vorpommern-Landkreise. Der Bundestagsabgeordnete Enrico Komning (AfD), dessen Wahlkreis unter anderem Wolgast und Anklam umfasst, spricht gar von einer „Verelendung“ der ländlichen Räume.

In der Kommunalpolitik sind die Möglichkeiten da einzugreifen überschaubar – denn bei der Wirtschaftsförderung geht es sehr schnell um sehr viel Geld. Und das haben weder Kreise noch Gemeinden zur Verfügung. Eine „unbürokratische Arbeitsweise der Verwaltungen und Behörden“, wie sie etwa die Linken in ihrem Kommunalwahlprogramm fordern, ist da schon ein hehres - wenn auch wenig konkretes - Ziel. Immerhin lassen sich hier aber Unterschiede in den Wahlprogrammen herausarbeiten. Während die Linken bei der Wirtschaftsförderung Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, und die Einhaltung von Sozialstandards betonen, setzt die CDU Vorpommern-Rügen ihren „Schwerpunkt bei den Unternehmensansiedlungen auf Industrie und das verarbeitende Gewerbe“.

Eines ist sicher: Das Steigen der Gewerbesteuern

Die direkte Stellschraube der Gemeinden beim Thema Wirtschaft heißt Gewerbesteuer. Doch bei der geht es seit vielen Jahren fast ausschließlich in eine Richtung. Die Erhöhungen sind dabei nicht immer ganz freiwillig. Denn die Mehrzahl der Gemeinden in Vorpommern kann ihren Haushalt nicht aus eigener Kraft ausgleichen. Fördermittel des Landes sind häufig an die Bedingung geknüpft, dass Hebesätze der Grund- und Gewerbesteuer mindestens auf dem Niveau des Landesdurchschnitts liegen. Eine unendliche Geschichte, denn mit jeder Erhöhung steigt auch der Landesdurchschnitt. Den Kreislauf zu durchbrechen ist auch Ziel der Verhandlungen, die gerade mal wieder über den kommunalen Finanzausgleich laufen. (Die OZ berichtete.) Allerdings liegt Mecklenburg-Vorpommern im bundesweiten Vergleich am unteren Ende der Gewerbesteuer-Skala. Und: Zumindest für größere Industrie-Unternehmen spielen andere Faktoren meist eine größere Rolle bei der Frage, wo sie sich ansiedeln.

Da ist zum Beispiel der Fachkräftemangel. „Handwerk, Handel, Gastronomie und Pflege sind die Branchen, in denen heute schon viele Arbeitskräfte fehlen. Doch es kommen weitere Bereiche hinzu“, lautet die Prognose von Heiko Miraß, dem Geschäftsführer der Agentur für Arbeit im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Der hohe Altersdurchschnitt in der Region ist einer der ausschlaggebenden Punkte dafür. Ein Beispiel aus Miraß’ Arbeitsbereich: Jährlich würden rund 4000 Menschen mehr in den Ruhestand gehen, als aus den Schulen nachrücken. Das hat in den vergangenen Jahren dabei geholfen, die Arbeitslosigkeit in der Region zu senken. Auf Dauer wird es zum Problem.

Mehr Zuzug – aber nicht genug

„Rückkehrer“ heißt ein Stichwort, das zu den Landratswahlen in beiden Vorpommern-Kreisen strapaziert wurde. Das Anwerben von Fachkräften, die einst abgewandert sind – der Arbeit oder der Ausbildung wegen. „Wir müssen der Vorgarten und der Strand von Metropolregionen wie Hamburg und Berlin sein“, hieß es vom späteren Wahlsieger Dr. Stefan Kerth (SPD) für den Kreis Vorpommern-Rügen. Im Nachbarkreis stößt Landrat Michael Sack (CDU) in ein ähnliches Horn. Beide betonen die sogenannten „weichen Faktoren“, die für Vorpommern als Lebensmittelpunkt sprechen. Schöne Landschaft, Wassersport, die Universität Greifswald, ein vergleichsweise gutes Netz an Kitas... Sack fordert einen selbstbewussteren Umgang mit den Stärken der Region und ein Werben um junge Leute: „Wir müssen unsere Geschicke selbst mehr in die Hand nehmen, müssen in die aktive Rolle kommen. Wenn man Vorpommern aus der Schweriner Brille sieht, ist es ein ewiges Jammertal.“ Wie attraktiv eine Region für Arbeitnehmer ist, spielt bei der Standortwahl großer Unternehmen zunehmend eine Rolle, das bestätigen Unternehmer und ihre Verbände inzwischen regelmäßig.

Dass Vorpommern anziehender wirkt, als noch vor einigen Jahren, darauf deuten auch die Zahlen für die Zu- und Abwanderung hin. Seit einigen Jahren steht da unterm Strich wieder ein Plus für die Region. Und das speist sich mehr und mehr auch aus jungen Menschen und Familien, die hierher ziehen. Auch das war vor Jahren noch anders, als vor allem Rentner ihren Lebensmittelpunkt in die Region verlagerten. Der stärkere Zuzug kann allerdings nicht ausgleichen, dass in Vorpommern jedes Jahr deutlich mehr Menschen sterben als geboren werden. Landesweite Imagekampagnen, eine kreisübergreifende Wirtschaftsfördergesellschaft und sogenannte Welcome-Center für Rückkehrer sollen das langfristig ändern.

Vorpommern arm, aber teuer

Die Konkurrenzsituation mit anderen Bundesländern wird allerdings schwieriger. Bei der Kinderbetreuung holt der Westen auf und die günstigen Mieten und Grundstückspreise, mit denen immer noch geworben wird, gelten längst nicht mehr für die Orte, die bei Zuziehenden und Touristen beliebt sind. In Relation mit den Löhnen, die im Schnitt rund 30 Prozent unter dem Bundesmittel liegen, kann Wohnen sogar ziemlich teuer werden. Einer Untersuchung im Auftrag des NDR ergab vor wenigen Wochen, dass die Miete für eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung in Vorpommern rund 28 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens beträgt. Ein Spitzenwert unter den ostdeutschen Landkreisen.

Carsten Schönebeck

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