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Reinkenhagen „Wo sollen wir Alten denn jetzt hin?“

Nach mehr als 50 Jahren schloss der Lebensmittelmarkt in Reinkenhagen

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Edeltraud Spiekermann (2.v.l.) ist unglücklich, dass sie ihren Laden jetzt schließen muss. Sundhagens Bürgermeister Helmut Krüger (l.) bedankte sich bei ihr für ihren großen Einsatz in den letzten 24 Jahren, in denen sie das Geschäft als Selbstständige geführt hat. Fotos : Reinhard Amler

Reinkenhagen. „Ich bin unendlich traurig“, sagt Gisela Köhn. „Denn ich weiß ja gar nicht, wo ich jetzt einkaufen gehen soll“, fügt die Rentnerin hinzu. „Für uns ältere Menschen ist das eine sehr schwierige Situation.“ Mehr als 50 Jahre lang wurden in Reinkenhagen Lebensmittel verkauft. Zunächst im Dorfkonsum, seit 24 Jahren im Edeka-Markt von Edeltraud Spiekermann. Am Mittwoch schloss die Verkaufsstelle.

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Nach mehr als 50 Jahren schloss der Lebensmittelmarkt in Reinkenhagen

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„Wäre ich bloß nach Grimmen gezogen“, ärgert sich Irene Petrosjan. Auch sie hat sich regelmäßig in Reinkenhagen mit Brot, Butter, Fleisch und Nudeln versorgt. Eben mit allem, was man so braucht.

„Jetzt müssen die Kinder wieder fahren“, entrüstet sie sich. „Aber das will man ja auch nicht“. Schließlich habe man sich im Laden auch immer getroffen.

Die beiden Frauen wirken richtig ratlos, während Edeltraud Spiekermann immer wieder die Tränen in die Augen schießen. „Wir haben uns die Entscheidung zu schließen, wirklich nicht einfach gemacht“, beteuert die 62-Jährige. „Aber es ging nicht anders“, fügt sie hinzu. Seit fünf Jahren muss die Frau regelmäßig zur Dialyse. Aber die Gesundheit sei nur ein Grund für die Schließung gewesen. „Es gibt auch einen wirtschaftlichen, denn der Laden rechnete sich einfach nicht mehr“, erklärt sie. „Es waren doch fast nur noch die Älteren hier“, sagt sie. „Jüngere holten sich höchstens mal eine Zeitung oder ein halbes Brot. Bloß davon kann man nicht leben.“ Darüber sei sie schon traurig, gesteht Edeltraud Spiekermann ein. Der Abschied fällt ihr unheimlich schwer, denn 48 Jahre ist sie im Handel tätig gewesen. 47 Jahre davon hat sie Lebensmittel in Reinkenhagen verkauft. 24 Jahre im eigenen Laden, den sie seit 1992 als Selbstständige geführt hat. Das kleine Geschäft ist ihr Leben.

Als sie nach der Wende anfing, waren die Zeiten wesentlich besser, blickt sie zurück. Da gab es mehr Bewohner und vor allem mehr Geld. Denn Reinkenhagen war schließlich einmal Zentrum der Erdölwirtschaft. Die wurde 1993 aber abgewickelt. Seitdem ging es mit dem Ort abwärts.

Erst schloss die Schule, vor zwei Jahren die Gaststätte, und im Januar 2015 wurde der einzige Geldautomat, der sich genau neben der Verkaufsstelle befand, von der Pommerschen Volksbank dichtgemacht.

„Das war der Genickbruch für den Edeka“, ist sich Rentner Gerd-Werner Schult sicher. „Jetzt sitzen wir alten Leute hier und wissen nicht wohin“, schimpft er schon ein bisschen lautstark. Auch er wird sich jetzt nach Grimmen orientieren müssen. „Bloß der Bus dorthin kostet ja auch schon fast zehn Euro“, empört er sich.

Rentnerin Irene Petrosjan pflichtet dem bei. „Was haben wir hier denn noch“, fragt sie. Inzwischen sei doch fast alles dicht. Früher gab es in fast jedem Dorf einen Laden. „Selbst in Wilmshagen und Mannhagen konnte man einkaufen“, zählt die Frau auf. „Beim ACZ haben wir gefeiert oder sind ins Sportlerheim nach Miltzow gegangen. Wenn eine Beerdigung war, sind wir zum Kaffee trinken in die Gaststätte gegangen“, führt sie Beispiele an. „Das Einzige, was wir noch haben, ist der Raum im Erdölmuseum. Dort treffen wir uns mit der Volkssolidarität. Aber wenn es den eines Tages auch nicht mehr gibt, dann wissen wir überhaupt nicht mehr, wo wir hin sollen“.

Sundhagens Bürgermeister Helmut Krüger (CDU) kann den Argumenten nur wenig entgegen setzen. Sicher sei vieles nicht mehr da, was den Menschen lieb und teuer war, meint er. Aber als Gemeinde könne man viele Dinge auch nicht beeinflussen. Wie die Demontage des Geldautomaten. „Ich habe mehrere Gespräche mit dem Vorstand der Bank geführt“. erklärt er. „Leider alle vergebens“. Krüger nennt das Beispiel Brandshagen, wo die Infrastruktur ebenfalls Stück für Stück wegbrach. Nun sei dort ein moderner Supermarkt im Bau. Miltzow/Reinkenhagen bekommt eine neue Schule, versucht er, ein bisschen Optimismus in die Runde zu streuen, zumal auch viele junge Familien sich in Reinkenhagen und Miltzow angesiedelt haben. Er ist sich sicher, dass der Ort wieder eine Verkaufsstelle bekommt.

Möglicherweise gibt es auch schon Pläne. Mehr sagt er nicht. Denn da müsse er auch noch eine Entscheidung der Familie Spiekermann abwarten.

Deren Tochter Kathrin trägt sich nämlich noch mit dem Gedanken, eventuell den Laden ihrer Mutter weiterzuführen. Es müsste aber einiges gemacht werden, wofür mir das Geld fehlt“, sagt die junge Frau.

Reinhard Amler

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