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Wittower machen mobil gegen „Windkraft-Wahnsinn“

Altenkirchen Wittower machen mobil gegen „Windkraft-Wahnsinn“

Anwohner und Naturschützer kritisieren den geplanten Neubau von Anlagen, die die alten Windräder in der Gemeinde Altenkirchen ersetzen sollen

Altenkirchen. Gegen die geplante Änderung des Flächennutzungsplans von Altenkirchen, mit der die Gemeinde dem Betreiber der örtlichen Windräder deren Erneuerung ermöglichen möchte, gründete sich Mitte August die Bürgerinitiative „Windkraft-Wahnsinn-Wittow“. Die laut Pressesprecher Günter Raake, der selber nicht gern vor eine Kamera tritt, etwa 15 Mitglieder befürchten „gesundheitliche Beeinträchtigungen und Risiken für die Anwohner durch Rotorgeräusche, Schlagschatten und Infraschall“, nachteilige Wirkungen auf Tourismus und Naturschutz sowie einen Wertverfall ihrer Grundstücke. Rund 50 Einwendungen von Anwohnern und Naturschutzverband liegen dem Amt Nordrügen ebenso vor wie ein Aufstellungsbeschluss der Nachbargemeinde Wiek zur Errichtung weiterer Windräder.

Dass die Pläne überhaupt eine theoretische Aussicht auf Erfolg haben, ist einem Formfehler bei der Aufstellung des Raumentwicklungsprogramms zu schulden, der das Planwerk vorübergehend außer Kraft setzt. „Die Fehler werden derzeit nachgearbeitet und bis dahin gilt eine Veränderungssperre“, dämpft Arp Fittschen vom Städte- und Gemeindetag jedoch die Hoffnung von Windmüller und Gemeinde auf weiterhin fließende Gewerbesteuereinnahmen.

Einen „Schrotschuss“ nennt Thomas Sternberg jedenfalls die inhaltlichen Argumente der Windkraft-Kritiker. Der gelernte Kaufmann aus Schleswig-Holstein reiste nach der Wende im Auftrag seiner Auricher Firma nach Rügen und baute die ersten Windräder auf der Insel. Später machte er sich in der Branche selbständig.

Joachim Arlt wohnt 400 Meter vom Standort eines der Windräder entfernt. Der heute 80-Jährige schrieb bereits im Rügener Heimatkalender von 1993 unter dem Titel „Der Streitpunkt – Windkraftanlagen auf Rügen“ gegen die Windräder an. „Wir haben unsere Zimmer umorganisiert und schlafen seit 25 Jahren bei geschlossenen Fenstern“, klagt er heute. Damals gab es zehn kleine Anlagen, von denen inzwischen fünf abgebaut wurden. Die verbleibenden fünf haben ihre Dienste getan und Sternberg würde sie gern gegen fünf knapp hundert Meter hohe Anlagen ersetzen. Zuzüglich einer Rotorlänge von 50 Meter ergäbe das 150 Meter – jene Höhe, für die der Gesetzgeber auf eine Lichtanlage verzichtet. „Dabei möchten wir die bisher verstreuten Standorte am Alten Postweg im Abstand von je 400 Metern und einer Gesamtstrecke von 1,6 Kilometern konzentrieren“, sagt Sternberg.

Bürgermeisterin Jutta Sill und ihr Gemeinderat luden Investor Thomas Sternberg und seinen Planer Berthold Raith, der laut Sternberg gut darin sei, „liegengebliebenen B-Plänen zur Durchsetzung zu verhelfen oder neue zu initiieren“, in der vergangenen Woche zur Beratung. Die alten Anlagen würden nicht geräuschlos laufen und seien im Laufe der Zeit lauter geworden, räumt Sternberg ein. „Die neuen Anlagen werden wir aber ohne Getriebe bauen“, sagt er. Statt eines „Stators“ verwende die neue Generation auf der Welle liegende Kupferpakete. Weil es somit kein Verschleißteil gäbe, würden die Anlagen im Laufe ihres Betriebs nicht lauter. Künftig würden daher die gesetzlichen Werte von 40 Dezibel in Innenräumen und 45 Dezibel im Außenbereich eingehalten. Zudem käme der Wind von West-Südwest und leite den Schall in Richtung Mattchow ab, wenn Schatten länger als 30 Minuten auf bewohnte Flächen fiele, müsse die Anlage abgeschaltet werden und schließlich sei der neue Standort auch weiter vom Horst eines dort ansässigen Seeadlers entfernt. „Die Landwirte, die für uns die Strecke absuchen, fanden in all den Jahren nur eine tote Möwe“, beteuert Sternberg.

Altenkirchen würde die Gewerbesteuereinnahmen dringend benötigen und in der Gemeinde dürfte es nur wenige Gewerbesteuerzahler geben. Sternberg hingegen gibt an, in Altenkirchen und Wiek in den vergangenen zehn Jahren mehr als eine Million Euro Gewerbesteuer gezahlt zu haben. Hinzu kämen 220000 Euro des Firmen-Ablegers „wind Kraeft GmbH“ plus einer einmaligen Zahlung von 33000 Euro.

Nicht zuletzt schuf Sternberg Ausgleichsflächen bei Sundhagen auf dem Festland. Dabei müsste es noch nicht einmal bleiben: Für die neuen Anlagen würden nicht nur neue technische Anforderungen, sondern auch das neue Bürgerbeteiligungsgesetz der Landesregierung gelten. Danach muss der Investor Gemeinden und Bürgern im Umkreis von fünf Kilometern eine Beteiligung von mindestens zwanzig Prozent an jeder Anlage anbieten. Alternativ kann er sie zu Teilhabern machen oder andere Formen der Vergünstigung anbieten.

„Wir führen Gespräche mit der Edis AG, um vielleicht einen speziellen, lokalen Stromtarif für die Einwohner auszuhandeln“, sagt Sternberg. „Dann könnten die Bürger den günstigen Strom vor Ort verbrauchen, ohne schmutzigen Braunkohlestrom unter hohem technischen Aufwand und Leitungsverlusten aus der Cottbusser Region zu importieren.“ Auch die so eingesparten Netznutzungskosten könnten weitergegeben werden, stellt er in Aussicht. „Das käme dann auch solchen Personen zugute, die sich keine Anteile an einer Anlage leisten könne“, so Sternberg.

„Wir werden für Ende Oktober zu einer Bürgerversammlung einladen, auf der dann alle Argumente zunächst einmal ausgetauscht werden können“, verspricht Bürgermeisterin Jutta Sill angesichts des unterschiedlichen Informations- und Kenntnisstandes der beteiligten Akteure.

Uwe Driest

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