Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 3 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Millimeterarbeit im Gotteshaus

Groß Mohrdorf Millimeterarbeit im Gotteshaus

Groß Mohrdorfs Beichtstuhl steht wieder am alten Platz unter der Patronatsloge in der Kirche / Studenten bringen Sanierung voran

Voriger Artikel
Start in den Kranichherbst
Nächster Artikel
Praktischer Unterricht im Cockpit

Zogen für die Restaurierung des Beichtstuhls an einem Strang (v.l.): Ingrid Hartmann, Werner Lauterbach, Tino Simon, Nina Piolka und Tom Frisch.

Quelle: Fotos: Susanne Retzlaff

Groß Mohrdorf. Nach fast 50 Jahren Verbannung in eine finstere Turmecke steht der prächtige Beichtstuhl der Kirche Groß Mohrdorf seit Donnerstag endlich wieder an dem Platz, für den er 1763 maßgeschreinert wurde. Er störe die Gotik des Kirchengebäudes, hieß es. Acht starke Stralsunder waren nötig, das gewichtige Möbel nach Berechnungen und Skizzen auf engem Raum vor der Kirchentür so auszurichten, dass es schließlich vorm Altarraum in die korrekte Position unter der Patronatsloge manövriert werden konnte.

OZ-Bild

Groß Mohrdorfs Beichtstuhl steht wieder am alten Platz unter der Patronatsloge in der Kirche / Studenten bringen Sanierung voran

Zur Bildergalerie

Die Jahre und Veränderungen bleiben ablesbar, aber wir sorgen dafür, dass der Beichtstuhl in Würde altert.“Tino Simon, Restaurator

„Das war eine große Aktion“, erklärt Restaurator Tino Simon, der sich in einer sechswöchigen Sommerschule mit Studenten der Hochschule für Bildende Künste Dresden im zweiten Jahr mit dem Gruppenbeichtstuhl beschäftigt.

Dabei hatte Tischler Niclaus Schnäcker vor über 250 Jahren mit Transportproblemen gerechnet und den massiven Nadelholzkorpus mit Rollen ausgestattet. Allerdings waren die dem Gewicht des Gestühls nicht gewachsen. Zudem war es in seiner feuchten Ecke buchstäblich aus dem Leim gegangen. Bis zu 29 Prozent Holzfeuchte waren gemessen worden, normal sind bis 13 Prozent. „Klebstoff löste sich auf, Farbe blätterte ab und Schimmel machte sich breit“, beschreibt Simon Problemzonen des Kirchenmöbels. Ein Fundament musste in den Kirchenboden eingelassen und der Beichtstuhl unter die Loge eingepasst werden. Der Spielraum betrug nur wenige Millimeter – das war Maßarbeit.

Galt es 2015 mit der Sommerschule noch den Bestand des Beichtstuhles zu sichern, dessen kunstvolle Lindenholz-Schnitzereien 1763 von Jakob Freese angefertigt wurden, beschäftigten sich Studenten der Fachrichtung Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung von Bildwerken diesmal damit, den Zustand von vor 1945 wieder herzustellen. Dazu zählen Feinarbeiten an den Figuren des Gesimses, die 2009 nach Dresden zur Konservierung geschickt wurden.

Wieder zu Hause wurden gebrochene Ziervasen oder abgeschlagene Puttennasen mit feinen Holzleisten gerichtet. Im September sollen sie wieder auf dem Beichtstuhl Platz nehmen. Ganz vollständig jedoch ist das Ensemble nicht. „Zwei Putten sind seit langem von der Front verschwunden, zwei Wölkchen fehlen“, erklärt Simon und weist auf Details hin. So pflegte man im 18. Jahrhundert einen äußerst ökonomischen Umgang mit Zierrat, Farbe und Vergoldungen. Schnitzereien und Anstrich finden sich nur an den Seiten, die das Kirchenvolk zu Gesicht bekam.

Der Pastor musste sich mit einer nüchternen Wand begnügen. Außerdem seien die Fenster des Beichtstuhles versenkbar, in denen der Pastor gleich mehreren seiner Schäfchen von Angesicht zu Angesicht die Beichte abnahm. Bibelzitate zieren die Wände und über ihnen schwebt an der Decke das „Auge Gottes“. Noch sind die grüngläsernen, handgefertigten Oberlichter mit blauer Folie gesichert, fehlende Schnitzereien soll Holzbildhauer Stephan Thürmer Ende September ergänzen und mit der dritten Sommerschule 2017 werden die Arbeiten am Beichtstuhl endgültig abgeschlossen sein.

„Wie 1763 wird er dann nicht aussehen“, erteilt Simon der Vorstellung vom Alten, das in neuem Glanz erstrahlt eine Absage. „Die Jahre und Veränderungen bleiben ablesbar, aber wir sorgen dafür, dass er in Würde altert.“

„Das soll mit einem Festgottesdienst passend zum Abschluss der Lutherdekade 2017 gefeiert werden“, freut sich Dr. Ingrid Hartmann, Vorsitzende des Kirchengemeinderates und -fördervereins Groß

Mohrdorf. Der Verein organisierte private Spenden und Fördermittel der Marlis-Kressner-Stiftung für die Restaurierung, die insgesamt etwa 50000 Euro gekostet hat. „Ohne Hilfe der Hochschüler wäre es doppelt so teuer geworden“, schätzt Tino Simon.

Susanne Retzlaff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Berlin

Der Deutschlandtourismus läuft, aber nicht in allen Ecken der Republik. Touristiker sagen, manche Regionen müssten sich besser vermarkten - und weg vom „Kirchturmdenken“.

mehr
Mehr aus Zwischen Sund und Trebel
Verlagshaus Stralsund

Apollonienmarkt 16
18439 StralsundTelefon: 0 38 31 / 20 67 40

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
10.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Benjamin Fischer
E-Mail: lokalredaktion.stralsund@ostsee-zeitung.de

Beilagen
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.