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Wo einst Schüsse fielen, gibt es heute den Traum vom Altwerden im Gutshaus

Steinfeld Wo einst Schüsse fielen, gibt es heute den Traum vom Altwerden im Gutshaus

Michael und Ruth Sing aus München haben sich mit dem Herrenhaus in Steinfeld ein Millionenprojekt aufgenackt/ Mit Liebe zum Detail sanieren sie ihren Alterswohnsitz, haben aber Angst vor den geplanten Riesen-Windrädern

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Steinfeld. Es tut sich was am Gutshaus in Steinfeld. Dort, wo einst ein Krieg zwischen Nachbarn tobte, der sogar mit Waffen ausgetragen wurde und vor Gericht landete, sorgt jetzt ein Ehepaar aus Bayern für einen Neuanfang. Ruth und Michael Sing aus München haben das Schloss, wie die Einheimischen sagen, von der Familie Utecht gekauft — nur leise ahnend, was da auf sie zukommt. Nämlich eine historische Aufarbeitung, die jetzt schon Hunderttausende verschlingt.

OZ-Bild

Michael und Ruth Sing aus München haben sich mit dem Herrenhaus in Steinfeld ein Millionenprojekt aufgenackt/ Mit Liebe zum Detail sanieren sie ihren Alterswohnsitz, haben aber Angst vor den geplanten Riesen-Windrädern

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Wir wurden hier im Dorf ganz nett aufgenommen. Die Nachbarn sind auch sehr hilfsbereit. Deshalb haben wir unseren Schritt nie bereut, auch wenn es mit der Bauerei mal nicht gut lief.“Ruth Sing (60), Neu-Steinfelderin

Schon am Eingang ist klar: Hier geht man auf eine Riesenbaustelle, Fenster und Türen stapeln sich, alte Steine warten auf eine Wiederverarbeitung, auch andere Baumaterialien liegen bereit. Und das ist auch in der Diele so. Der wertvolle Mosaik-Fliesen-Boden fällt einem gar nicht gleich auf, weil überall Eimer, Kisten und Kabelrollen stehen. „Ja, wir leben auf einer großen Baustelle“, sagt Ruth Sing und ergänzt: „Zum Glück konnten wir in zwei Räume erst einmal einziehen, während in allen anderen Zimmern gebaut wird. Aber der Baustaub zieht überall hin...“ Die 60-Jährige zeigt uns eine kleine Kammer. Hier hat sie die Utensilien für ihre Firma untergebracht. „Ich handle mit Ledergürteln. Später will ich die hier auch mal selbst herstellen“, erklärt die Rheinländerin, die einst als Steuerfachgehilfin und als Chefsekretärin in Bayern ihr Geld verdiente.

Ihr Mann Michael zeigt Fachwerk, das in den kleinen Räumen der zweiten Etage zum Vorschein kam. „Nach dem Krieg hat man hier offenbar Zwischenwände eingezogen und alles verputzt, um möglichst viele Zimmer zu bekommen. Wir wollen das wieder so herrichten, wie es bei der Familie Wedding, den letzten Gutsherren, gewesen ist“, sagt der 53-Jährige, der in München bis zuletzt als Geschäftsführer in der Telekommunikationsbranche tätig war. Seit einem Jahr ist nun das Gutshaus Steinfeld sein täglich Brot. „Wir haben hier zwei Leute eingestellt. Gemeinsam sanieren wir Stück für Stück. Alles von unserem Ersparten. Natürlich werde ich nicht ewig hier den ganzen Tag arbeiten können. Irgendwann ist die Kasse leer und ich muss auch wieder Geld verdienen...“ Bis dahin geht‘s mit Hammer, Maurerkelle und Kabeltrommel durchs Haus.

Ob Saal, Speisekammer oder Spielzimmer, die Sings wissen genau, wie es früher hier gewesen ist. Freiwillig, denn von der Denkmalliste wurde das 1850 gebaute Haus schon gestrichen.

„Eines Tages stand hier eine ältere Dame vor der Tür und hat uns erzählt, dass sie oben im Schlafzimmer geboren wurde. Das war die Tochter von Professor Wedding. Sie hat uns von der großen Linde, ihrem Lieblingsbaum, erzählt, der heute noch im Park steht. Und sie hat uns aus dem Gedächtnis einen Plan gemacht, auf dem man genau sehen kann, was in welchem Zimmer stand“, ist Ruth Sing noch immer begeistert von dieser Begegnung. Die Familie Wedding, 1945 enteignet, wollte das Gutshaus samt Anwesen nach der Wende zurückkaufen. Da das Ensemble nicht mehr vollständig war, hat man davon Abstand genommen. „Jetzt sind sie froh, dass wir alles so aufbauen, wie es damals gewesen ist. Damit sehen die Weddings ihr Lebenswerk fortgesetzt“, sagt Michael Sing.

Eine tolle Entdeckung machte Familie Sing, die übrigens zwei Kinder hat, von denen der Sohn mit nach Steinfeld zog, im Erdgeschoss. „Hier waren Türen einfach zugemauert. Jetzt stellte sich heraus, dass die gesamte untere Etage mit Doppeltüren ausgestattet war. Die haben wir frei gelegt. Und dann mussten wir natürlich wieder solche Türen beschaffen. Da wurde ich in Hamburg fündig“, berichtet der Hausherr. Auch die 40 Fenster mussten ersetzt werden.

Und seine Frau meint: „Ich habe von den Gardinen bis zum Kerzenleuchter viele Dinge im Internet ersteigert. Wir hatten aber auch vorher schon viele Antiquitäten gesammelt.“ Da habe sie in München zum Beispiel einen zusammenklappbaren Scherenstuhl an Land gezogen. „Und dann hat mir die Frau, die hier geboren wurde, eine Postkarte gezeigt, auf der genau so ein Scherenstuhl zu sehen war. Einfach toll, wie sich so ein Bogen schließt.“ Doch sie wolle das Gutshaus Steinfeld nicht zum Museum machen, betont sie. „Ich möchte aus jeder Epoche etwas bewahren, und das heißt auch, dass es hier moderne Elemente geben wird.“

Viele in der Gemeinde fragen sich: Wie kommt eine gut situierte Familie aus Bayern auf die Idee, eine Gutshaus-Ruine in Vorpommern wieder aufzubauen? „Wir waren vor drei Jahren hier mit dem Wohnmobil unterwegs und sind seitdem begeistert von Land und Leuten. Und wir wollten für unseren Lebensabend etwas Schönes schaffen. Uns schwebt vor, hier vielleicht später gemeinsam mit anderen Senioren zu wohnen, die sich ihr eigenes Pflegepersonal leisten können, um würdevoll alt werden zu können. Allein schon dieser Park ist ein Kleinod. Vor dem Haus schaut man auf einen Teich. Und was wir hier schon alles für Tiere gesehen haben — viel mehr als in Bayern“, erzählt Ruth Sing und findet, dass das Haus groß genug sei für so ein Projekt. „Naja, drei bis fünf Jahre werden wir wohl noch brauchen, bis alles fertig ist“, sagt Michael Sing und meint: „Und bis dahin muss man sich über jeden kleinen Etappensieg freuen. An das große Ganze darf man jetzt noch nicht denken, sonst wird man verrückt.“

Eine große Sorge haben die Sings aber. „Sollte der Windpark nahe Müggenhall mit den 200 Meter hohen Masten wirklich gebaut werden, ist die Idylle dahin.“

Steinfelder Herrenhaus mit Park ist 166 Jahre alt

1273 wird der Ort erstmals erwähnt. Ein steiniges Feld oder ein markanter Stein, daraus wird „Stenvelt“ und schließlich Steinfeld.

Steinfeld war Lehen der Oebelitzer bis ins 15. Jahrhundert. Dann verkauften die Brüder Hermann und Henneke von Oebelitz ihren Steinfelder Besitz mit Ausnahme des zum Krug gehörenden Landes an das Kloster Neuenkamp.

Durch die Reformation gelangte der Ort in den Besitz des Greifengeschlechts. Gestützt auf das Recht der Waffen hat Schwedenkönig Gustav II Adolf 1630 zur Finanzierung seines Krieges einige Güter der Pommernherzöge an Stralsunder Bürger verkauft. Steinfeld ging an Johann von Scheven. Dessen Nachkommen waren im Jahre 1696 allerdings nur noch Pächter des neuen Pommernherzogs, also des schwedischen Königs. Seinerzeit stand es nicht gut um Steinfeld. Land lag brach, der Ort war ziemlich öde.

1850 wurde das Gutshaus in Steinfeld gebaut, später erfolgte noch ein Anbau.

1900 war Steinfeld Rittergut und gehörte dem Major von Schlagenteuffel.

1937 übernahm Harald Wedding das Gut. Der Professor war letzter Besitzer vor der Bodenreform. Seine Töchter leben noch und halten Kontakt zu den heutigen Besitzern.

Nach dem Krieg wurde das Gutshaus in mehrere Wohnungen umfunktioniert. Anfang der 90er-Jahre kaufte Familie Utecht aus West-Berlin das Gutshaus. Seit Ende 2014 sind Ruth und Michael Sing Eigentümer des Gutshauses samt Nebengebäuden und Park.

Hingucker ist der Park , und der hat nicht nur eine wunderschöne Linde, sondern auch eine Trauerbuche. Beide Bäume sind mindestens 100 Jahre alt. „In den Park musste man sich einfach verlieben. Das macht die vielen Defizite im Haus wieder wett. Sowas findet man im Leben nur einmal“, schwärmt Ruth Sing. Die 60-Jährige hat schon Pläne — vom Gartenbeet über die großzügige Terrasse bis hin zum Kartoffelfeld. iso

Von Ines Sommer

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