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„Alkohol war bei uns an der Tagesordnung“

Wolgast/Heringsdorf „Alkohol war bei uns an der Tagesordnung“

Sabine S. fand bei den Anonymen Alkoholikern Lebenshalt / Regelmäßig treffen sich Gruppen in Wolgast und Heringsdorf

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Wenn der Alkohol zum täglichen Begleiter wird, gibt es kaum ein Entkommen. Hilfe bieten die Anonymen Alkoholiker.

Quelle: Ove Arscholl

Wolgast/Heringsdorf. „Ohne die Selbsthilfegruppen Anonymer Alkoholiker wäre ich heute tot.“ Sabine S. ist 63 Jahre alt und alkoholkrank. Sie erzählt ihre Geschichte, um andere, die von dieser Sucht betroffen sind, zu ermutigen, sich Hilfe zu holen. Durch eine professionelle Therapie und danach so oft es geht und immer wieder in einer der Selbsthilfegruppen. Über 2000 solcher Gruppen gibt es in der BRD, 20 in M-V, eine davon in Wolgast und eine ebenfalls seit Jahren in Heringsdorf.

„Mein Vater hat getrunken. Alkohol war bei uns immer an der Tagesordnung“, erzählt Sabine, wie es angefangen hat. Dass sie sich des trunkenen Vaters geschämt habe und deshalb keine Klassenkameraden zu sich nach Hause einladen wollte. „Mit 15 habe ich meinen ersten Mann kennengelernt und hatte mit 16 den ersten Blackout.“

Sie hat früh geheiratet und mit 20 war sie zum ersten Mal Mutter. Die junge Familie hat damals auf dem Dorf gelebt — zu allem Unglück über der Kneipe, in der Sabine auch bedient hat. Sie bekam den zweiten Sohn und wenn sie sich, wie so oft, schon vormittags mit Freundinnen getroffen hat, dann hieß es nicht, Kaffee oder Tee, sondern Schnaps oder Bier.

Nach außen hin schien ihre Ehe intakt, aber es kam immer häufiger zu Auseinandersetzungen, auch zu häuslicher Gewalt. „Ich habe meinen Mann und meinen ältesten Sohn verlassen und habe mir in der Stadt eine Sozialwohnung genommen. Da habe ich nicht getrunken, hatte das Gefühl, alles im Griff zu haben. Als mein Mann irgendwann unseren Jüngsten aus der Wohnung geholt hat, wollte ich mich umbringen. Ich hatte kein Geld, nichts zu essen und keine Arbeit. Nachbarn haben gesehen was mit mir los ist und mir eingeschärft, mich um mich selbst zu kümmern. Ich bin in die nächstgrößere Stadt gezogen, habe eine zweijährige Umschulung gemacht, habe weiter getrunken, gefeiert, Party gemacht. Das ist die Freiheit, habe ich mir eingeredet. Da war ich 38 und hatte meine Kinder zwei Jahre nicht gesehen.“

In den nächsten Jahren ist Sabine noch neunmal umgezogen. Immer auf der Suche, eigentlich nicht wissend, wonach. Nur die Ahnung, dass tief im Inneren etwas mit ihr nicht stimmte. Der Alkohol war längst ihr ständiger Begleiter geworden. Wo auf Arbeit nicht getrunken wurde, hat sie das eingeführt.

Dann ist sie sehr krank geworden. Verfiel nach einer Operation in Depression. Sie was seelisch und körperlich am Ende. Die Gelenke waren so geschwollen, dass sie nicht mehr laufen konnte. Die Party zu ihrem 40. Geburtstag fiel aus. Sie landete im Krankenhaus und vorübergehend auch im Rollstuhl. Eine Putzfrau, die sie mit mitleidigem Blick gestreift hat, sagte einen Satz, den Sabine erst später verstehen sollte: „Für Sie gibt es auch Hilfe!“

Eine Bekannte hat sie mit zum Meeting einer Selbsthilfegruppe Anonymer Alkoholiker genommen. „Ich war völlig abgemagert und muss schrecklich ausgesehen haben. Sie sagten einfach, schön, dass du da bist. Ich habe fasziniert zugehört, was die anderen von ihrem Leben erzählt haben. Und als man mich fragte, wovon ich abhängig sei, nahm ich die Frage unbeantwortet mit nach Hause. Habe ich mich die ganze Zeit belogen? Habe ich wirklich noch alles im Griff?“

Von da an hat Sabine S. nicht mehr getrunken. Die „Anonymen Alkoholiker“ gaben ihr endlich Lebenshalt. „Ich habe diese Geschichten gebraucht, um mir einzugestehen, dass ich Alkoholikerin bin. Und das war der erste Schritt um Klarheit über mein Leben zu bekommen. Ich suchte mir eine neue, eine trockene Geselligkeit, konnte wieder lachen, und auch wieder weinen. Und habe meinen 1. Trockengeburtstag gefeiert, glücklich, wie noch nie in meinem Leben.“

Das ist jetzt 20 Jahre her. Sabine hat bei den „Anonymen Alkoholikern“ ihren Mann kennengelernt und ist seit zehn Jahren mit Günter glücklich verheiratet. Bis heute suchen sie einmal in der Woche ihre Selbsthilfegruppe auf. Und bevor sie eine Urlaubsreise antreten, suchen sie im Internet nach einer entsprechenden Kontaktadresse. Sabine hat wieder Kontakt zu ihren Söhnen und mittlerweile fünf Enkelkinder und sie hat eine Arbeit, die sie zufrieden macht. „Ich stelle mich nicht mehr in Frage. Ich bin okay!“

Ein Ziel: Genesung vom Alkoholismus

Präambel der Anonymen Alkoholiker:

Anonyme Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen. Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Die Gemeinschaft kennt keine Mitgliedsbeiträge oder Gebühren, sie erhält sich durch eigene Spenden.

Die Gemeinschaft AA ist mit keiner Sekte, Konfession, Partei, Organisation oder Institution verbunden; sie will sich weder an öffentlichen Debatten beteiligen, noch zu irgendwelchen Streitfragen Stellung nehmen.

Unser Hauptzweck ist, nüchtern zu bleiben und anderen Alkoholikern zur Nüchternheit zu verhelfen.“

Die Heringsdorfer Selbsthilfegruppe trifft sich freitags um 19 Uhr in der Kurklinik, Delbrückstraße; die Wolgaster Gruppe hat ihren Treff montags 19.30 Uhr in der St. Jürgen-Kapelle.

Von Ingrid Nadler

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