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„Lieber Unbekannter“: Seelsorge per Internet

Greifswald „Lieber Unbekannter“: Seelsorge per Internet

Die E-Mail ist anonymer als das Telefonieren – Trotzdem kann die Begleitung intensiv sein, sagt ein Ehrenamtler aus Greifswald

Greifswald. Es gibt E-Mails, die Seelsorger Manfred Hille durch Mark und Bein gehen. Zum Beispiel die, als ihm jemand nur vier Sätze schrieb, vier Sätze mit der einen Botschaft: Ich trinke mich zu Tode. Hille antwortete damals schnell und engagiert. Doch wie er später auf dem Portal der Ökumenischen Telefonseelsorge sah, holte der Ratsuchende diese E-Mail nie ab.

Das gehört zu den Besonderheiten der E-Mail-Seelsorge: dass Hille die Wirkung seiner Worte nicht direkt miterlebt. Dass seine Worte möglicherweise nie ankommen. „Aber vielleicht war schon das Schreiben der einen Mail an sich heilsam oder hilfreich“, hofft er dann.

Anonymität wird beim E-Mailangebot der Ökumenischen Telefonseelsorge großgeschrieben. Die Absenderadresse des Ratsuchenden bleibt für den Seelsorger unsichtbar, umgekehrt erfährt der Ratsuchende nicht, wer sein Seelsorger ist – auch Manfred Hille heißt in Wirklichkeit anders. Vor rund 20 Jahren hat die Ökumenische Telefonseelsorge, getragen von der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland, dieses Angebot gestartet. Mehr als 6000 Menschen nutzen es inzwischen jedes Jahr, vor allem jüngere. Und längst gibt es weitere Seelsorge-Portale im Internet.

In 99,2 Prozent der Fälle kommt nach der ersten E-Mail wirklich ein Seelsorge- oder Beratungsgespräch in Gang. Oft berührend, spannend und intensiv, wie Hille sagt. Natürlich: Nie kann der ehrenamtliche Seelsorger wissen, wer ihm da Nachrichten tippt. Vielleicht ist die „junge Frau“ in Wirklichkeit ein Mann Mitte 50. „Am Telefon würde ich so was hören“, sagt Hille. Er würde auch hören, ob der oder die Hilfesuchende gerade weint, aufgebracht ist oder alkoholisiert. „Aber auch die Sprache verrät ja einiges“, sagt er. „Ich habe gelernt, auf Wortwahl, Rhythmus, Interpunktion zu achten und zwischen den Zeilen zu lesen.“

Was Hille dort findet, macht er oft zum Thema. Wie neulich bei einer Frau, die sich nach einem Schwangerschaftsabbruch an ihn wendete. „Ihre Zeilen klingen so einsam“, schrieb er ihr. „Gibt es niemanden in Ihrem Umfeld, der Ihnen nahe ist, Sie sehen kann, der Sie trösten und stützen kann in dieser Zeit?“ Auch Liebeskummer, Stress in der Familie, Trauer, Sucht, Essstörungen und Todessehnsucht sind Themen in den E-Mails, die er bekommt. Anders als bei der Telefonseelsorge, bei der ein Ratsuchender mit jedem Anruf neu vermittelt wird, landen die E-Mails von Hilles Klienten immer bei ihm. „So kann die Seelsorge begleitenden Charakter haben“, sagt er. Wie damals bei dieser jungen Frau, die sich das Leben nehmen wollte: „Wir haben fast ein halbes Jahr lang gemailt.“

Dass ein E-Mail-Seelsorger Zeit hat, über seine Sätze nachzudenken oder auch mal etwas nachzulesen, empfindet Hille als großen Vorteil. Vor 17 Jahren hat er eine Ausbildung bei der Ökumenischen Telefonseelsorge gemacht, sich über Monate hinweg mit Lebensthemen auseinandergesetzt, Gesprächsmethoden gelernt und reflektiert, was andere bei ihm auslösen. „Als E-Mail-Seelsorger kann ich zusätzlich die Ressourcen des Internets nutzen“, sagt er. Etwa die Adressen von Selbsthilfegruppen verschicken, unbekannte Begriffe googeln oder Liedtexte von Bands in eine Antwortmail kopieren.

Nur eins vermisst er manchmal: dass er mit den Ratsuchenden nicht schweigen kann. Einfach da sein und schweigen. „Wie soll man das in einer Mail ausdrücken?“

• www.telefonseelsorge.de

Sybille Marx

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