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Statt zu arbeiten, gehen manche Jugendliche lieber in den Knast

Greifswald Statt zu arbeiten, gehen manche Jugendliche lieber in den Knast

Zahl der Strafverfahren bleibt konstant / Richter registrieren Verhaltensänderungen / Bewusstsein, eine Straftat begangen zu haben, nimmt immer wieter ab

Greifswald. /Wolgast. „Wir haben deutlich mehr Jugendarrest verhängt als in der Vergangenheit“, informiert der Greifswalder Amtsgerichtsdirektor Jörg Dräger. „Gefühlt geschah das 2015 doppelt so häufig wie 2013 und 2014 zusammen.“ Die Ursache liege in einem Werteverlust. Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein fehlten bei immer mehr jungen Missetätern.

Nichterfüllungsarrest nennen das die Juristen. Den Straftätern wurden Auflagen erteilt, beispielsweise Arbeitsstunden zu leisten. „Sie gehen aber lieber ins Gefängnis, als früh aufzustehen und zur Arbeit zu gehen“, erläutert Dräger. „Dabei befreit der Arrest sie nicht von den Auflagen.“

Jörg Dräger, selbst als Jugendrichter tätig, berichtet von einem Fall, wo ein Straftäter nicht zur Verhandlung kam. Auf seinen Anruf hin, kam dieser auch nicht sofort, sondern meinte, dass er noch zwei Stunden brauche. „Diesen Leuten fehlt auch häufig das Bewusstsein, dass sie eine Straftat begangen haben“, schätzt Geschäftsstellenleiter Thomas Maron ein. Sie könnten sich nicht in die Gesellschaft einordnen, wüssten gar nicht mehr, was ein normales Verhalten sei. Ihre Sprache sei sexualisiert.

Andererseits seien diejenigen, die vor dem Jugendrichter landen, nicht repräsentativ für ihre Altersgruppe, sondern eine ganz kleine Minderheit, betonen Jörg Dräger und ThomasMaron. Häufig kämen die jugendlichen Straftäter aus Familien, in denen die Eltern seit vielen Jahren von Hartz IV leben, ihre Kinder kennen nichts anderes, als dass die Eltern zu Hause sind. „Das Bildungsniveau der Angeklagten ist niedriger geworden“, führt der Direktor weiter aus.

Dabei ist die Zahl der Strafverfahren etwa auf dem Niveau von 2013 und 2014. Vor fünf bzw. sechs Jahren gab es eine deutliche Reduzierung. Dräger führt das auf die Alterung der Bevölkerung zurück. Es leben deutlich weniger Jugendliche als früher in Vorpommern.

„2015 gab es aber eine leichte Zunahme bei den Erwachsenenstrafverfahren“, informiert er. Möglicherweise seien die jungen Missetäter von gestern die älteren von heute. Die Statistik weist für das letzte Jahr insgesamt 259 Strafverfahren durch Einzelrichter für Jugendliche aus und 55 von Schöffengerichten in Greifswald auf. Diese Zahlen lassen sich wegen der Gerichtsreform aber nicht mit denen der Vergangenheit in der Universitätsstadt vergleichen. Greifswald ist jetzt auch für den früheren Amtsgerichtsbezirk Wolgast verantwortlich. Teile von Anklam und Demmin (Peenetal/Loitz und Jarmen-Tutow) kamen schon 2014 hinzu.

Flüchtlinge spielten bisher für die Arbeit des Greifswalder Amtsgerichts kaum eine Rolle. „Weder bei der Zahl noch bei der Art der Delikte“, sagt Dräger. „Bis jetzt gab es nichts auffälliges.“ Wenn Ausländer beteiligt seien, dann gehe es in aller Regel um grenzüberschreitende Kriminalität. Durch die Gerichtsreform reicht der Greifswalder Verantwortungsbereich bis zur polnischen Grenze. Auch die Demonstrationen für oder gegen Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik spielten bisher im Amtsgericht keine wichtige Rolle. Die wenigen Verfahren seien vernünftig angelaufen, betont Jörg Dräger. Mit den Zeiten, als gegen Castortransporte nach Lubmin demonstriert wurde, sei das überhaupt nicht vergleichbar.

Von Eckhard Oberdörfer

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