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Traum oder Trauma?

Reetzow Traum oder Trauma?

Dorfgeschichten: 1945 war Reetzow Zufluchtsort für mehr als 60 Flüchtlinge / Erwin Rosenthal erinnert sich / Teil 1

Reetzow. In der Idylle des Usedomer Achterlandes liegt das heute 188 Seelen zählende Dorf Reetzow. Östlich des Ortes befinden sich der Gothensee sowie das Thurbruch und im Westen der mit 58 Metern zweithöchste Berg der Insel, der Kieckelsberg (auch „Kückelsberg“ genannt). Wer den Berg und seinen Aussichtsturm erklommen hat, wird für die Mühe durch den Ausblick reich belohnt. Die Nachbarorte Sellin, Sallenthin, Labömitz sowie Benz befinden sich jedoch außerhalb der Sichtweite.

Von Bansin aus erreicht man Reetzow über das Dorf Bansin und Sallenthin. Bereits der Weg verheißt landschaftliche Schönheit: Von der „Bergmühle“ aus bietet sich ein herrlicher Blick auf den Gothensee sowie Heringsdorf und der rechterhand aufragende Aussichtsturm „Sieben-Seen-Blick“ hält, was sein Name verspricht. Hinter Sallenthin gelangt man durch den „Röten“, vorbei an der Wüstung Rossenthin und am Rauhen Berg nach Reetzow.

Ersterwähnung fand der Ort als „Redessow“ in einer Urkunde von 1267. Früher datierte Urkunden mit dem Ortsnamen sind Fälschungen des Klosters Grobe. Durch diese oft geübte Praxis konnte die Kirche Ländereien oder Gerechtigkeiten, etwa die Blutgerechtigkeit, erlangen. Die Geschichte des Dorfes reicht aber noch weiter zurück! Im Jahre 1950 wurde in einer Kiesgrube am Ortsrand ein Tonkrug mit zerkleinerten arabischen Silbermünzen („Hacksilber“) gefunden, wie sie im Ostseeraum in der Zeit vom 6. bis zum 12. Jh. als Zahlungsmittel benutzt wurden. Münzen dieser Art stammten in der Regel aus dem heutigen Iran, Usbekistan, Afghanistan oder Nordafrika. Das Silber war offensichtlich vergraben worden, um es vor feindlichem Zugriff zu sichern.

Bis 1958 war Reetzow schwer zu erreichbar, da nur ausgefahrene Landwege zum Ort führten. Den im Jahre 1907 geplanten Straßenbau von Sallenthin über Reetzow nach Labömitz und Katschow hatte die Gemeindevertretung abgelehnt, ein Bahnanschluss fehlt ebenfalls. Erst im Jahre 1958 wurde die Straße von Sallenthin nach Reetzow asphaltiert, während die Straßen Reetzow – Labömitz und Reetzow – Ulrichshorst 1970 eine Bitumendecke erhielten.

So blieben in früheren Zeiten die Einwohner meistens unter sich. Im Dorf gab es zwei Kolonialwarenläden und eine Gaststätte mit einem Tanzsaal. Wenn junge Burschen aus den Nachbarorten zum Tanz kamen, war Streit vorprogrammiert, im Jahre 1914 hatte man nach einer Schlägerei gar einen Toten zu beklagen. Auch der Reetzower Dialekt unterschied sich von dem der Nachbarorte. Dort nannte man sie auch „dei leiben Rätzowschen“ (sehr langgezogen gesprochen). Das Brot buk man noch bis 1925 selbst, Wurst, Schinken und Gänsebrust reiften im „Rökerwiemen“. Mit Theodor Storm könnte man über den damaligen Ort sagen: „Kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit.“

Die Geisel der Einwohner waren die Kriege! Die Männer wurden einberufen, denn die Pommern galten als tapfere und gehorsame Soldaten. Ihre Knochen bleichten nicht nur auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt, sondern auch auf denen von Königgrätz, Leipzig, Sedan, Verdun und Stalingrad sowie bei den Düppeler Schanzen. In den beiden Weltkriegen fielen 20 junge Reetzower.

Ein Schicksalsjahr war für das Dorf das Jahr 1945. Die Front kam im März bereits bedrohlich nahe. In Ortsnähe befanden sich Schützen- und Panzergräben, Bunker, Laufgräben und Maschinengewehrnester, auf dem Kieckelsberg gab es eine Scheinwerferstation. Am 12. März fiel die nur 12 Kilometer entfernte Kreisstadt Swinemünde in Schutt und Asche. Frauen mit ihren Kindern, die dort „enthaust“ worden waren, suchten nun Unterschlupf bei Verwandten in Reetzow. Andere, vor der heranrückenden Front geflüchtete Frauen und ihre Kinder, hatten bereits eine Wochen oder Monate währende Odyssee hinter sich, bevor sie den Ort erreicht hatten. Ein älterer Gutsbesitzer und seine Frau ratterten aus Hinterpommern mit dem Traktor heran.

(Fortsetzung folgt)

Prof. Erwin Rosentahl

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