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„Wir sollten weniger über Arndt reden“

Greifswald „Wir sollten weniger über Arndt reden“

Debatte neu entfacht: Heute berät der Uni-Senat / Zu den Fehlern der Initiative äußert sich der Ex-Sprecher

Greifswald. Im Jahr 2009, der letzten Arndt-Debatte haben wir Fehler gemacht. Da der Akademische Senat der Universität jetzt wieder über Ernst Moritz Arndt diskutieren will, möchte ich davor warnen, unsere Fehler zu wiederholen. Was war passiert? 2009 schlossen sich viele Studenten zur Initiative „Uni ohne Arndt“ zusammen. Bei der ersten Aktion las ich öffentlich vor der alten Mensa als Arndt kostümiert, seine Texte im Original vor. Innerhalb von 30 Minuten gingen sieben Anrufe von Bürgern bei der Polizei ein: Wegen Volksverhetzung. Durch die anschließende polizeiliche Räumung wurde ich zum bekannten Gesicht der Initiative.

Doch was waren die Fehler? Unsere Kampagne dauerte ein Jahr lang. Wir durchwühlten Archive, befragten Historiker, führten Lesungen durch und organisierten Debatten. Mit all den Ergebnissen füllten wir Plakate, einen Blog und eine Zeitung. Vom akademischen Anspruch beseelt, glaubten wir, dass wir so viele Fakten verbreiten müssten wie möglich, dann würden automatisch alle das Problem selbst erkennen.

Inhaltlich brillierten wir: Den antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Charakter von Arndts Hass-Schriften konnten schlussendlich selbst die Anhänger des Uni-Namens nicht leugnen.

Unter www.uni-ohne-Arndt.de sind sie bis heute dokumentiert. Dennoch verloren wir die Debatte insgesamt. Bei jeder Diskussion, mit jedem Plakat und bei jedem „Recht behalten”, spalteten wir die Studierendenschaft in Gewinner und Verlierer. Jeder, der Arndt verteidigte, fühlte sich schnell in die Ecke gedrängt, zum „Verlierer“ wenn nicht gar zum Nazi abgestempelt. Uns eilte schnell der Ruf der notorischen Besserwisser voraus, die sich nur „profilieren wollten“. Die Stimmung in der Studierendenschaft und der Stadt war aufgeheizt, die Debatte immer aggressiver und die Lager verfeindet.

Ein weiteres Problem war die Angst vieler Studierenden, dass der eigene Abschluss durch eine Namensänderung der Universität abgewertet würde. Ohne Namenspatron klinge der Name „Universität Greifswald” doch sehr provinziell, so ihr Argument. Die Bürger sahen hingegen die Bekanntheit des einzigen Vorpommern in Gefahr und Abwertung. Doch statt einen Alternativnamen, wollten wir damals verbissen lieber über „ihn” diskutieren. Arndt, Arndt, Arndt – das wollte bald niemand mehr hören. Wenn der Akademische Senat jetzt erneut eine wissenschaftliche Arndt-Debatte anregt, schlägt die Universität den gleichen Weg ein. Sie diskutiert über Arndt, über den eigentlich schon alles gesagt und erforscht ist. Die geplante Urabstimmung spaltet wieder in Arndt-Befürworter und -Gegner. In Gewinner und Verlierer. Ein Konflikt, der nicht nur die Uni, sondern auch die Stadt und die Parteien spaltet.

Der Namenspatron wurde der Universität von der NSDAP verliehen. „Nur wenn wir so denken (wie Ernst Moritz Arndt), werden wir auch im Sinne des Führers unseres Volkes handeln. Aus seinem Geist heraus lebt nicht zum wenigsten die Gegenwart”, sagte der damalige Rektor, Prof. Dr. Heinrich Laag in seiner Rede bei der feierlichen Namensverleihung 1933. Hermann Göring war Ehrengast. Wie wäre es, wenn wir, die Studenten, Professoren und Bürger uns die Frage stellen, aus welchem Geiste heraus unsere Gegenwart im Jahre 2016 lebt oder besser leben soll?

Ich möchte einen offenen Wettbewerb für einen neuen Namenspatron vorschlagen, an dem sich nicht nur Studierende und Professoren, sondern auch die Bürger der Stadt beteiligen können. Statt uns weiter über Arndt zu zerlegen, sollten wir uns überlegen, welche historische Persönlichkeit für uns heute die besten Werte verkörpert, die diese Universität und diese Stadt für die Zukunft in die Welt tragen will. So wird die Umbenennung nicht nur ein notwendiger Akt sondern ein Symbol demokratischer Mitbestimmung in einer freien Gesellschaft. Uni, Stadt und private Sponsoren sollten zusammenlegen und ein Preisgeld von mindestens 10000 Euro für diesen Wettbewerb ausschreiben. Dieser Anreiz sollte ausreichen, um gut recherchierte und begründete Vorschläge zu erhalten. Eine Jury, auch mit Vertretern der Bürger, trifft eine Vorauswahl. Die besten fünf Vorschläge gehen in die Uni-Urabstimmung. Auch Arndt könnte im Wettbewerb sein. So können wir darüber streiten welche Werte uns „wichtiger” sind und uns heute am „besten repräsentieren”, statt ob A oder B „Recht hat”. Als Symbol, dass mir der Vorschlag ernst ist, biete ich dem Senat an, die ersten 1000 Euro für diesen Wettbewerb zu stiften.

Sebastian Jabusch

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