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Usedom Aus dem Müll in die Hand auf den Herd
Vorpommern Usedom Aus dem Müll in die Hand auf den Herd
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00:00 01.04.2014
Blick in die Abfalltonne eines Greifswalder Supermarkts: Viele Früchte sind noch essbar. Quelle: Lovis Krüger
Greifswald

Susanne Brinkmann (Name geändert) kommt in einer Regenjacke aus ihrer Haustür. Eine halbe Stunde nach Ladenschluss geht die Studentin im Dunkeln die paar Schritte zum nächsten Supermarkt. Über die Mülltonne gebeugt freut sie sich im Licht der Straßenlaternen über die vielen Früchte, die sie bergen kann.

Längst nicht alle unverkäuflichen Lebensmittel sind auch ungenießbar. „Essen sollte wertgeschätzt werden — nicht nur im monetären Sinne“, sagt Brinkmann. Die 24-Jährige containert. Das bedeutet: Sie sucht nach Einbruch der Dunkelheit in den Mülltonnen der Supermärkte nach noch verwertbaren Lebensmitteln. Ihr persönlich geht es nicht darum Geld zu sparen, sondern zu verhindern, dass Essen verschwendet wird. Die Studentin geht zwei- bis dreimal in der Woche an die Abfallcontainer in Greifswald. „Wenn man in eine Tonne eines Supermarkts blickt, ist es darin nicht so eklig, wie man sich das vorstellt“, berichtet sie. Manchmal sei es schon unangenehm, wenn zum Beispiel ein Becher Sahne ausgelaufen ist. Oft werden aber ganze Packungen von Obst und Gemüse weggeworfen, zum Beispiel ein Netz Mandarinen, weil eine von ihnen schlecht ist oder Salatköpfe, deren Verpackung beschädigt ist. Susanne hat auch schon ein Glas Nuss-Nougat-Creme, Schokoladenkuchen oder zwölf Liter Wein gefunden. Eine typische Ausbeute könnte so aussehen: Feldsalat, Mandarinen, Paprikas, Zwiebeln, eine Wassermelone, ein Karton Eier, von denen eines zerbrochen ist sowie abgelaufene Wurst — und Schnittrosen.

Doch es ist verboten, Essen aus der Mülltone zu holen (siehe Infotext). Würde Brinkmann erwischt, drohe eine Geldstrafe, vermutet die Studentin. „Das verängstigt viele, die aus finanziellen Gründen containern müssen“, sagt sie. Aber die meisten machten das aus Überzeugung. Manche Supermärkte sichern ihre Mülltonnen mit Zaun und Schloss. Dann würde Susanne dort keine Lebensmittel holen, sagt sie. Manchmal sei sie auch schon von Supermarktmitarbeitern an den Tonnen gesehen und ignoriert worden. Susanne vermutet, dass es ihnen auch wehtut, so viele Lebensmittel wegzuwerfen. Insgesamt hat die 24-Jährige den Eindruck, dass heute mehr Leute Nahrung aus dem Abfall essen als noch vor einigen Jahren. „Manchmal trifft man sich an der Tonne und tauscht Lebensmittel“, sagt sie. Inzwischen könne sie auch problemlos auf der Geburtstagsfeier ihrer Großmutter über das Containern berichten. „Wenn ich erzähle, was ich alles entdecke, findet es meine Großmutter sogar gut, dass ich die Lebensmittel aus der Tonne hole“, sagt Brinkmann. Die Welternährungsorganisation FAO hat 2013 untersucht, wie viele Nahrungsmittel nicht verzehrt wurden. Ergebnis: 1,3 Milliarden Tonnen landeten im Müll. Das heißt, knapp ein Drittel aller landwirtschaftlichen Flächen weltweit werden unnötig bewirtschaftet. Im Umsonstladen in der Wolgaster Straße besteht die Möglichkeit, Lebensmittel zu tauschen. Brinkmanns Wunsch: Konventionelle Supermärkte könnten Übriggebliebenes abgeben, oder auf anderem Weg versuchen, ihren Abfall zu reduzieren. Zum Beispiel weniger einkaufen, Obst und Gemüse lose anbieten oder über ein Rabattsystem verderbliche Lebensmittel schneller absetzen. Der Naturschutzbund arbeitet daran, einen Kühlschrank in der Mensa am Wall aufzustellen. Dieser soll als Umtauschplatz für alle Nahrungsmittel dienen, die die Studenten nicht mehr essen wollen. Die Containerin hofft, dass mehr Hochschüler auf die Lebensmittelverschwendung aufmerksam werden und dass die Elite von morgen ihr Konsumverhalten hinterfragt.

Containern ist illegal
Diebstahl begeht jeder, der Lebensmittel aus einer Supermarkt-Tonne
mitnimmt. Die Lebensmittel gehören formal noch dem Geschäft. Wer dabei ein verschlossenes Tor überwindet,
begeht sogar Einbruch. Wenn die gestohlenen Lebensmittel weniger als 50 Euro wert sind, wird die Straftat nur auf Antrag vom Supermarkt verfolgt. Außerdem spielt eine Rolle, ob ein Schaden entstanden ist oder ob ein öffentliches Interesse besteht. In jedem Fall könnte der Supermarkt einen Strafantrag auf Hausfriedensbruch stellen. Viele Verfahren gegen Menschen,
die containert haben, wurden bisher wegen Geringfügigkeit eingestellt.



Lovis Krüger

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