Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Bruder starb mit zehn im Bombenhagel

Kamminke Bruder starb mit zehn im Bombenhagel

Theaterprojekt zum Thema Flucht auf dem Golm / Zeitzeugen berichten vom Angriff auf Swinemünde im März 1945

Kamminke. „Mama, was ist?“ – das waren die letzten Worte, die Wolfgang Krueger von seinem Bruder gehört hat. Wolfgang war acht. Martin, der älteste der drei Geschwister, war gerademal zehn, als ihn der Krieg sein junges Leben nahm. Detailliert schildert der Mann aus der Nähe von Hamburg die dramatischen Ereignisse von damals – nach 71 Jahren. Denn Wolfgang Krueger erlebte am 12. März 1945 als Kind den Bombenangriff der Amerikaner auf die Hafenstadt Swinemünde.

Jetzt sitzt er in der alten Schule, heute Teil der Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm in Kamminke. Sein Haar ist grau, seine Stimme zurückhaltend, sein Blick geht immer wieder in die Runde.

Vor ihm sitzen junge Menschen, die ein Theaterprojekt mit dem Thema Flucht und Migration planen. Der 80-Jährige erzählt seine Geschichte von Tod und Vertreibung, von Flucht und Entbehrung, von Hoffnung und seinem Leben am Rande der Großstadt Hamburg.

Hier, auf Usedom, wo sein Bruder auf dem Golm begraben wurde, erinnert er nun an den schrecklichen Tag in Swinemünde. Eigentlich wollte seine Mutter mit den drei Kindern bereits am 11. März 1945 nach Wochen der Flucht aus den Masuren und Hinterpommern in Richtung Westen weiterziehen. „Manchmal sind wir am Tag 18 Kilometer gelaufen. In Swinemünde fühlten wir uns aber wohl, so dass meine Mutter die Abfahrt um einen Tag verschob. Das war unser Verhängnis“, erinnert sich Wolfgang Krueger.

Auf dem Swinemünder Bahnhof standen an diesem Vormittag viele Züge. „Güterwagen, Personenwagen, alle waren randvoll mit Menschen. Wir fanden eine Ecke, wo wir stehen konnten. Doch der Zug fuhr nicht los – Fliegeralarm. Als Martin aus dem Fenster schaute, fiel in dem Moment eine Bombe. Ob die zerborstene Fensterscheibe oder ein Bombensplitter seine Halsschlagader traf, weiß ich nicht mehr. Er blutete stark, als er sich zu uns umdrehte und sagte, Mama, was ist?“, erzählt Wolfgang Krueger ruhig und gefasst.

Majd Hanna schüttelt mit dem Kopf und meint leise „krass“. Der 22-Jährige stammt aus Syrien und kann auch eine Geschichte von der Flucht erzählen. Seine liegt aber nur ein Jahr zurück. Über Libanon, Griechenland, Türkei und Ungarn kam er aus der syrischen Hauptstadt Damaskus nach Deutschland. „Ich wusste nicht, dass Flucht auch Teil der deutschen Geschichte ist. Da wundert es mich, dass manche Deutsche heute nicht akzeptieren, dass man seine Heimat verlassen muss“, sagt Majd, der schon häufig auf Ablehnung gestoßen sei. Er gehört zu den rund 20 jungen Leuten, die für zwölf Tage in der Jugendbegegnungsstätte zu Gast sind. Alle leben gegenwärtig in Deutschland (Hamburg) und Polen (vom Teatr Brama in Goleniow). Sie eint die Leidenschaft für das Theater. Inhalt des Projekts, das mit vier Aufführungen – sogenannte Straßen-Performance – seinen Höhepunkt erreicht, ist das Thema Flucht. „Sie blicken in die deutsche und polnische Geschichte und in unsere internationale Gegenwart. Sie sprechen und begegnen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen ihr Zuhause verlassen mussten“, sagt Bettina Harz, pädagogische Mitarbeiterin der Jugendbegegnungsstätte. Dazu gehörte das gestrige Zeitzeugengespräch mit Wolfgang Krueger und Czslaw Kuckiewicz aus Swinemünde, der als Kind mit seiner Familie von der sowjetischen Regierung nach Sibirien zur Zwangsarbeit deportiert wurde.

Aus Sibirien kehrte Wolfgang Kruegers Vater nach dem Krieg 1949 zurück. Die Familie lebte mittlerweile nahe Hamburg. „Von seiner russischen Kriegsgefangenschaft hat mein Vater kaum etwas erzählt“, so der 80-Jährige, der bis vor 20 Jahren in einer Versicherungsgesellschaft tätig war. Und der sich bei den Bildern im Fernsehen über Pegida-Aufmärsche immer wieder fragt: „Man weiß nicht, wie die Leute denken, ob sie alles vergessen haben.“

Henrik Nitzsche

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rankwitz
Die alte Schule ist heute der Heimathof

Gemeinde Rankwitz hat erfolgreich Fördermittel eingeworben

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Usedom
Verlagshaus Zinnowitz

Neue Strandstraße 31
17454 Ostseebad Zinnowitz

Öffnungszeiten:
Mo. bis Fr. von 10:00 bis 17:00

Leiter Lokalredaktion: Dr. Steffen Adler
Telefon: 03 83 77 / 36 10 14
E-Mail: zinnowitz@ostsee-zeitung.de

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.
Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Lererbriefe, Meinung, Teaser der den User auf die Seite "Leserbriefe" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Leserbriefe“ 2015-09-23 de Meinung Ihre Leserbriefe Über unser Kontaktformular können Sie uns gern Lob, Kritik, Ideen oder andere Anmerkungen zu aktuellen Themen aus Ihrer Region, MV und der Welt zusenden. Wir freuen uns auf Ihre Meinung. Hier geht es zum Formular.