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Usedom „Das Achterland darf nicht vergessen werden“
Vorpommern Usedom „Das Achterland darf nicht vergessen werden“
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17:17 09.05.2018
Axel Bellinger (64) wohnt seit Anfang der 1990er Jahre in Liepe. Dort baute er Ferienwohnungen. Quelle: Foto: H. Ewert

Sie sind der Meinung, dass das Achterland vernachlässigt wird. Warum?

Zur Person

Axel Bellinger ist 64 Jahre alt und wohnt seit 1990 auf der Insel Usedom. „Der Liebe wegen“ zog er nach Liepe. Seit 1994 ist er als Unternehmer tätig, unter anderem vermietet er Ferienwohnungen in Liepe und ist als Geschäftsführer von UsedomRad in verantwortlicher Position.

Axel Bellinger: Ich finde, dass der Lieper Winkel bzw. das Achterland in der Außendarstellung aller Medien zu kurz kommen. Die touristische Wahrnehmung ist nahezu chancenlos gegenüber der Darstellung der Seebäder. Das ist für diejenigen, die hier Tourismus betreiben wollen, sehr schwierig. Da muss nachgesteuert werden – mithilfe der neuen Ausrichtung der UTG. Damit lässt sich die Insel kommunalpolitisch besser abbilden. Ich habe die Hoffnung, dass die Möglichkeiten des Achterlandes in eine andere Wahrnehmung gerückt werden.

Stellen Sie sich vor, Sie werden Chef bei der künftigen Usedom Tourismus GmbH (UTG). Was würden Sie sofort anpacken?

Eine Analyse über die Gewichtung, die Übernachtungszahlen, die Entwicklung des Gäste-Klientels, die Altersstruktur und Strömungen. Wenn man diese Dinge betrachtet, kommt man zu dem Entschluss, dass die Möglichkeiten der UTG – also die Bewerbung der gesamten Insel Usedom – noch anders aufgeteilt werden muss. Die Altersstruktur wird sich immer mehr in Richtung „60-Plus“ verschieben. Das hat nichts damit zu tun, dass wir die Familien vernachlässigen. Menschen über 60 möchten nicht stundenlang am Strand liegen, sondern Abwechslung haben. Sie sind bereit zu fahren und äußern ihre Wünsche, wenn man sie auch befragt.

Wo steht Usedom in zehn Jahren?

Wir bekommen durch die Hotelanlagen in Swinemünde noch mehr Konkurrenz. Auch der Druck unter den Bewerbern auf der Insel wird zunehmen und am Ende des Tages wird es so sein, dass das zusätzliche Angebot, was die Kerndestination anbietet, entscheidend dafür sein wird, ob die Zimmer in dem gewünschten Umfang belegt werden. Ich bin davon überzeugt, dass langjährige Themen wie das Usedom-Haus wiederbelebt werden müssen. Ein Ziel muss sein, dass der ÖPNV in die Kurkarten integriert wird. Im Achterland sollte der ÖPNV auch kostenlos sein – finanziert von den Vermietern.

Was braucht das Achterland, um dem Konkurrenzdruck standzuhalten?

Der Wille, das Produkt „Natur“ zu vermarkten, muss vorhanden sein. Was wir hier anbieten, hat den selben Wert wie ein Strandurlaub. Wenn das erkannt wird, werden auch die Ressourcen besser genutzt.

Was tun Sie für ein besseres Miteinander?

Der Tourismus im Achterland müsste sich zusammen stärker organisieren – zum Beispiel über eine gemeinsame Plattform. Über die kommunale UTG kann eine noch bessere Zusammenarbeit eingefordert werden von Menschen, die ein Interesse daran haben, sich zu engagieren. Diese Wahrnehmung muss erzeugt werden. Als einer der wenigen aus dem Achterland denke ich über die Grenzen hinaus.

Bei vielen Touristikern hört man, dass es manchmal nicht rund läuft. Woran liegt das?

Es gibt viele Komponenten. Unzufriedenheit wird heute anders ausgelebt als noch vor zehn Jahren. Der Wutbürger reagiert völlig anders.

Und wie?

Er kommt einfach nicht mehr. Er fährt nach Hause und schreibt von dort seine Bewertungen in diversen Ferienwohnungsportalen ins Internet. Diese sind teilweise völlig unterirdisch. So wie Pegida über die Presse urteilt, urteilen die Gäste in den Bewertungsportalen. Das führt zu einer Kettenreaktion. Dann fahren die Gäste woanders hin.

Wie kann man gegensteuern?

Es wird leider zu wenig Sorge für vernünftige Bezahlung getragen. Aber: Ich weiß, dass in 98 Prozent der Hotelverbandsmitglieder deutlich mehr als 12,50 Euro Stundenlohn gezahlt wird. Trotzdem wollen junge Leute hier nicht bleiben. Das Zusatzangebot fehlt. Hier gibt es keine Diskotheken mehr oder andere Freizeitangebote. Diese Dinge fallen allen auf die Füße, denn das Eine bedingt das Andere.

Auch bei einem angebotenen Stundensatz von 15 Euro kommen die Leute nicht. Die Leute wollen was unternehmen, wenn sie frei haben.

Wird Usedom zur Rentner-Insel?

Nicht unbedingt. Das kann passieren, wenn wir auf die Sekundärmerkmale nicht achten. Wir müssen dazu kommen, dass Sachen für junge Leute schnell nachgeholt werden. Ein Beispiel: In Swinemünde wird eine große Wasserlandschaft gebaut. Wenn so etwas hier gebaut werden soll, gibt es eine jahrelange Nervenkrise. Man würde sich im letzten Winkel der Insel darüber aufregen, dass so etwas kommen soll.

Die Uneinigkeit der Insel ist Wahnsinn, was den Tourismus und die Missgunst betrifft. Viele Menschen vergessen hier, dass ihr Wohlergehen vom Tourismus abhängig ist. Wenn es einige Akteure gibt, die es schlecht und mies reden, dann erzeugen sie ein Bild, das völlig an den Tatsachen vorbeigeht. Dass manche Leute glauben, sie könnten ohne Tourismus leben, feuert uns 50 Jahre zurück in unserer Entwicklung.

Wie weit sind wir davon entfernt, als Insel eine Einheit zu sein?

Wenn es nun mit der UTG funktionieren sollte, gäbe es eine eine innere Befriedung der Kommunen untereinander. Der Konkurrenzdruck der Kaiserbäder zum Rest der Insel ist allerdings enorm. Es muss zu Akzeptanzen auf der Insel Usedom kommen. Heringsdorf hat ein unwahrscheinliches politisches Gewicht, welches gut eingesetzt werden muss – und zwar als Klammer für die Insel. Das müssten sich die anderen gefallen lassen, in dem sie sagen „ja, wir nehmen die Führung von euch an und positiv auf“. Aber, es muss sich in einem Rahmen bewegen, in welchem wir auf Augenhöhe miteinander umgehen können. Bislang bestehen große Zweifel, dass es durch die neue UTG funktionieren kann. Ich hoffe es sehnlichst, dass sich alle kommunalen Kräfte einigen. Das wäre der erste tragfähige Pfeiler im Fundament. In zehn Jahren können wir zu einer grundlegenden Änderung in der Tourismuspolitik kommen. Es gibt eine Menge Menschen, die vom Tourismus leben, aber nicht eingebunden werden. Sie zu beteiligen heißt zum Beispiel, etwas vom Gewinn abzugeben.

Interview: Hannes Ewert

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