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Usedom „Das waren schon bewegte Zeiten“
Vorpommern Usedom „Das waren schon bewegte Zeiten“
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00:06 06.12.2017
Seit 1990 geht Vizebürgermeisterin Gisela Kretschmer im Wolgaster Rathaus ein und aus. Zum Jahresende endet ihre langjährige Tätigkeit. Quelle: Foto: Tom Schröter
Wolgast

Einiges muss noch abgearbeitet werden. Da ist der am 20. Dezember um 15 Uhr im Restaurant „Fischmarkt 3“ anberaumte Jahresabschluss der Vereine vorzubereiten. Die Verwendungsnachweise für Fördermittel von verschiedenen Schweriner Ministerien sind zu schreiben und Texte für den neuen Wolgaster Behördenwegweiser zu formulieren. Wenn letzterer im Frühjahr 2018 erscheint, genießt Gisela Kretschmer schon längst ihren Ruhestand. Am Jahresende hat sie im Rathaus ihren letzten Arbeitstag. Ihr Fachdienst Schulen, Kultur, Sport, Jugend und Soziales wird aufgelöst, die Aufgaben innerhalb der Stadtverwaltung Wolgast verteilt.

Die stellvertretende Bürgermeisterin Gisela Kretschmer, Jahrgang 1953, blickt auf ein interessantes Berufsleben zurück. In Riesa ist sie geboren und in Pirna zur Schule gegangen. Schauspielerin oder Kulturwissenschaftlerin wollte sie gern werden. „Doch es standen keine Studienplätze zur Verfügung.“ Parallel zur Arbeit in der Abteilung Kultur beim Rat des Kreises in Spremberg absolvierte sie stattdessen ein Fernstudium an der Fachschule Meissen zum staatlich geprüften Klubleiter, das sie 1977 abschloss.

„An die Küste bin ich im August 1979 durch die Absolventenvermittlung meines Mannes gekommen, der an der Rostocker Universität Schiffbau studiert hat“, berichtet die heute 64-Jährige. Zunächst war Gisela Kretschmer einige Monate lang für Wohnungsangelegenheiten im Bereich Sozialökonomie auf der Peene-Werft zuständig. Am 1. Januar 1980 übernahm sie dann die Leitung des Klubhauses der Peene- Werft.

Die Kultur für den damals über 3000 Mitarbeiter zählenden Schiffbaubetrieb zu managen, machte ihr Spaß. „Es gab zahlreiche Veranstaltungen und unsere 150 Plätze im Saal waren oft ausverkauft“, schildert sie. Ihre erste große Aufgabe war 1980 die Organisation der Arbeiterfestspiele auf der noch jungen Wolgaster Freilichtbühne. „Die größte Herausforderung war die Ausgestaltung der überdimensional großen Bühne.“ Im Klubhaus bereitete sie Frauentags- und Brigadefeiern sowie Kulturveranstaltungen aller Art vor. Auch Kollegen, die es zum Prädikat „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“ gebracht hatten, ließen im früheren Wolgaster Konzerthaus die Sektkorken knallen.

Das Ensemble der Peene-Werft sorgte für kulturelles Flair. „Ich selber habe in der Tanzgruppe des Ensembles mitgetanzt“, erzählt die Wolgasterin. Artistik, Zauberei, Gesang und die Stadtmusikanten bildeten weitere Sparten. Hinzu kamen etliche Klubhaus-Zirkel, in denen man nach Feierabend Vergnügen und Entspannung suchte und fand: Das Angebot reichte von Aquaristik über Malerei, Fotoarbeiten, Gesang, Akkordeonunterricht bis hin zur Zunft der „Schreibenden Arbeiter“.

„Dann kam die Wende und es wurde jemand gesucht, der sich in der Stadt um Kultur und Bildung kümmert. Angesprochen wurde ich 1990 von CDU-Stadtvertreterin Gerhild Plath. Ich habe überlegt und schließlich ,Ja’ gesagt“, erinnert sich Gisela Kretschmer, die nun vom Klubhaus an der Chaus- seestraße in eine kleine Dachkammer im historischen Rathaus umzog. In der Kemenate, auf einem Podest sitzend, ging sie unter anderem daran, die Wolgaster Schullandschaft gemäß westlichem Standard umzugestalten. Im Bereich Sport waren Trägerschaften zuzuordnen, mit der Treuhandanstalt über das Herauslösen der betreffenden Liegenschaften aus dem Vermögen vormals volkseigener Betriebe zu verhandeln. „Das waren schon bewegte Zeiten“, erinnert sich die Fachdienstleiterin, die nebenbei eine Ausbildung zur Verwaltungsangestellten nachzuholen hatte. „Viele Eigentumsverhältnisse waren zu klären und zu sichern. Damals kamen viele Interessenten.

Insbesondere Grundstücke am Wasser waren lukrativ.“ Aber es war auch die Zeit sprudelnder Fördertöpfe, die viel Gestaltungsspielraum etwa für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen boten.

Um das Jahr 2000 liefen diverse Übergangsregelungen für den Osten aus. Auch in den Amtsstuben in Wolgast hielt jetzt bundesdeutscher Behördenalltag Einzug. Das Geld wurde knapper, bald musste sich die alte Herzogstadt ob ihrer Schulden ein Haushaltssicherungskonzept auferlegen. Trotzdem wurden kulturell Meilensteine gesetzt. Sofort fällt Gisela Kretschmer die 750-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 2007 ein. „Herzblut steckt auch in der Herrichtung des Runge-Hauses und in der Stadtbibliothek, die neu gebaut wurde“, resümiert sie. Die Sanierung der Schulen sei ebenso wichtig gewesen. Dabei betont sie: „Erfolgreich kann man nur arbeiten, wenn man Leute hinter sich weiß, die unterstützen, mitziehen und davon überzeugt sind, dass der Weg richtig ist. Allein kann man nichts bewegen.“

Den Kampf um das Geld für die so genannten „freiwilligen Aufgaben“ kämpft sie bis heute. „Dabei sind zum Beispiel Sport und Kultur doch die Bereiche, in denen eigentlich das Leben passiert“, sagt Gisela Kretschmer, die seit etwa 20 Jahren stellvertretende Bürgermeisterin der alten Herzogstadt ist. Leider werde gerade im freiwilligen Bereich der Rotstift angesetzt. Kulturell berge Wolgast noch großes Potenzial, das es zu erschließen gelte. Die nördliche Schlossinsel etwa, so der Wunsch Gisela Kretschmers, sollte nicht verbaut, sondern vielmehr in für Touristen und Einheimische ansprechender Weise gestaltet werden. Auch der Uferweg am Fischmarkt müsse für die Peenestädter und ihre Besucher begehbar bleiben.

Sie selbst will im Förderverein für Kultur, Kunst und Bildung weiter aktiv sein und mit Schulen, dem Museum und der Bibliothek kooperieren. Die „Wolgaster Märchenwoche“ ist ein Projekt mit Tradition.

„Zurzeit studiere ich mit acht Schülerinnen und Schülern der Heberlein-Schule das Stück ,Der märchenhafte Dachboden’ ein, das am 17. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt gezeigt wird. Ich fungiere als Souffleuse und Erzählerin.“

Tom Schröter

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