Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Usedom Der Surrealist aus MV ist tot
Vorpommern Usedom Der Surrealist aus MV ist tot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:34 05.01.2015
Der Maler Thomas Ziegler (22.9.1947-31.12.2014) in seinem Atelier. Quelle: Thomas Häntzschel
Katzow

Auf den Leinwänden des Malers Thomas Ziegler ist immer viel los. Linien und Flächen, Farbe und Licht, figurative Anmutung, Abstraktion und Illusion treiben da wundersame Spiele, ein regelrechtes Bildertheater aus kraftvoller Lust an den Widersprüchen. Es ist jedesmal ein Fest, das Rationalität und Magie bei ihrem Zusammentreffen im Bild gemeinsam feiern, wie der Maler es selbst einmal formulierte. Jetzt ist Thomas Ziegler tot, er starb im Alter von 67 Jahren am 31. Dezember beim Abendspaziergang, wie seine Witwe Carmen Ziegler mitteilte.

Der überraschende Tod hat den Künstler mitten aus seinem Schaffen gerissen. Viele Bilder hatte er in Vorbereitung, sagte Carmen Ziegler der OZ, es gibt eine große Zahl von Notizen und Skizzen. Sie wolle sich darum bemühen, dass ein Werkverzeichnis erarbeitet werden kann. Zu erfassen sind neben der großen Zahl von Gemälden eine große Fülle von Arbeiten auf Papier. Auch gebe es seine bisher weitgehend unbekannten Comics. Zudem habe er zahlreiche Essays geschrieben.

Thomas Ziegler gehört zu den wichtigsten Malern Mecklenburg-Vorpommerns. Der gebürtige Sachse war nach fünfjährigem Kunststudium in Leipzig und dreijähriger Meisterschülerzeit 1979 nach Schwerin gezogen und wurde in den 80er Jahren der international präsenteste Maler des Bezirkes Schwerin. Seine Gemälde auf den letzten drei DDR-Kunstausstellungen in Dresden (1977 - 1988) boten kunstvoll komponierte Diagnosen der Entfremdung. 1987/88 waren das die vier Bildtafeln „Sowjetische Soldaten“, die nicht nur in der DDR Aufsehen erregten, sondern 1989 auch in einer in den USA viel beachteten Ausstellung „Twelve Artists from the German Democratic Republic“. Allerdings verschwand das Werk nach der Rückkehr aus den USA im Beeskower Kunstarchiv für DDR-Auftragskunst. Seither hatte Ziegler um die Übernahme dieser wichtigen Bilder der ostdeutschen Kunstgeschichte in ein Museum gekämpft – ebenso wie um eine angemessene Anerkennung seiner früheren Rolle in der DDR-Kunstgeschichte.

Zieglers Stil war durch die Leipziger Schule und den Lehrer Werner Tübke geprägt, er malte mit altmeisterlicher Lasurtechnik. Dabei zeigten sich bereits Neigungen zum Surrealistischen und zu Experimenten mit Pseudonaivität. Nach einem längeren Arbeitsaufenthalt in Nicaragua (1987-88) wandte sich Ziegler nach eigener Aussage bewusst dem Surrealismus zu. Als er nach einer Existenzkrise Anfang der Neunziger Jahre wieder zu malen begann, arbeitete er in dieser Richtung weiter. Seit 1995 malte er Landschaften auf Rügen und entwickelte seinen Malstil weiter.

Zieglers Malerleben gestaltete sich rastlos, neben Leipzig und Schwerin lebte er in Berlin (1990-2004), auf der Insel Rügen (2004-07), Hamburg (2007-11), dann im vorpommerschen Netzeband bei Katzow. Rund 30 Jahre malte er norddeutsche Landschaften, meist auf Rügen, zuletzt auf einem Hügel bei Netzeband.

In Ausstellungen ist Thomas Ziegler seit 1977 vertreten. In Kunst- und Bezirkskunstausstellungen der DDR, aber auch in Präsentationen Junger DDR-Künster in Luxemburg oder bei der XII. Biennale de Paris im Centre Pompidou 1982. Er zeigte Bilder in Moskau 1983, Oberhausen und Westberlin 1984, in Göttingen 1986 und Managua 1988, in den USA, in Berlin, Weimar, Hamburg, Jena. Und seit 2007 waren Zieglers Gemälde verstärkt in Ausstellungen Mecklenburg-Vorpommerns zu sehen. Was bisher fehlte, ist eine große Werkschau. Sie könnte – neben der Begegnung mit imposanten Bildern – ein Stück Kunstgeschichte im deutsch-deutschen Epochenumbruch dokumentieren.

 



Dietrich Pätzold