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Usedom Dieser Mann lotst in die Gesellschaft
Vorpommern Usedom Dieser Mann lotst in die Gesellschaft
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00:00 29.10.2016

In Wolgast versucht gerade eine zwölfköpfige Familie aus Syrien sesshaft zu werden und sich zu integrieren. Ihre Heimatstadt Aleppo hatte sie vor zehn Monaten verlassen, ihr Wohnhaus lag in Schutt und Asche.

Die Familien Almustafa, Alhassan und Zeidan hatten bislang gemeinsam in einer Asylunterkunft in der Trassenheider Strandstraße gelebt. Jetzt erhielten alle Mitglieder nach und nach die Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre. „Das bedeutet auch, dass sie die dezentrale Asylunterkunft verlassen und sich in Wohnungen des freien Marktes einrichten müssen“, sagt Sven Hüttemann (52), einer von sieben Integrationslotsen beim Landkreis VG, die die Betroffenen unterstützen.

Es mangelt am Elementarsten Die Syrer haben viele Hürden zu bewältigen, um sich in den neuen Wohnungen in der Makarenko- und Pestalozzistraße einzurichten. Die Verständigung ist nur eine davon. Als Hüttemann die Familie gestern besuchte, wurde seine Hilfe dringend gebraucht. Vor allem Familienvater Hasan Almustafa (42) wirkte gestresst, weil der Großfamilie noch so vieles zum Leben fehlte; zumeist ganz Elementares, wie Waschmaschinen, Küchenherde und Lampen, deren Bedarf Hüttemann vor zehn Tagen beim Jobcenter angemeldet hatte, die aber noch immer fehlten. Und auf den Tischen türmten sich obendrein Papiere, mit deren Deutung die Syrer überfordert waren.

„Das ist jetzt eine schwierige Situation. In der Asylunterkunft wurde ihnen alles Notwendige zur Verfügung gestellt, jetzt müssen sie selbst tätig werden, um sich einzurichten. Das Jobcenter hilft lediglich mit einer elementaren Erstausstattung im unteren Preisniveau“, sagt Hüttemann, der meint, dass die Unterstützung besser funktionieren könnte. „Eine so große Familie tagelang ohne Waschmaschine – das geht gar nicht.“ Der Integrationslotse sieht Sand im bürokratischen Getriebe: „Die jetzt in Trassenheide aufgegebene Unterkunft war vom Landkreis voll ausgestattet, jetzt ist das Jobcenter zuständig. Es wäre wünschenswert, wenn sich schnell eine Möglichkeit finden ließe, die Ausstattungen zwischen Landkreis und Jobcenter zu verrechnen.“ Aber der Integrationslotse ist zuversichtlich, dass dieses Problem bald gelöst werden kann.

Dankbar für jede Hilfe Mit ein paar Anrufen konnte er erreichen, dass Hassan Almustafa und die Großfamilie Hilfe bekommen. „Natürlich sind sie auch in der Selbstverantwortung, aber in der Grundausstattung steht ihnen die Unterstützung zu.“ Hassan Almustafa ist dankbar für die Hilfe. Für Hüttemanns Besuch hat er extra den Deutschkurs unterbrochen. Dabei braucht er die Sprachkenntnisse dringend. Der gelernte Metallbauer, der in Aleppo Vorarbeiter im Betrieb seines Bruders war, möchte auch in Deutschland möglichst bald wieder arbeiten. Am liebsten auf der Wolgaster Werft. Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, absolviert er täglich für eine Stunde ein Praktikum in einem Metallbaubetrieb. Warten fällt ihm schwer, seit seinem zwölften Lebensjahr hat er in der Branche Geld verdient.

Arbeiten ist für ihn ein Muss, notfalls würde er auch sein Geld als Altenpfleger verdienen.

110-fach gefragt Die nächsten Besuche bei der Familie hat Sven Hüttemann schon vereinbart. Dabei wird es darum gehen, die Kinder, die bislang die Schulen in Karlshagen besuchten, in Wolgast anzumelden. „Um nach Karlshagen zu gelangen, müssen wir jetzt um 5 Uhr aufstehen, da ist es noch dunkel und wir haben Angst“, sagen die Töchter Heba (14) und Rayan (16). Lediglich Beyen (17) besucht schon das Wolgaster Gymnasium. Die Mädchen wollen möglichst alle studieren, am liebsten Arztinnen oder Apothekerinnen werden. Ihre Deutschkenntnisse sind schon so gut, dass sie ihre Eltern als Dolmetscherinnen unterstützen können.

Hüttemann macht seine Arbeit Spaß. Zurzeit kommt sie rund 110 Flüchtlingen zugute. Nach fünfjährigem Aufenthalt in Afrika, Einsätzen als Werkleiter, Controller, Direktor des Ahlbecker Strandhotels und Personalvermittler auf internationaler Ebene, sieht er in seinem neuen Job die Chance, viele seiner Erfahrungen einzubringen: „Am besten funktioniert Integration bei den Familien, wobei mir wichtig ist, ihnen nicht unnötig Verantwortung für ihr eigenes Leben abzunehmen.“

Angelika Gutsche

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