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Ein Leben für saubere Wäsche

Bansin Ein Leben für saubere Wäsche

Seit 45 Jahren arbeitet Christiane Schünemann mit Herzblut in einem Beruf, den sie eigentlich nicht lernen wollte

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Von links: Christiane Schünemann mit ihren Kolleginnen in der Bansiner Annahmestelle Margitta Will, Roswitha Bunde, Petra Szymczak und Ernesto Öllermann (Kraftfahrer). Es fehlt der zweite Kraftfahrer, Manfred Öllermann.

Bansin. In der Schnelllebigkeit unserer Zeit und der Vergänglichkeit von Werten wirken sie wie Exoten: Leute, die ihr ganzes Berufsleben in ein und demselben Unternehmen angestellt und obendrein auch noch zufrieden sind.

 

OZ-Bild

Am 1.September 2016 jährt sich für Christiane Schünemann zum 45. Mal der Tag, an dem sie den Lehrvertrag unterschrieb und in der Wäscherei zu arbeiten begann. Fotos (2): Angelika Gutsche

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Auf das berufliche Leben von Christiane Schünemann (62) aus Ulrichshorst trifft genau das zu. Obwohl das Unternehmen, in dem sie heute arbeitet, schon wegen der Privatisierung zur Wendezeit und nachfolgenden Besitzerwechseln genau genommen nicht mehr dasselbe ist. Aus der einstigen, zum Dienstleistungskombinat Wolgast gehörenden Bansiner Wäscherei, in der die Ulrichshorsterin vor 45

Jahren ihre Lehre als Textilreinigungsfacharbeiterin begann, ist eine Servicestation geworden, die seit 2008 zur Textilpflege Stralsund Verwaltungsgesellschaft gehört.

Die Konstanten in der ganzen Veränderung sind die Wäsche selbst und dass Bansin für Inselunternehmen und Privatkunden der zentrale Anlaufpunkt ist, wenn es darum geht, schmutzige Wäsche zu waschen.

Und Christiane Schünemann, die in all den Jahren Ansprechpartnerin für alle Kunden und bis zur Verlagerung des Waschvorganges nach Stralsund auch für die Produktion verantwortlich war.

„Dabei wollte ich eigentlich Technische Zeichnerin werden“, blickt die Ulrichshorsterin zurück. Die Lehre zur Wäschereifacharbeiterin sei eher eine Notlösung gewesen, da zu viele junge Mädchen den selben Berufswunsch hatten und Ausbildungsplätze außerhalb von Gastronomie und Handel schon damals begrenzt waren. Noch beim Lehrabschluss in der später abgebrannten Wolgaster Wäscherei kam ihr ihre Zukunft unüberwindbar vor: „Mutti, da liegen Berge von Wäsche“, schilderte sie zu Hause ihren ersten Eindruck.

Doch aus der Notlösung wurde ein Beruf, der sie bald ganz und gar ausfüllte. Und das, obwohl sie mit einem Lehrlingsgehalt von monatlich 65 Euro startete und in Schichten arbeitete. Erst später, als die erste ihrer zwei Töchter geboren wurde, gab sie die Schichtarbeit auf und wurde Produktionsleiterin. Seit Mitte der 1970er Jahre war die Wäscherei in Bansin die einzige der Region. Hier wurde die Wäsche der Heime, Gaststätten, halbstaatlichen Pensionen, der wenigen Hotels und privater Kunden gewaschen. „Ein Kilo Haushaltswäsche kostete damals 50 Pfennig. Da haben sehr viel mehr Leute ihre Privatwäsche gebracht als heute“, sagt Christiane Schünemann. Dafür sei jetzt die Qualität besser. „Das betrifft auch die Leihstücke. Früher haben wir gewaschen, bis die Teile auseinanderfielen.

Heute wird regelmäßig ausgesondert und in Neuanschaffungen investiert“, so die 62-Jährige, die sich darüber freut, dass ganz wenig an den Leistungen kritisiert wird. „Und wenn es doch mal Beanstandungen gibt, wird das ordentlich bearbeitet.“ Das sei nicht immer so gewesen.

Etliche Parallelen zu heute Die Einsicht in die Notwendigkeit bei der Berufswahl war nicht die einzige Parallele, die zur aktuellen Situation auf der Insel besteht. Nicht nur heute würde der Service auf Usedom ohne polnische Mitarbeiter zusammenbrechen. „Unter den rund 90 Wäscherei-Mitarbeitern waren in der Hauptsaison Schüler und Studenten aus Polen und der Tschechoslowakei“, sagt die Ulrichshorsterin. Auch dank ihrer Unterstützung hätten die Angestellten damals sogar in der Sommerferienzeit Urlaub machen können.

Dieser Sinn fürs Familiäre wird unter den wenigen verbliebenen Kollegen der Servicestelle im Bansiner Bahnhof, schräg gegenüber ihrer alten Wirkungsstätte, bis heute gepflegt.

Die letzten Eigentümer hatten sich 2007 mit dem Produktionsumzug nach Zirchow übernommen. Die Wäschereischließung kostete viele Mitarbeiter den Arbeitsplatz. Die Produktionsleiterin war unter den restlichen Kollegen, die von der Textilpflege Stralsund Verwaltungsgesellschaft übernommen wurden. „Uns tröstet, dass die meisten unsere ehemaligen Kollegen wieder einen Job fanden. Und wir fühlen uns bei den Stralsundern aufgehoben.“

Daran würde auch nichts ändern, dass die Arbeit trotz mancher erleichternder Neuerung nach wie vor körperlich anstrengend ist und im Sommer bis zu 10 Stunden täglich andauere. Umso wichtiger sei es, dass der gute Geist geblieben ist. Nicht mehr lange – dann geht sie in den Ruhestand.

Ihre langjährigen Kolleginnen Margitta Will und Roswitha Bunde sind jetzt schon traurig: „Sie wird uns fehlen. Christiane ist sehr genau, freundlich zu den Kunden und überaus kolligial.“

Arbeit geht auf die Knochen Christiane Schünemann selbst sieht dem Ruhestand mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen: „Fakt ist, dass die harte Arbeit ordentlich auf die Knochen ging. Das ist bei meinen fast gleichaltrigen Kolleginnen nicht anders als bei mir. Trotzdem werde ich wehmütig, wenn ich daran denke, nicht mehr hier zu sein. Wir hatten hier über viele Jahre ein so gutes Betriebsklima, haben gegenseitig Rücksicht auf private Belange genommen. Und im Notfall gab es Unterstützung aus Stralsund.“

Angelika Gutsche

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