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00:00 03.03.2017
Spricht mit seinem Betreuer Jürgen Stempniak oft über seine syrische Heimat: Mohammad Alhussein lebt seit einem Jahr in Zinnowitz. Quelle: Foto: Katharina Ahlers
Zinnowitz

Das Kinderzimmer aufräumen, Hausaufgaben machen und mehrfach in der Woche Küchendienst erledigen: In der KindervillaErika von Brockdorff“des Christliches Jugenddorfwerks Deutschland (CJD) in Zinnowitz haben alle Bewohner dieselben Rechte und Pflichten. „Zuhause hat das meine Mutter gemacht“, sagt der 17-jährige Mohammad Alhussein und grinst. „Das gehört dazu, wenn man sein eigenes Leben lebt und macht auch etwas Spaß.“

Seit einem Jahr ist der Syrer nun in der Wohngruppe des CJD untergebracht. Im Januar 2016 floh er, kurz nach seinem 16. Geburtstag, aus seiner Heimatstadt Aleppo – allein, als sogenannter „unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling“ nach Deutschland. Seine Eltern und seine ein Jahr ältere Schwester blieben zurück. „Mein Traum war es immer, nach Deutschland zu kommen“, erklärt Mohammad diesen Schritt. „In meiner Heimat ist Krieg und das Schulsystem kaputt. Hier gibt es bessere Perspektiven für meine Zukunft.“

Der Weg des Teenagers führte über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. In den ersten Wochen musste er mehrfach umziehen, lebte unter anderem in der Erstaufnahmeeinrichtung in Horst (Kreis Ludwigslust-Parchim), bevor er im Februar zum CJD auf die Insel kam. In der Wohngruppe teilt er sich ein Zimmer mit einem weiteren minderjährigen Flüchtling aus Syrien.

„Das war natürlich auch für uns erst einmal eine Umstellung“, sagt Bezugsbetreuer Jürgen Stempniak. „Wir arbeiten zwar viel mit ausländischen Kindern, etwa Polen, zusammen. Aber das war noch einmal eine ganz andere Situation. Die Jungs kommen aus einem völlig anderen Kulturkreis, hatten ganz andere Essgewohnheiten und wir wussten natürlich auch nicht, was sie erlebt haben. Ob sie traumatisiert sind. Zum Glück mussten die beiden persönlich keine schlimmen Erfahrungen machen.“ Seine Schützlinge haben sich, so der 59-Jährige, schnell eingelebt. Zehn Kinder zwischen zwei und 17 Jahren, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Familien sein können, leben in der Wohngruppe – mal für ein paar Tage, mal für einen längeren Zeitraum. Als einer der ältesten Bewohner fühlt sich Mohammad wie ein großer Bruder. „Wir spielen zusammen, gucken Märchenfilme und lesen aus Kinderbüchern“, erzählt er in gutem Deutsch.„Die Sprachbarriere war schnell abgebaut – Mohammad ist sehr engagiert“, lobt Betreuer Stempniak. „Er hat auch fast ausschließlich deutsche Freunde – das ist sehr gut für die Integration.“

Mohammad lächelt. „In den Ferien habe ich hier im Dönerladen gearbeitet – der Chef ist Kurde und mit dem habe ich auch Deutsch gelernt“, sagt er. „In der Schule und in der Stadt haben mich alle nett empfangen und mir sehr geholfen. Am Anfang haben sie mich sehr viel über meine Heimat gefragt.“

Fast täglich versucht der Teenager mit seinen Eltern zu sprechen. „Sie fehlen mir hier, aber sie wollen in ihrer Heimat bleiben“, sagt er. Kurz nachdem er Aleppo verlassen hat, begannen die Gefechte um die Stadt. „Der Laden meiner Eltern wurde zerbombt. Aber meiner Familie geht es gut“, sagt Mohammad. Mit seiner Bezugsperson redet er oft über seine Herkunft. „Wenn er Bilder von Aleppo zeigt, dann staunt man schon. Das war eine sehr schöne, kultivierte Stadt“, sagt Stempniak. „Es ist traurig, wie zerstört das nun alles ist.“ Vorurteile gegenüber denjenigen, die aus dieser Region fliehen, kann der Karlshagener nicht nachvollziehen. „Ich habe bisher nur gute Erfahrungen gemacht“, sagt er. „Wer in guter Absicht hierher kommt und so engagiert ist, der soll die Chance bekommen. Wer kriminell wird, nicht.“

Mohammad hat große Pläne. In Syrien hat er in einem Krankenhaus und einer Apotheke gearbeitet – und auch in Deutschland sieht er seine Zukunft in der Medizin. „Ich werde bald ein Praktikum im Krankenhaus in Wolgast absolvieren“, erzählt er stolz. „Ich habe noch ein Schuljahr vor mir. Danach möchte ich eine Ausbildung zum Krankenpfleger machen und später in Greifswald Medizin studieren.“

Seine Vorbilder sind die beiden älteren Brüder, die als Apotheker und Arzt seit vielen Jahren in Russland tätig sind. Bis er in ihre Fußstapfen treten kann, liegt allerdings noch ein weiter Weg vor Mohammad. „Er muss fließend Deutsch sprechen und dafür viel lernen. Aber er ist auf einem guten Weg“, sagt Stempniak. „Auf diesem werde ich ihn solange wie möglich begleiten. Ich hoffe, ich werde ihn irgendwann in einem weißen Arztkittel sehen.“

Ende des Monats steht für den 17-Jährigen eine Anhörung im Asylverfahren an. Die Betreuer sind optimistisch, dass er in Deutschland bleiben kann. Im kommenden Jahr wird Mohammad 18 Jahre alt – bis zum Beginn seiner Ausbildung könnte er dann noch in der Kindervilla wohnen bleiben.

98 unbegleitete minderjährige Ausländer im Landkreis

63 Flüchtlinge wurden seit Jahresbeginn im Landkreis Vorpommern-Greifswald verzeichnet. Das teilt Sprecherin Anke Radlof mit. Demnach seien 22 im Januar und 41 im Februar registriert worden.

982 Asylbewerber mit Aufenthaltsgestattung leben damit aktuell im Landkreis, davon neun Menschen auf Usedom. Weiterhin gibt es 1337 anerkannte Flüchtlinge im Kreis, davon 34 auf der Insel.

Neben Mohammad Alhussein sind noch weitere minderjährige Ausländer ohne Familie in der Region untergebracht. Nach Angaben des Landkreises sind es derzeit 98. Zwei leben beim CJD Zinnowitz.

Katharina Ahlers

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