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Usedom „Es gibt immer noch eine große Hilfsbereitschaft“
Vorpommern Usedom „Es gibt immer noch eine große Hilfsbereitschaft“
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00:00 13.04.2017

Seit über 25 Jahren arbeitet Angelika Bittner in der Migrationsberatung der Caritas in Greifswald. Vieles hat sich verändert, sagt sie, eines ist immer noch gleich: Einheimische und Ausländische zusammenzubringen, braucht Zeit.

Frau Bittner, als Sie 1991 bei der Caritas anfingen, gab es so gut wie keine Flüchtlinge in der Stadt. Wer kam da in Ihre Migrationsberatung?

Angelika Bittner: Vor allem Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion. Meine Stelle wurde geschaffen, weil 1991 die ersten zwölf Familien nach Greifswald kamen. Ich fand das total spannend, ihre deutschen Vorfahren waren ja unter Zarin Katharina nach Russland ausgewandert, nun kamen sie zurück. 1992 lebten schon 94 Familien in Greifswald. Die ersten sprachen alle sehr gut Deutsch, später kamen immer mehr, die nur noch sehr indirekt Verbindung hatten zu Deutschland.

War Ihre Beratungsarbeit schwerer oder leichter als heute?

Leichter. Es gab viel weniger bürokratische Vorgaben und mehr Geld vom Bund. Wir konnten mit den Spätaussiedlern bezahlte Familienfreizeiten unternehmen, Theater spielen, eine Sportgruppe aufbauen... Heute bieten wir neben Beratung auch viele Projekte für Migranten und Einheimische an, aber kosten darf das nicht viel.

Was ist Ihre Erfahrung: Wie bereit waren und sind Menschen, die aus anderen Ländern nach Greifwald kommen, sich bei uns zu integieren?

Bei einzelnen Spätaussiedlern war es tatsächlich so, dass sie kaum Interesse hatten, Deutsch zu lernen. Der deutsche Pass war ihnen ja sicher. Das ist bei den Flüchtlingen heute völlig anders, ich habe noch keinen einzigen erlebt, der unsere Sprache nicht lernen wollte. Darum bieten wir als Caritas auch fast jeden Tag Deutsch-Unterricht an, Ehrenamtliche leiten diese Kurse. Und die Nachfrage ist enorm hoch.

Wie bereit sind umgekehrt die Greifswalder, Fremde aufzunehmen?

In den 1990ern war es so: Je mehr Spätaussiedler kamen, desto öfter hörte man Sätze wie: Die arbeiten hier nichts und kriegen trotzdem Geld oder: Die nehmen uns die Arbeit weg! Dieses Biertischgerede gibt es auch heute wieder, obwohl ja kein einziger Greifswalder weniger Hartz IV oder Wohngeld bekommt, weil Flüchtlinge da sind. Aber zum Glück leben hier auch viele Menschen, die sich ehrenamtlich in der Migrationsarbeit engagieren. 2015 waren es so viele wie nie.

Wie haben Sie selbst die Flüchtlingswelle 2015 erlebt?

Ich hatte schon 2014 gemerkt, dass immer mehr Syrer und Afghanen in die Beratung kommen, und musste 2015 sagen: Mit meinen 20 Stunden schaffe ich das nicht mehr. Daraufhin fing eine zweite Kollegin mit halber Stelle an. Wir haben 2015 über 170 Menschen beraten, 2016 waren es sogar 276.

Wie kompliziert sind solche Fälle, was brauchen diese Menschen?

Ganz unterschiedliche Dinge, das macht die Arbeit ja auch so reizvoll. Manche kommen mit dem GEZ-Bescheid, andere wegen Kita, Schule, Arbeit, Krankenkasse, Schwangerschaft, Familiennachholung...

ein Hauptthema war und ist das Deutschlernen. Aber es gibt auch hochemotionale Einzelschicksale. Im Moment habe ich etwa einen Flüchtling, der auf der Flucht in der Wüste von seiner Frau getrennt wurde. Ihr Kind ist unterwegs gestorben, mit dem zweiten war die Frau schwanger. Inzwischen müsste sie entbunden haben, aber ihr Mann weiß nicht, wo sie ist. Ich habe das Deutsche Rote Kreuz eingeschaltet, nun hoffe ich, dass die etwas herausfinden...

2015 gab es ja in Greifswald eine Helfer-Euphorie gegenüber Flüchtlingen, ist von der noch viel übrig?

Ich erlebe immer noch sehr viel Hilfsbereitschaft. Zum Beispiel habe ich einen E-Mail-Verteiler mit etwa 50 Leuten unter anderem aus der katholischen Gemeinde. Immer, wenn Flüchtlinge etwas brauchen, etwa nach einem gebrauchten Fahrrad fragen oder so, gebe ich das in den Verteiler, und bekomme ganz schnell Angebote! Unsere Sprachkurse, der Nähkurs, die Kleiderkammer... auch das können wir nur mit Helfern anbieten, allein für die Sprachkurse haben wir sechs Ehrenamtliche. Aber man muss diese Freiwilligen auch betreuen. Sonst kann es passieren, dass sie Flüchtlinge unwissentlich falsch beraten – das Ausländerrecht ist ja extrem kompliziert – oder dass sie nach einer Weile frustriert aufhören. Sie wünschen sich schon, dass ihre Arbeit gesehen wird, dass man sie auch mal lobt oder fragt: Was läuft gut, was nicht, wo brauchst Du Hilfe?

Für welche Projekte bräuchten Sie im Moment noch mehr Leute?

Wir würden gerne wieder das Zwei-Plus-Zwei-Projekt starten, also je ein deutsches Paar mit einem Flüchtlingspaar oder einer Flüchtlingsfamilie zusammen bringen – erstmal nur für drei, vier Treffen. Danach entscheiden beide Seiten, ob sie mehr wollen. Denn natürlich kommt es vor, dass Flüchtlinge ihre ersten Kontakte zu Deutschen nutzen, um sie für jedes Behördenpapier um Hilfe zu bitten. Manchen wird das zu viel, aber sie trauen sich nicht, es zu sagen. Deswegen setzen wir von Vornherein eine Zäsur nach drei Treffen. Für dieses Projekt fehlen uns im Moment die deutschen Partner.

Wie leicht oder schwer ist es, Einheimische und Zuwanderer in Schönwalde II zusammen zu bringen – dort, wo Sie Ihr Büro haben und überdurchschnittlich viele Ausländer leben?

Leider sehr schwer. Unser Nähkurs, das Stadtteilfrühstück und das internationale Frauencafé sind sehr gut besucht, aber fast nur von Migranten, nicht von Schönwaldern. Ich träume seit Langem davon, Stadtteilfeste zu organisieren, bei denen sich jedes Jahr alle Bewohner aus dem Viertel ganz ungezwungen begegnen. Bisher übersteigt das leider unsere Kräfte.

Interview von

Sybille Marx

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