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Europapolitik im Klassenzimmer

Wolgast Europapolitik im Klassenzimmer

Debatten und Resolutionen: Seit gestern simulieren Schüler der Beruflichen Schule in Wolgast Ausschusssitzungen / Vielen fehlt der Zugang zur Politik

Wolgast. Europapolitik verstehen, argumentieren, sich eine Meinung bilden und diese vor anderen verteidigen: 75 Schüler der Beruflichen Europa-Schule des Landkreises erleben in Wolgast seit gestern aktiv, wie Demokratie funktioniert. In fiktiven Ausschusssitzungen besprechen die 15- bis 20-Jährigen europapolitische Herausforderungen und schreiben anschließend Resolutionen.

„Wir wollen das Bewusstsein von Jugendlichen für politische Entscheidungsprozesse verstärken“, sagt Niklas Schiffers, Mitglied des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland (EJP). Im Auftrag der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland organisiert er ehrenamtlich bundesweit Schülerforen. „Die Teilnehmer sollen verstehen, wie eine Debatte funktioniert“, sagt der 18-jährige Aachener.

Am Anfang des Forums haben sich die Berufsschüler der Fächer „Metallbau“, „Gastronomie“ und „Tischlerei“ in die sechs möglichen Gruppen aufgeteilt. Eine ist der „Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten“, in dem über Asylpolitik diskutiert wird. Die Mitglieder schreiben damit verbundene Probleme auf und besprechen Lösungsansätze.

„Terroristen, die sich unter die Flüchtlinge mischen, werden nur schwer erkannt“, liest der 18-jährige Kevin Hartwig aus Torgelow vor. „Viele kommunizieren übers Internet – das sollte man stärker kontrollieren“, schlägt Mitschülerin Michelle Riesenberg vor. Klassenkameradin Maria-Vivienne Aerts nickt. „Eine stärkere Identitätsprüfung an den Grenzen wäre außerdem gut“, meint die 17-jährige Pasewalkerin, die ihre Ausbildung in der Gastronomie absolviert.

Organisator Schiffers betont, dass Demokratie immer mit Kompromissen verbunden sei. So könnte eine solche Entscheidung auch die Auszubildenen, die gern nach Polen fahren, einschränken und lange Wartezeiten an den Grenzen zur Folge haben. Damit hätte Kevin Hartwig kein Problem. „Das wäre nervig, aber nicht verkehrt“, sagt der Metallbau-Lehrling.

Marie Rittich, EJP-Mitglied und Moderatorin des Ausschusses, ist zufrieden mit dem Engagement der Teilnehmer. „Anfangs haben viele keine Lust auf Politik“, sagt die 21-Jährige. „Aber dann entwickeln sich schöne Debatten. Ich bin positiv überrascht, wie stark sich die Schüler hier einbringen.“

Auch im „Ausschuss für die Rechte der Frau“ wird angeregt diskutiert. Aspekte wie Diskriminierung im Beruf, weibliche Führungskräfte und Elternzeit werden angesprochen. „Ich finde es schön, dass wir eine Möglichkeit bekommen, uns einzubringen“, sagt die 17-jährige Nancy Wiedow aus Koserow. „Viele von uns sind minderjährig und haben kein Stimmrecht. Hier werden wir ernst genommen.“ Ähnlich sieht das der 19-jährige Jens Horn aus Heringsdorf. „Wir diskutieren viel und sind nicht immer einer Meinung“, sagt der angehende Tischler. „Im Gespräch entwickeln sich neue Sichtweisen – mir gefällt, dass diese dann an die Politik weitergegeben werden.“

Der Meinung ist auch Schulleiterin Denise Berndt. „Die Schüler merken, dass sie mitwirken dürfen. Hier können sie sich ohne Notendruck ausprobieren und Verständnis für Themen gewinnen.“ Berndt hofft, dass solche Foren auf Dauer helfen, der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. „Es ist gut, dass das Jugendparlament nicht nur die Gymnasien besucht. Unsere Schüler wollen nicht Politik studieren, sondern sind in handwerklichen Berufen und erleben das Leben so, wie es ist.“

Ihre Vorschläge präsentieren die Berufsschüler heute in einer Sitzung vor den anderen fiktiven Ausschüssen. Anschließend leitet das EJP-Team die entwickelten Forderungen an die europäischen Kommission weiter. „Oft kommen Nachfragen“, sagt Schiffers. „Politiker möchten wissen, wie die Jugend zu bestimmten Themen steht.“

Katharina Ahlers

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