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Usedom Exkursion in das herzogliche Wolgast
Vorpommern Usedom Exkursion in das herzogliche Wolgast
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00:01 27.04.2017

Dafür, dass in Wolgast Zeugnisse aus herzoglicher Zeit rar sind, ist das Interesse an der Stadtgeschichte ziemlich groß. Dass sich etwa 50 Neugierige am Dienstagabend zum archäologischen Stadtrundgang einfanden, überraschte Fachmann Dr. Jörg Ansorge dann doch. Gut vorbereitet und mit großer Leidenschaft entführte der studierte Geologe, der in den vergangenen Jahren mehrere Grabungsprojekte in Wolgast geleitet hat, die eisern der Kälte trotzende Gästeschar in verschiedene Epochen der Stadtgeschichte, die den Fachleuten bis heute noch einige Rätsel aufgibt.

Die Stadtgründung zum Beispiel, die für das Jahr 1257 angenommen wird, sei zeitlich nicht genau einzuordnen. Unter der Straße Am Fischmarkt, der ersten Station des abendlichen Exkurses, war Ansorge am Rande von Schachtarbeiten 2008 zwischen den Einmündungen Swinke- und Wasserstraße auf Fundamente der Stadtmauer gestoßen. „Die Ziegelmauer war auf senkrecht gerammten, drei Meter langen Holzpfählen aus Eiche und Erle gegründet. Darauf befand sich ein Holzrost, auf dem drei Lagen Feldsteine platziert wurden“, so der Archäologe. Dendrochronologische Untersuchungen des Holzes hätten 1388 als Erbauungsjahr ergeben. Und: „Die Mauer stand damals direkt am Wasser. Das ganze Gelände zur heutigen Uferlinie wurde erst später aufgeschüttet, um Land zu gewinnen.“

Am Fischmarktufer ließen sich im 19. Jahrhundert unter anderem die Gerber nieder, die hauptsächlich Rinderhäute bearbeiteten. Ansorge fand im Umfeld der Pension „Schilfhaus“ gleich mehrere tief im Boden eingelassene Gerbfässer und hunderte Kuhhörner. Auch ein Bollwerk kam zu Tage, das belegt, dass der Schlossgraben einst viel breiter war und dass es sich bei der Schlossinsel um ein natürliches Eiland mit stabilem Baugrund im Peenestrom handelt.

Geschichtsträchtigen Boden betraten die Exkursionsteilnehmer nach Überschreiten der Amazonenbrücke. „Wenn man das Areal im Zentrum der nördlichen Schlossinsel großflächig öffnen würde, könnte man die Konturen des Schlosses komplett rekonstruieren“, erklärte Ansorge. Ende 2008 hatten er und seine Kollegen mehrere Grabungsschnitte angelegt. Dabei waren sie auf den beeindruckenden Sockel eines zum Herzogschloss gehörenden Turmes, eines so genannten Wendelsteines, gestoßen. Kellerfußböden traten zu Tage, ebenso Reste der nördlichen Ringmauer unterhalb der heutigen Schlossstraße – allesamt Zeitzeugnisse, die das spätere Industriezeitalter mit Schlossspeicher und Gussstahlwerk überdauert haben und bis heute von den Ausmaßen des Residenzbaus künden.

Wertvolle Erkenntnisse erbrachten auch die Grabungen im Zusammenhang mit dem Neuausbau der Fähr- und der Schifferstraße auf dem südlichen Teil der Schlossinsel. „Im Straßenbett fanden wir bis zu 90 Zentimeter breite Fundamente aus Mischmauerwerk von Feld- und Ziegelsteinen. Sie gehörten zu drei um 1560 erbauten Großgebäuden, zu denen vermutlich auch der herzogliche Marstall zählte“, berichtete der 52-jährige Fachmann. Auch diese Schloss-Infrastruktur sei von einer Schutzmauer umgeben gewesen, wovon aufgefundene Gründungen zeugten. Das Terrain in Richtung Schifferstraße sei gleichsam im Interesse der Landgewinnung aufgeschüttet worden, wobei auch beim Schlossbrand 1557 anfallender Schutt auf diesen Inselteil gelangte – mit ihm aus Mitteldeutschland stammende Ofenkacheln mit Motiven alttestamentarischer Tyrannen und von Angehörigen zeitgenössischer Herrschaftshäuser, die auch mit den Wolgaster Herzogsfamilien verwandt waren. „Nach dem Stadtbrand von 1713 verschwanden die schon lange nicht mehr genutzten Großgebäude und es bildete sich die bis heute vorherrschende Bebauungs- und Straßenstruktur“, klärte Ansorge seine Zuhörer auf.

Der Großteil aller aufgefundener Fundamente sei trotz der jüngsten Bauarbeiten erhalten geblieben. Es sei stets das Ziel gewesen, „so wenig wie möglich zu zerstören“, sagte der Grabungsleiter.

Einzelfunde, wie etwa hunderte Münzen, Warenplomben, Siegelstempel, religiöse und Alltagsgegenstände, Munition, Keramik, Knochen, Muscheln und vieles mehr lagern jetzt unterdessen in den Magazinen des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege. Dass diese interessanten Artefakte ständig in Wolgast ausgestellt werden und der einstige Schloss-Standort zu einer dauerhaften Grabungsstätte mit großem Besucherinteresse wird, darauf hoffen sicher auch viele der Exkursionsteilnehmer.

Tom Schröter

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