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Gamradt zieht die Notbremse: „Ich wollte etwas bewegen“

Gamradt zieht die Notbremse: „Ich wollte etwas bewegen“

Ückeritzer Bürgermeister verkündete am Dienstagabend überraschend seinen Rücktritt in der Gemeindevertretung / Stellvertreter Enrico Krohn räumt ebenfalls seinen Stuhl

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Räumen ihre Posten für einen möglichen Neuanfang: Bürgermeister Gerd Gamradt (r.) und sein Stellvertreter Enrico Krohn.

Quelle: Hannes Ewert

Ückeritz Kein gewählter Bürgermeister, eine immer noch krankgeschriebene Kurdirektorin und kein Projektleiter auf dem Campingplatz: Ückeritz wird zusehends führungslos.

Am Dienstagabend verkündete Bürgermeister Gerd Gamradt (CDU) seinen Rücktritt (wir berichteten). Die OZ fragte gestern nach den Gründen.

Wie lange haben Sie schon mit dem Gedanken gespielt?

Gerd Gamradt: Das ging schon zwei bis drei Monate. Ich fing an zu zweifeln und zu hinterfragen.

Welche Gründe haben Sie?

Gamradt: Grundsätzlich bin ich vor zwei Jahren angetreten, weil ich etwas verändern wollte. Ich wollte die Punkte unseres Wahlprogrammes umsetzen. Einer sah vor, dass wir die Finanzen der Gemeinde für die nächsten Jahre sichern wollten. Und diese Projekte kann man nur umsetzen, wenn man Mehrheiten in der Gemeindevertretung hat. Es gibt eine Koalition von denjenigen, die etwas verändern wollen. Und dann gibt es eine Opposition, die immer auf Detaillösungen bedacht war. Man könnte auch sagen, dass sie etwas blockierte. In dem Moment, wenn man die Mehrheiten nicht mehr hat – aus welchen Gründen auch immer – zum Beispiel in der eigenen Koalition beziehungsweise sogar in der eigenen Fraktion, dann kriegt man mit, dass man die Projekte nicht realisieren kann. Und dann kommt die Frage, ob sich dieser enorme Zeitaufwand als Bürgermeister noch lohnt. Bürgermeister ist ein Full-Time-Job, aber ich habe noch einen „normalen“ Job beim Zoll. Ich habe aber auch eine moralische Verpflichtung gegenüber der Gemeinde. Ich möchte nicht nur meine Zeit absitzen und nichts bewegen. Nur um Bürgermeister zu sein, wollte ich das nicht machen, das war nicht mein Wunsch. Ich bin angetreten, um etwas zu verändern. Wir haben einiges verändert und haben noch viel vor. Aber wir kriegen das nicht hin, weil sich die Mehrheitsverhältnisse geändert haben.

Was hat sich in den vergangenen beiden Jahren zum Positiven verändert?

Gamradt: Wir haben es geschafft, dass der Zusammenhalt unter den Einwohnern besser geworden ist. Außerdem haben wir die Vereine enorm finanziell gefördert. Ich bin stolz auf die ehrenamtlichen Männer und Frauen, die den Ort bereichern. Wir haben sehr viele Vereine in Ückeritz – das war ein großer Erfolg. Wir haben die finanzielle Situation auf dem Zeltplatz enorm verbessert.

Auch die Lage der Kurverwaltung hat sich verbessert. Zum Anfang hat diese keinen Gewinn erwirtschaftet. Nun sind wir bei einer halben Million Euro.

Was haben Sie nicht geschafft?

Gamradt: Die Entspannung der Personalsituation in der Kurverwaltung. Die Arbeiten wurden aber optimiert. Schade ist, dass die Kurdirektorin seit längerer Zeit krank geschrieben ist. Wir haben in Ückeritz daher ein Führungsproblem. Da hätte ich mir gewünscht, dass wir mehr Ruhe reinbekommen. Spannend bleibt es, wie es künftig wird.

War die Umgestaltung des Zeltplatzes ein Grund für Ihren Rücktritt?

Gamradt: Es war mit Sicherheit der finale Tropfen. Da spielten noch mehr Sachen rein. Zum Beispiel die Mühlenstraße: Da waren wir nicht in der Lage, eine Freihaltetrasse, die uns kein Geld gekostet hätte, zu sichern. Damit hätten wir langfristig die Infrastruktur gehalten. Da geht es weniger um Sachthemen, denn mit Sachverstand ist das nicht zu erklären. Man hat keine Nachteile und keinen Aufwand, aber trotzdem will man das nicht. Nur schwer nachvollziehbar.

Was wünschen Sie ihrem Nachfolger?

Gamradt: Franz Wöllner wünsche ich, dass er seine Projekte durchsetzen kann. Sonst verfallen wir in eine Stagnation, die es früher einmal gab. Wir müssen schauen, wer im nächsten Jahr das Amt übernehmen möchte. Eines kann ich sagen: Es ist sehr zeitintensiv. Man lässt dabei Nerven und ich schlafe nachts nur sehr wenig. Das geht an die Gesundheit.

Wollen Sie sich weiterhin politisch in Ückeritz engagieren?

Gamradt: Nein, da ich bin raus. Ich glaube, dass dies auch nicht gewünscht ist.

Wie geht es jetzt weiter im Ort?

Gamradt: Ich bin nicht in der Lage in Herrn Wöllners Kopf zu schauen. Er übernimmt die Amtsgeschäfte und dann sind Neuwahlen.

Was machen Sie mit der neu gewonnenen Zeit?

Gamradt: Ich habe eine Familie und viele Freundschaften, die auf der Strecke geblieben sind.

Wie sehen Sie Ückeritz in zehn Jahren?

Gamradt: Schwer zu sagen. Wir bezahlen heute 30 000 Euro Kreisumlage. Wenn der Ort selbst nicht in der Lage ist, dieses Geld aufzubringen – wie zum Beispiel mit dem Campingplatz – wird es schwierig. Das endet in einer Zwangsverwaltung. Ich sehe Handlungsbedarf. Ich war nicht Bürgermeister, nur damit es auf der Visitenkarte steht. Ich wollte eigentlich was bewegen.

So geht es weiter

Gestern teilte Noch-Bürgermeister Gerd Gamradt (CDU) dem Vorsteher des Usedomer Südamtes schriftlich seinen Rücktritt mit.

Laut Verwaltungs-Chef René Bergmann soll im Oktober die Entscheidung fallen, wann ein neuer Ückeritzer Bürgermeister gewählt wird. Er geht davon aus, dass die Wahl Mitte/Ende Januar 2017 stattfindet. Dann haben rund 800 Wahlberechtigte die Möglichkeit, die Nachfolge zu entscheiden.

Die Amtshandlungen des Bürgermeister übernimmt jetzt Franz Wöllner (Miteinander für Ückeritz), zweiter Stellvertreter hinter Enrico Krohn (CDU), der sein Amt ebenfalls aufgibt.

Hannes Ewert

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