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Gewalt-Migration und ihre Folgen

Kamminke Gewalt-Migration und ihre Folgen

Wochenend-Seminar befasste sich mit Flucht und Vertreibung in Geschichte und Gegenwart

Kamminke. . Ein hochemotionales Thema wählte die Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Golm (JBS) am vergangenen Wochenende mit dem Seminar „Flucht – Integration – Erinnerung“. Referenten aus Polen und Deutschland setzten sich mit der Gewalt-Migration von Polen und Deutschen im 20. Jahrhundert auseinander und versuchten, die Folgen der Vertreibung von damals mit der aktuellen Flüchtlingssituation zu vergleichen.

Der wissenschaftliche Leiter der JBS, Mariusz Siemiatkowski, hatte mit der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Landeszentrale für politische Bildung, der Stiftung für Ehrenamt und bürgerliches Engagement Mecklenburg-Vorpommern und dem Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ Kooperationspartner, die in gewisser Weise repräsentativ für den Adressatenkreis der Veranstaltung waren. Das war zumindest die Meinung von Hannelore Kohl von der Ehrenamtsstiftung. Gekommen waren unter anderem Studenten aus Greifswald sowie Aktive von „Usedom hilft“ aus Wolgast und Korswandt.

In seinem Eröffnungsvortrag beschäftige sich Jörg Hackmann, Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Stettin, mit der Geschichte der deutschen Vertriebenen nach dem 2. Weltkrieg.

Von rund 14 Millionen fanden 12 Millionen in der jungen Bundesrepublik ein Zuhause. Insgesamt betrug die Zahl der Flüchtlinge damals europaweit 60 Millionen. Damit war sie so hoch wie die Zahl der Flüchtlinge heute weltweit.

Allerdings stand das Nachkriegsdeutschland durch die Zwangsmigration der Deutschen aus dem östlichen Europa vor einer ganz anderen Herausforderung, als es heute durch die Aufnahme von Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika der Fall ist. Hackmann setzte sich bei seinen Ausführungen kritisch mit der Rolle der Vertriebenenverbände auseinander, die in einer Charta von 1950 ein Recht auf ihre Heimat forderten, jedoch ausblendeten, was die Ursache für Flucht und Vertreibung war.

Mariusz Siemiatkowski erklärte, dass in Polen keine landesweiten Vertriebenenverbände existierten. Hier sei die Wahrnehmung eine andere. „In Polen ist es nicht so, dass jemand sagt, ich will unbedingt zurück. Sie haben sich in ihren Orten integriert“, so der Leiter der Bildungsstätte. Auch in Swinemünde sind nach dem Krieg viele Polen aus dem heutigen Weißrussland und der Ukraine angesiedelt worden.

Wie problematisch die Vertriebenenpolitik in der Alt-BRD war, schilderte Jörg Trinogga aus Kratzeburg. Er kam 1948 in Wetzlar zur Welt. Sein Vater stammt aus Masuren, seine Mutter aus dem Ermland.

Durch die Funktionärstätigkeit seines Vaters kam er in die Jugendbewegung der Vertriebenen. „In meiner ganzen Jugend wurde nie die Ursache für die Vertreibung angesprochen, geschweige dass man von einer Schuldfrage gesprochen hat“, so der 68-Jährige, der aus Protest dagegen wie seine zwei jüngeren Brüder eine politisch linke Orientierung eingeschlagen hatte.

Dieses Beispiel zeigt, dass sich die Zwangsmigration von vor siebzig Jahren noch immer bis auf die heutigen Generationen auswirkt, und die Aufarbeitung dieser Kriegsfolgen längst nicht abgeschlossen ist. Dietmar Pühler

OZ

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