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Usedom Große Dramen in kleiner Kirche
Vorpommern Usedom Große Dramen in kleiner Kirche
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00:00 13.08.2018
Kennen sich seit 50 Jahren und waren in einem Studienjahr: Peter Bause, Jürgen Kern und Jürgen Zartmann (v.l.). Quelle: Fotos: Henrik Nitzsche
Koserow

Er hatte seinem Sohn verboten, um Applaus zu bitten. Florian Kern (Produktionsleiter) tat es dennoch. Und so bekam Jürgen Kern den langen Beifall, den er auch verdient hat. Schließlich ist er der Gründer und Künstlerische Leiter von „Klassik am Meer“ – einer Erfolgsgeschichte, die seit 20 Jahren geschrieben wird. Kirche und Theater – in Koserow funktioniert das mit Ensembletheater und Ensemblespiel. 450 Vorstellungen und 70 000 Besucher in der fast 800 Jahre alten Feldsteinkirche – die Zahlen sprechen für sich.

20 Jahre „Klassik am Meer“: Ball in der Koserower Sporthalle / 70 000 Besucher in 450 Vorstellungen

„Es war ein argloser Besuch der Kirche von meiner Frau und mir an einem frühen Abend im Frühling 1998. Ein harmloser Vorschlag an den damaligen Pastor Winfried Wenzel, dass man in dieser, durch ihre Schlichtheit besondere Kirche, Theater spielen sollte“, sagt Jürgen Kern zum Ursprung von „Klassik am Meer“. Den Durchbruch schließlich schildert er mit einem Dialog der beiden: „Was wollen Sie spielen?“, „Jedermann“. „Das ist mir zu fromm.“ „Wie ich es inszeniere, da wird’s nicht fromm.“ „Na gut, dann machen Sie es.“

Am 14. Juli 1999 war Premiere. Neben Kern konzipierten „Klassik am Meer“ auch der Maler Frank Schult und Mario Gudera. Weil das Ensemble in diesem Jahr in die 20. Saison gegangen ist, sollte nun endlich auch einmal gefeiert werden. Mit einem Ball am Samstagabend in der Franka-Dietzsch-Sporthalle, die sicherlich so viele Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Techniker und Produzenten noch nicht gesehen hat. Das Ensemble sind aber nicht nur die Akteure auf der Bühne, so Kern: „Möglich werden die Abende auch durch den Enthusiasmus der Mitarbeiter, die man kaum sieht.“ 148 Leute sollen in den 20 Jahren für „Klassik am Meer“ tätig gewesen sein.

Einer von ihnen ist Theater- und Fernsehschauspieler Peter Bause. Der 76-jährige Berliner spielt aktuell in „Die Physiker“. Den Erfolg von „Klassik am Meer“ beschreibt er so: „Die Zuschauer bekommen hier gute Qualität zu sehen. Die Stücke werden so erzählt, wie man sie aus der Literaturgeschichte kennt.“ Ja, Stücke wie „Faust“, „Nathan der Weise“, „Galileo Galilei“ oder „Der Besuch der alten Dame“. Für all diese jährlichen Inszenierungen braucht es Geld für Bühnenbild, Programmhefte und Plakate, für Übernachtungen und Mietkosten, für neue Bühnentechnik. „Ohne Freunde, Förderer und Sponsoren wäre das nie möglich gewesen“, sagt Jürgen Kern.

Schauspieler bauten das Podest selbst auf

Und auch nicht ohne das Anpacken der Darsteller, denn tatsächlich wurde in den ersten Jahren das Podest von den Schauspielern drei Stunden vor Vorstellungsbeginn selbst aufgebaut. Dann wurde gespielt und wieder abgebaut. „Das war eine gute Schule“, sagt Friedrich Mücke und schmunzelt bei dieser Erinnerung. Der Filmschauspieler – ab Herbst spielt er im Kinofilm „Ballon“ von Michael Bully Herbig – gehörte zu jener Gruppe Jugendlicher, die 1999 von der Berliner Jugendkunstschule in Köpenick als Statisten im ersten „Jedermann“ agiert haben. „Das war schon etwas Besonderes. Dem Publikum in der Kirche so nah zu sein“, sagt Friedrich Mücke, der mit der Bahn von München zum Jubiläumsball angereist ist. Und sich auch die Zeit nahm für einen Blick in die Koserower Kirche.

Hier, wo die Vereinbarkeit von Theater und Kirche Toleranz erfordert, wie Koserows Pastorin Bettina Morkel sagte. „Mit ,Klassik am Meer’ erfüllen wir auch einen Bildungs- und Kulturauftrag. Das Ensemble hat dazu beigetragen, dass unser kleiner Ort eine große Ausstrahlung hat“, so ihr Kompliment an die Theatermacher, bei denen auch nicht immer alles glatt lief.

So wie einst bei Andreas Schmidt-Schaller. Eine der ersten Jedermann-Vorstellungen konnte nicht beginnen. Er war zu spät in Berlin weggefahren, stand in Anklam im Stau. Was tun? Auf dem Flugplatz in Anklam stand ein Hubschrauber. Dank der Popularität von Schmidt-Schaller flog man ihn nach Koserow. Unter dem Jubel des wieder aus der Kirche gegangenen Publikums sorgte Pastor Winfried Wenzel dafür, dass die Schafe auf der gegenüberliegenden Wiese vertrieben wurden und der Hubschrauber landete. Das Spiel konnte beginnen.

Und das soll möglichst noch lange so bleiben. Schließlich wünschte Intendant Wolfgang Bordel, kollegialer Partner von der Vorpommerschen Landesbühne, dem Ensemble: „Bloß nicht anfangen, aufzuhören.

Es macht Spaß mit euch!“

Tonnenschweres pro Saison

Die Mitarbeiter der Inselküche bauen inzwischen die Spielpodeste für „Klassik am Meer“ auf. Folgende Rechnung hat der Künstlerische Leiter aufgemacht: Für insgesamt 13 Spielwochenenden müssen zwölf Podeste aus dem Container auf die Bühne und zurück geräumt werden. Ein Podest wiegt mit Füßen 30 Kilogramm. In einer Spielzeit bewegen sie fünfeinhalb Tonnen. Die Inselküche hat in seiner sechs Jahre währenden Hilfe 57 600 Kilogramm bewegt.

Die nächsten Termine:

15.8: „Man stirbt doch nicht im dritten Akt und wenn...

16.8: „Die Physiker“

22.8: „Hering, Erbsenbrei und Gottes Wort“

Beginn: jeweils 19.30 Uhr

Tickets: ☎ 01806 / 700 733

Henrik Nitzsche

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