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„Hier leben keine bösen Menschen“

Peenemünde „Hier leben keine bösen Menschen“

Die anteilig meisten Wähler setzten in Peenemünde ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland (AfD)

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Seit 2004 ist Rainer Barthelmes (63) als Bürgermeister von Peenemünde aktiv.

Quelle: Fotos: Hannes Ewert

Peenemünde. Deutschlandweit gerät der kleine Ort Peenemünde in die Schlagzeilen. In der OZ-Redaktion klingelten in den vergangenen Tagen die Telefone heiß. Der „Spiegel“, die „Welt“ und andere wollten mehr über das knapp 300 Seelen zählende Örtchen im Inselnorden wissen. Peenemünde wurde schlagartig interessant, weil am vergangenen Sonntag fast die Hälfte aller Wähler der Gemeinde ihr Kreuz bei der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) setzte. Mit den Wählerstimmen für die NPD sind das in Peenemünde satte 52,4 Prozent. Dicht gefolgt reiht sich die kleine Haffgemeinde Garz mit 51,6 Prozent dahinter ein.

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Die anteilig meisten Wähler setzten in Peenemünde ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland (AfD)

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„Am dümmsten besiedelte Land“

Reaktionen aus twitter und Facebook:

Daniel Mack , Grünenpolitiker und Blogger: #MecklenburgVorpommern, das am dümmsten besiedelte Bundesland.

Ferdinand Scholz, Sozialdemokrat aus München: Ein Land, das mit sieben Millionen Gästen auf 1,6 Millionen Bewohner vom Tourismus lebt, wählt mit 21Prozent fremdenfeindlich. Muss man erst mal schaffen. #ltwmv

Grund genug für einen Ortstermin; Fragestunde mit dem Bürgermeister Rainer Barthelmes (parteilos): Der 63-Jährige radelt im knallblauen Polo-Shirt zum Hafen – genauso blau wie der Himmel über dem Ort und das Parteilogo der AfD. Das Gemeindeoberhaupt versucht zu analysieren, warum seine Einwohner so oft ihr Kreuz bei der AfD setzten. Er sitzt auf einer Bank, denkt darüber nach und blickt auf den Hafen. Der wurde vom Land mit elf Millionen Euro gefördert – gerade vor einem Jahr war die Eröffnung. Weitere Bauabschnitte sind in Planung. Insgesamt flossen in den vergangenen Jahren zwölf Millionen Euro in den Ort. Der Löwenanteil wurde vom Land gefördert. „Allerdings wurde erst in der jüngeren Vergangenheit etwas in Peenemünde bewegt. Viele Jahre stagnierte die Entwicklung. Wir wurden hier regelrecht vom Land abgehängt“, sagt er und vermutet, dass dies ein Grund für das aktuelle Verhalten der Wähler sein könnte. Dass viele ihr Kreuz bei der AfD setzten, hat nach seiner Auffassung nichts damit zu tun, dass dort „böse Menschen“ wohnen. Barthelmes stellte auch eine Wählerwanderung fest. „Bei der vergangenen Landtagswahl war die NPD noch die zweitstärkste Kraft im Ort.

Das hat sich nun gewandelt. Der Anteil ist auf fünf Prozent gesunken.“ Barthelmes meint, dass die Wahl auch nichts mit den ankommenden Flüchtlingen in der Region zu tun hätte. „In Peenemünde hat noch nie ein Flüchtling gewohnt“, sagt er. Der Bürgermeister sieht den Hauptgrund vielmehr in der Landespolitik. „Den Verlust mehrerer Stationen im Wolgaster Kreiskrankenhaus verzeihen die Menschen nicht so einfach. Ich fahre jeden Morgen über Wolgast zur Arbeit. Dort steht vor einem Wahlplakat von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD): Wolgast hat er vergessen. Diese Nachricht trifft den Nagel eigentlich genau auf den Kopf“, sagt er.

Wenn der Bürgermeister auf den Hafen blickt, findet er viele schöne Ecken, die in den vergangenen Jahren zum Positiven entwickelt worden sind. „Aber nur von einem schönen Land können die Menschen hier nicht leben. Es müssen Arbeitsplätze entstehen. Peenemünde hat nicht mal einen Arzt im Ort.“

Am ersten Tag nach der Wahl stand sein Telefon kaum still. Viele Nachrichtenagenturen, Fernseh-Sender und überregionale Zeitungen riefen ihn an und fragen nach dem „Warum?“. Am Ende des Gesprächs radelt er wieder nach Hause und gesteht, dass die Farbe seines Poloshirts Zufall war. „Ich möchte ja in den kommenden Jahren auch noch Förderungen vom Land erhalten“, sagt er. Deswegen gehört er nicht zu den Menschen, die ihr Kreuz bei der AfD setzten.

Szenenwechsel: Auf der Peenemünder Hafenkante läuft ein junger Mann mit seinem Hund entlang. Er trägt Jogginghose, einen ungepflegten Bart und lebt – wie sich später herausstellt – von Arbeitslosengeld II, auch Hartz 4 genannt. Er gibt offen zu, dass er seine Stimme am Wahlsonntag absichtlich ungültig gemacht hat. „Ich habe dort schriftlich vermerkt, dass ich keine Lügner wähle“, betont. Von „denen da oben“ hat er „die Schnauze voll“. Er lebte einige Jahre in Zinnowitz, verlor den Job, fand keine Wohnung, und auch die Erziehung für sein Kind wurde ihm entzogen. Eine überbetriebliche Ausbildung konnte er nicht machen. Es war ein Teufelskreislauf. Schließlich fand er eine Wohnung in Peenemünde. „Ganz oben, letzte Wohnung“, sagt er. Doch auch hier scheint er unzufrieden zu sein. Kein Führerschein, Risse in der Schlafzimmerwand und auch die Deckenlampe im Wohnzimmer darf er nicht an bauen. Nur eine Stehlampe sei vom Vermieter gestattet. Der junge Mann schaukelt sich hoch, äußert seinen Unmut über die weltpolitische Lage von seiner Deckenlampe bis hin zur Grenzöffnung.

Auf die Frage, wie er Deutschland in fünf Jahren sieht, zuckt er mit den Schultern. „Dann wird es Deutschland nicht mehr geben. Das dauert nicht mehr lange – dann knallt die Bombe. Das fängt doch jetzt schon. Die halten sich doch jetzt alle zurück. Alle haben die Schnauze voll. Das hat aber nichts mit Flüchtlingen zu tun.“

Der Peenemünder Unternehmer Maik Chust, der am Hafen einen U-Boot-Shop betreibt, drückt auch seinen Unmut aus. „Beispiel Kreiskrankenhaus: Wieviel politischen Weitblick hat die Landesregierung, um die Unterschriftenaktionen aus der Region abzulehnen? Die haben ein eigenes Harakiri gemacht. Da hätte ich doch bis nach der Wahl gewartet. Das sind 19 000 Wählerstimmen“, sagt er.

„Die können doch von uns nicht erwarten, dass sie wiedergewählt werden. Das gesamte Parlament, alle, die gegen das Krankenhaus die Hand gehoben haben, sind dafür verantwortlich, dass in dieser Region so gewählt wurde. Das ist mein Hauptpunkt“, sagt Chust. „Es ist der Frust der Menschen, denn keine Partei nimmt die Einwohner im Nordosten des Landes noch so richtig wahr.“

Ein anderes Argument ist für ihn das Lohndumping im Land. „Die Menschen arbeiten unter jahrelangem Lohndumping. Die guten Arbeitskräfte gehen deshalb weg, weil sie hier bis zum Umfallen arbeiten und wenig verdienen. Und im Herbst werden sie nach der Saison auch noch entlassen“, sagt Chust.

Erklärungsversuche, die wirklich volksverbundene Landespolitiker auch vorher schon hätten vernehmen können.

Wahlen in Peenemünde

126 Wähler aus Peenemünde gingen am vergangenen Sonntag zur Wahl. Vier Wahlzettel waren ungültig.

55,02 Prozent betrug die Wahlbeteiligung. 229 Männer und Frauen sind in dem Ort wahlberechtigt.

Aufteilung der Erststimmen: Falko Beitz (SPD, 11), Karl-Heinz Schröder (CDU, 10), Lars Bergemann (Linke, 27), Olaf Evers (Grüne, 2), Bernd Lange (FDP, 3), Harald Heß (Die Achtsamen, 4), Ralph Weber (AfD, 65 Stimmen)

OZ LESERBRIEFE

Beschämend, erschreckend und unbegreiflich Zur Landtagswahl erreichten und mehrere Leserbriefe: Liebe OZ, ich schreibe nicht oft Leserbriefe, heute muss es sein. Seit dem 2. Lebensjahr bin ich in den Ferien an der Ostsee – ich war es immer gerne. Auch auf Usedom. Nun werde ich andere Ziele in Erwägung ziehen. Dort, wo Menschen nicht willkommen sind, will man da sein? Ich sah heute die detaillierten Wahlergebnisse. Erschreckend.

Eine Region, die von Menschen lebt und mit ihnen und in der es ohne die polnischen Servicekräfte gar nicht mehr möglich wäre, den Ferienbetrieb aufrechterhalten – die wählt fremdenfeindlich. Schade – vor allem für die Region.

Steffen Kleiber, Suhl

Das hohe Abschneiden der AfD ist beschämend. Ein Landtagsabgeordneter, der unter anderem gegen Zusammenarbeit in Europa und gegen eine multikulturelle Gesellschaft ist, ist für unsere deutsch-polnische Insel einfach nicht tragbar. Nur aus Trotz diese Partei anzukreuzen, wie viele AfD-Wähler es taten, ist vollkommen unbegreiflich. Dieses Ergebnis wird unserer Region die nächsten fünf Jahre auf den Magen schlagen. Daher müssen wir alle jetzt erst recht diesem schäbigen Rechtspopulismus Paroli bieten!

Marcus Stock, Liepe

Hannes Ewert

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