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Usedom Honorige Gäste und ein Bürgerpreis für Literatur
Vorpommern Usedom Honorige Gäste und ein Bürgerpreis für Literatur
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12:34 24.03.2014
Heringsdorf

Der Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur ist ungewöhnlich. Wohl deshalb, weil er , es geht um 15 000 DM, von den Bremerhavenern selbst alle zwei Jahre gespendet wird.

Warum? Die Antwort darauf gaben am Sonnabend die ehemalige Ahlbeckerin, Prof. Carola Stern, Dr. Elsbeth Wolffheim, Prof. Wolfgang Promies, Prof. Wolfgang Emmerich und Dr. Hugo Dittberner. Sie sind die Juroren und stehen dafür, den Geist an die finsterste Zeit Deutschlands wach zu halten. Denn damals stand Bremerhaven in einem besonderen Licht. Bereits am 6. Mai 1933, vier Tage früher als im nationalsozialistischen Deutschen Reich, fanden auf dem Marktplatz in Bremerhaven unter öffentlichem Beifall Bücherverbrennungen statt. Nie wieder. Darüber hinaus soll der Literaturpreis ein Zeichen gegen Unrecht, Gewalt, Hass und Intoleranz setzen. Dafür steht der Name der Bremerhavener Familie Schocken. Sie bot seinerzeit den Verfolgten, für die Bremerhaven zumeist die letzte Station auf der Flucht ins Exil war, Zuflucht. Jeanette Schocken wollte mit ihrer kranken Tochter nicht fliehen; beide wurden gemeinsam mit weiteren Bremerhavenern jüdischen Glaubens ermordet.

Bleibt die Frage, warum die Jury ausgerechnet in Heringsdorf tagte. Denn wissen muss man, dass sie immer in Bremerhaven zusammenkam. Genau das ist Carola Stern zu verdanken. Die in Ahlbeck Geborene (bekannte Autorin, verließ 1951 die DDR, Mitbegründerin von amnesty international, WDR-Redakteurin, gab zusammen mit Heinrich Böll und Günther Grass die Zeitschrift L76 heraus) hatte unlängst den Mitgliedern der Jury die Insel Usedom mit dem Ergebnis gezeigt, dass diese sich in das Eiland verliebten.

Carola Stern sie besitzt wieder ein Ferienhaus bei Balm sagte in diesem Zusammenhang der OZ, dass sie nach der Wende sogleich den Kontakt zum Ahlbecker Bürgermeister gesucht hätte. Grund: sie kennt aus ihrer Ahlbecker Zeit noch eine Familie jüdischen Glaubens, der die Flucht nach Palästina gelang. „Könnte man nicht ein Zeichen setzen. . .?“, so habe sie damals Bürgermeister Mohr gefragt, aber dieser war kurz nach der Wende für ein solches Thema nicht zu begeistern.

Vielleicht ist heute, zehn Jahre nach der Vereinigung, Zeit für ein Thema, dass auch zu DDR-Zeiten nie ein aktuelles war. Bekannt ist u. a. dass sich Zinnowitz schon früh bemühte „judenfrei“ zu werden oder dass in den heutigen Kaiserbädern die gut bemittelten Juden einen gehörigen Anteil am Wachsen der Seebäder hatten.

Ehemalige jüdische Mitbürger oder deren Kinder nach Ahlbeck oder Heringsdorf einzuladen, so Frau Stern abschließend, wäre ein sichtbares Zeichen der Versöhnung.



ST. BR.