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Hymnenzeit unter Kristallleuchtern

Heringsdorf Hymnenzeit unter Kristallleuchtern

„Karat“ begeistert 800 Fans im Kaiserbädersaal mit legendären Titeln und frischeren Songs

Heringsdorf. . Es sind keine 60 Minuten mehr bis zum Konzertbeginn. Sänger Claudius Dreilich und seine Mannen (zwei Frauen inklusive) sitzen backstage beim zwanglosen Abendbrot. Bier gibt’s zum Runterspülen. „Aber wie Du siehst, trinken wir auch Saft. Wir sind ja nicht mehr die Jüngsten“, witzelt er. Am 12. Dezember werden es exakt zwölf Jahre, dass sein Vater Herbert sterben musste und sich damit ziemlich grundsätzlich die Frage nach der Zukunft der Band stellte. Noch heute, längst im hier und jetzt angekommen, folgt ein Moment des Innehaltens, wenn von jener Zeit die Rede ist. „Papa, Du bist immer noch bei uns auf der Bühne dabei“, wird Claudius später während des knapp zweistündigen Konzertes sagen. Dann ist es am Publikum, die eine oder andere Träne der Rührung zu verdrücken.

Jetzt aber heißt es Konzentration auf das, was die Band den Zuhörern bieten will. Bernd Römer (inzwischen schon 64 Jahre jung), der später grandiose Soloparts hinlegen wird, stimmt seine Gitarren.

Die langen blonden Haare zur Hochfrisur aufgesteckt, will er dabei nicht gestört werden. „Weißt Du, bei einem solchen Akustikkonzert kommt es auf jeden Ton an; wenn er nicht sitzt, merken das die Leute“, sagt Dreilich junior. Und: „Die Tour ist immer eine große Herausforderung an das handwerkliche Können jedes einzelnen von uns und auf das Zusammenspiel.“ Dass sie das beherrschen, weisen die Profis im schönsten Saal der Insel, der komplett gefüllt ist, später eindrucksvoll nach. Ob an den Gitarren, den Drums, der Mundharmonika oder den Keyboards – hier sind Spitzenmusiker am Werk.

Karat hat bis heute eine große Fanschar behalten. Klar – es sind die inzwischen legendär gewordenen Songs, die stürmischen Jubel im Publikum auslösen. Los geht’s mit dem „Schwanenkönig“, und zwar in einer „stromlosen“ Version mit vier Gitarren. Dieser Auftakt hat Größe! Später mischt die Band Mitsinge-Songs aus ihrer über vier Jahrzehnte langen Geschichte mit neuen, manchem Zuhörer noch unbekannten Liedern. Oft, eigentlich fast immer, geht es um Liebe, Trauer, Abschied, Verrat und aber eben auch Hoffnung. Viele Titel sind um- oder neu arrangiert, beim „Blauen Planet“ werden aus den einst nicht nur im Osten gehassten Neutronen(bomben) die Dämonen. Eingefleischte Fans wissen das, andere stutzen. Doch ansonsten kommen die Hits wie „König der Welt“, „Albatros“ oder „Abendstimmung“

gewohnt exakt musiziert daher. Und obendrauf gibt es herrlich treibende Improvisationen und Soli von Michael Schwandt und Martin Becker, für die Sonderapplaus gezollt wird.

Dass nur das erste Drittel der Lieder unplugged gespielt wird, ist nicht zu überhören. Später werden sämtliche Verstärker und Boxen ans Limit gebracht, wird aus dem Liederabend auch noch ein richtig geiles Rock-Konzert. Das begeistert nicht zuletzt viele der grau melierten Gäste, die mit den Songs von Karat groß geworden sind. Manch einer und eine kann jeden Text mitsingen, viele hält es nicht mehr auf ihren Stühlen.

Als im Finale die „Sieben Brücken“ aus 800 Kehlen angestimmt werden, ist Hymnenzeit. Mitsingen, die Arme schwenken, tanzen – jetzt ist alles erlaubt. Auch Melancholie, auf der Bühne und davor.

Dreilichs Satz über den Stolz, diesen Song, der von so vielen Künstlern gecovert wird, zu haben, folgt das etwas trotzige „Aber das Original ist von uns!“.

Die Liebhaber der Rockmusik im typisch lyrischen Karat-Stil sind restlos begeistert. „Sehr gut“, „super“, „phantastisch“ raunt man sich nach einem denkwürdigen Konzertabend im gläsernen Foyer zu.

Summt noch den einen oder anderen Lieblingssong, strahlt eine gehörige Portion Glück aus, etwas Besonderes miterlebt zu haben.

Dreilichs Versprechen von vor dem ersten Titel, „Wir wollen möglichst nie in Routine verfallen und immer authentisch bleiben“, hat die Band ganz zweifelsfrei umgesetzt. Bassist Christian Liebig, einst bei Hansi Biebl und Modern Soul, ist nicht unzufrieden. „Wir sind gut unterwegs“, lächelt er. Die Akustiktour geht weiter. Heute Abend in Berlin, am Freitag in Potsdam.

Steffen Adler

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