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Usedom „Ich kenne im ganzen Land kein Reetdach“
Vorpommern Usedom „Ich kenne im ganzen Land kein Reetdach“
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00:05 19.03.2016
Das Heimatmuseum auf Schwedens größter Insel Gothland. Diese Dachdeckung ist nach Ansicht von Karl-Heinz Blunck Reet. Quelle: khb

Karl-Heinz Blunck (75) hat einst von der Pike auf das Handwerk des Dachdeckers gelernt. Zuletzt hatte er sogar eine eigene Firma. Mit Reet und Rohr kennt sich der Ückeritzer also aus.

Für Karl-Heinz Blunck (75) sind Reet und Rohr unterschiedliche Dinge. Links zeigt er, was er am Wockninsee abgeschnitten hat, rechts ein Bündel Schilfrohr, mit dem Dächer gedeckt werden. Quelle: Angelika Gutsche

Diesen Begriff kenne ich überhaupt erst seit der Wende.“Karl-Heinz Blunck (75), Dachdecker i.R.

Deshalb ärgert ihn, dass im öffentlichen Sprachgebrauch seiner Meinung nach Reet und Rohr verwechselt werden: „Ich kenne im ganzen Land kein einziges Dach aus Reet“, sagt er. „Häuser, die so bezeichnet werden, sind meist mit Schilfrohr gedeckt.“ Reet hingegen, sei seiner Meinung nach ein hoch gewachsenes flaches Gras.

Um den Unterschied zu beweisen, hat Blunck bei Eis am benachbarten Wockninsee sein Reet geerntet, das er im Vergleich mit Schilfrohr präsentiert. Er zeigt: Die Stängel des Rohrs sind rund und fest, die seines Reets flach. Und die Ähren des Schilfs sind bedeutend kräftiger. Zum Beweis zeigt er ein Foto, dass er während seines Urlaubs auf der Insel Gotland aufgenommen hat. „Das hier ist ein echtes Reetdach“, meint er und präsentiert eine Aufnahme des dortigen Heimatmuseums. Der Unterschied ist augenscheinlich, die Konturen sind weniger scharf. An den Giebeln ragt das Naturmaterial weiter und ungeordneter über das Mauerwerk hinaus als bei hinlänglich bekannten Schilfrohrdächern.

Udo Clausen von der in Oldesloe ansässigen Interessengemeinschaft Pro Reet sieht den Unterschied dennoch ausschließlich als eine „Sache der Bezeichnung“, die „regionalabhängig“ sei. Für den Reetanbauer und -ernter aus Niebüll ist Reet der Oberbegriff für jegliches rund gewachsenes Rohr, mit dem Dächer gedeckt werden. „Nach unserem Verständnis ist Reet eine hohe Pflanze mir rundem Stängel und Fahne. Ein ganz wichtiges Qualitätskriterium ist, dass es keinen Grasanteil gibt.“ Das würde die Pflanze zu weich und leicht verrottbar machen und Veralgungen und Vermoosungen befördern.

„Für echtes Reet gibt es sogar ein eigenes Produktdatenblatt“, sagt Clausen. Auf ihrer Internetseite unterstreicht die IG Pro Reet die Vielfalt der Bezeichnungen für das natürliche Dachdeckmaterial.

Von Reet, je nach Region auch Schilf, Reeth, Reth, Reith, Ried oder Rohr ist hier die Rede.

Ein Mitarbeiter der Hiss Reet Schilfrohrhandel GmbH, die ebenfalls Mitglied der IG Pro Reet ist, unterstreicht, was Clausen schildert. „Ich arbeite in Bad Oldesloe und wohne in einem Mecklenburgischen Dorf. Wir arbeiten alle mit dem selben Material — aber hier haben die Häuser Reetdächer und in meinem Dorf sagen die Leute Rohrdächer dazu“, erklärt er. Das am Wockninsee geerntete Material hält er für Schneidegras, das in seiner türkischen Heimat zum Beispiel für die Eindeckung von Sonnenschirmen verwendet wird. Auch seine Nachbarn würden sagen, dass sie den „Reet“-Begriff überhaupt erst mit der Wiedervereinigung kennengelernt hätten.

Karl-Heinz Blunck sieht das ganz ähnlich. „Bis zur Wende hießen die Naturdächer in unserer Region Schilfrohrdächer. Den Begriff Reet kannten wir in unserer Familie nur von unserem Großvater, der die Stängel am Wockninsee geschnitten und als Einstreu für die Tierställe verwendet hat.“

Von Angelika Gutsche

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