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Auf der Bühne an die 100 Leben gelebt

Usedom/Zinnowitz Auf der Bühne an die 100 Leben gelebt

Rainer Karsitz – ein beliebter Mime, der aus jeder Rolle etwas ganz Besonderes macht.

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Hinter der Bühne, auf seinen Auftritt als Betrunkener wartend: Rainer Karsitz bei der „Linie 1“ auf der Bühne in Usedom. Fotos (2): Martina Krüger

Usedom/Zinnowitz. „ Die Rehe haben sich schon an mich gewöhnt“, sagt Rainer Karsitz, der im Ückeritzer Wald laut seine Texte lernt. „Spaziergänger gucken manchmal, aber ich sage dann, ich bin nicht verrückt, nur Schauspieler.“ Karsitz'scher Humor. Wollte man als Journalist ein Interview mit ihm, hieß es stets: „Ach nö, meine Person ist nicht so wichtig.“

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Rainer Karsitz – ein beliebter Mime, der aus jeder Rolle etwas ganz Besonderes macht.

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„Ach nö, meine Person ist nicht so wichtig.“

Rainer Karsitz auf Journalistenanfragen nach einem Interview

Nun aber doch auf einen Kaffee. Und gleich wieder falsch. Denn auf einen Kaffee kann man sich mit ihm nicht verabreden. Das hat mit seinem früheren Leben zu tun, als der gelernte Handelskaufmann Vertreter für Modelleisenbahnen war. Zwölf bis 15 Kunden pro Tag und ebenso viele Kaffees pro Tag. Immerhin verkaufte er die begehrten Minizüge und das dazugehörige Zubehör bis zu seinem 37.

Lebensjahr. Genug Koffein für ein Leben. Er selbst merkt an, dass es jenseits des Kaffees ein Superjob war. Denn beispielsweise Dieselloks mit Spurweite H0 waren begehrt und ein prima Tauschobjekt im Land, wo seltene Waren sozusagen die zweite Währung waren.

Und abends spielte er Theater, bei Narva, dem Glühlampenhersteller der DDR, und bei den „Reizzwecken“, dem Kabarett im Haus der Jungen Talente. Aber irgendwann war Zeit, sich zu entscheiden: H0 oder Hamlet?! Nein, den Hamlet hat er nicht gespielt – allerdings die Parodie „Heute weder Hamlet“. Karsitz ist einer der beliebtesten Schauspieler der Vorpommerschen Landesbühne. Zur Zeit ist er als André ein Mann, der in Demenz versinkt, und in „Linie 1“ auf der Usedomer Hafenbühne zu erleben. Wenn er als Hermann dem Mädchen im Stück seine mehr als bescheidenen Lebensverhältnisse schildert und ihr erklärt, dass er trotzdem das Leben genießt, ist sie stückgerecht fassungslos verblüfft und das Publikum gerührt. So viel Optimismus!

Als betrunkener Arbeiter, ewig meckernder Stiesel und natürlich als Witwe Agathe brilliert er immer für Minuten auf der Szene. Und genau das ist es, was ihn am Beruf schon immer begeisterte: Man lebt mehrere Leben, und man lebt auf der Bühne alles, was man privat nicht kann oder nie tun würde. Karsitz hat so gesehen wohl an die 100 Leben gelebt.

Seine Profi-Schauspieler- Karriere startete er in Zeitz als Eleve. Die praktische Ausbildung gab's am Theater in richtigen Stücken und die theoretische in Rostock, einer Zweigstelle der berühmten Ernst- Busch-Schule Berlin. Knappe 500 Kilometer dazwischen. Aber ein ähnliches Prinzip, nach dem die heutigen Eleven der Theaterakademie Vorpommern ihren Beruf erlernen. Mit ihnen steht er nun auf der Bühne. Nachdem er die „Pappe“, das Diplom des Berufsschauspielers, mit 41 Jahren in der Tasche hatte, ging es wieder nach Berlin als Freiberufler. „Ferienheim Bergkristall“, verschiedene Hörspiele, Fernsehserien und wieder die „Reizzwecken“.

Den Tag der deutschen Einheit erlebte er mit dem Kabarett in Hongkong – er schwärmt heute noch davon. Nach der deutschen Einheit setzten die Auflösungserscheinungen im Kulturbetrieb ein. Die zentrale Künstlervermittlung schickte ihn nach Anklam mit dem Zusatz: „Sie müssen ja nicht lange bleiben!“. Karsitz blieb fünf Jahre. Einige werden sich noch an „Der Herr Karl“, eine bitterböse Gesellschaftssatire, oder seine „Kalchas“ in „Die schöne Helena“, den Prof. Nägeler in „Ein Haus in Montevideo“ oder an den „Don Quijote“ erinnern; dessen Gefährtin – die eiserne Rosinante – ziert heute noch den Eingangsbereich des Anklamer Theaters.

Die Vielfalt der Rollen ist auch so ein Markenzeichen von Karsitz. Profan gesagt: Er nimmt, was kommt, und klärt dann für sich, was die Rolle, das Werk und der Regisseur wollen – und spielt los. Also erledigt sich die Frage nach der Traumrolle. Die gibt es nicht. Aber er macht aus jeder Rolle etwas. Nach fünf Jahren Anklam kam Stendal. Dr. Wolfgang Bordel, der als Regisseur gern mit Karsitz gearbeitet hatte, verabschiedete ihn: „Wenn es dir da nicht mehr gefällt, kannst du wiederkommen.“

Karsitz, der ein penibler Sammler ist, sammelte auch diesen Satz und war 2009 wieder da. Im Kabarett, in „Achtung deutsch“, dem Loriot-Programm, in dem er agierte, und auf der Usedomer Hafenbühne erspielte er sich seine Erfolge. Nun wollte er eigentlich seinen Abschied nehmen und von Zempin nach Berlin ziehen – doch hadert er ein wenig. Ein Leben so ganz ohne Bühne?

„Linie 1“ auf der Usedomer Hafenbühne bis zum 28. August, jeweils montags, mittwochs, donnerstags und sonnabends, 19.30 Uhr;

Karten unter ☎ 03971/2688800

Martina Krüger

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