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„Diese Arbeit ist wie eine Droge“

Greifswald „Diese Arbeit ist wie eine Droge“

Vor 30 Jahren wurde Lutz Jesse Schauspieler am Theater Vorpommern. Und blieb.

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Was die Rolle seines Lebens war? Die gibt‘s nicht, sagt Jesse. Jede neue Rolle sei eine Herausforderung, der er gern ins Gesicht sieht.

Quelle: Peter Binder

Greifswald. In den ersten Jahren kam sie noch manchmal, diese Frage von Freunden oder Kollegen: Willst Du nicht auch mal weg von hier? An eine andere Bühne? Heute fragt keiner mehr, jeder weiß: Dieser Lutz Jesse bleibt, der gehört hierher, nach Greifswald, zum Theater, zum Schauspiel. „Weggehen nur um des Weggehens willen — das wollte ich nie“, sagt Jesse, der in Wackerow aufwuchs. Wenn schon, hätte es wohl ein richtig gutes Engagement sein müssen, das ihn weglockte. „Aber Greifswald hat es doch auch verdient, dass gute Schauspieler hier bleiben“, sagt er verschmitzt.

Als Stadttheater mit breitem Repertoire biete ihm das Haus Abwechslung. Vor 30 Jahren, im Spätsommer 1983, stand Jesse das erste Mal vor dem Greifswalder Publikum, 24-jährig, gerade fertig mit der Schauspielausbildung in Rostock. Als Riese im Märchen „Das tapfere Schneiderlein“, stapfte er über die Bühne. Seitdem hat er in 152 Inszenierung am Theater mitgespielt und so unterschiedliche Rollen wie den arbeitslosen Stripper „Graham“ in der umjubelten Komödie „Ladys Night“ verkörpert oder in „das Fest“ den alten Vater, der seine Kinder missbrauchte und zur Rede gestellt wird. Gerade die Rolle im „Fest“ findet Regisseurin Uta Koschel bemerkenswert, wenn sie sagen soll, was sie an Jesse schätzt. „Dieser Vater ist ja eine sehr negative Figur, aber Lutz hat es geschafft, ganz viel Menschliches reinzubringen“, sagt sie. Weil er mit Ernsthaftigkeit, mit Leidenschaft herangehe. Gleichzeitig gilt Jesse bei der Arbeit als auffallend fröhlich und verspielt. Neulich bei einer Probe für das Stück „Gyges und sein Ring“ etwa: In der ersten Szene tritt Jesse mit einem Kissen in den Händen auf die Bühne, darauf gebettet eine Krone und ein Schwert. Das Bühnenbild macht es ihm schwer — breite Gummibänder spannen sich von oben nach, ständig bleibt Jesse hängen. Doch statt genervt zu sein, macht er ein Spiel daraus, schiebt sich absichtlich gegen die Bänder, dreht sich wie ein Tänzer hindurch. „Er verbreitet gute Laune“, sagt Schauspielkollegin Claudia Lüggenegger, „weil er im positiven Sinne albern ist.“ Mit ihm könne man immer scherzen, sagen auch Andere.

Was auf der politischen Bühne passiert, seit Mathias Brodkorb Kultusminister von MV ist, macht Jesse allerdings wütend. Die Theater Stralsund und Greifswald seien 1994 fusioniert, „Und das war gut“, meint er. Aber nun sei die Grenze des Leistbaren erreicht. „Wir Schauspieler sind doch keine gefrorenen Schweinehälften, die man quer durch die Republik karren kann!“

Dass sich bei den Proben meist seine gute Laune durchsetzt, hat einen guten Grund: Auch wenn am Theater in den vergangenen30 Jahren zig Stellen gestrichen wurden, Besucherzahlen runtergingen und Jesse mit Sorge sah, wie mancher Intendant dem Haus mehr schadete als nutzte: „Ich hab nie gedacht: Ich will nicht mehr“, sagt er. „Schauspielen ist wie eine Droge.“

 

Sybille Marx

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