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„Meine Arbeit war mein Leben“

Zinnowitz „Meine Arbeit war mein Leben“

Zinnowitz: Dr. Edeltraut Bartels (65) gibt nach 41 Berufsjahren ihre Praxis ab und wechselt in den Ruhestand

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Der Abschied fällt schwer. Schwester Bianca Wolf ist seit 1993 in der Praxis von Dr. Edeltraut Bartels, die jetzt in den Ruhestand geht.

Quelle: ag

Zinnowitz. Als die Tochter von Edeltraut Bartels (65) noch klein war, gab sie ihrer Mutter einmal zu verstehen, dass sie niemals soviel arbeiten möchte wie sie. „Ich möchte mehr Zeit für meine Familie haben“, hatte sie gesagt. Das tat weh. Doch die junge Frau hatte gerade ihre Facharztausbildung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit „sehr gut“ abgeschlossen und brannte darauf, sich mit Leib und Seele für Frauen einzusetzen.

Vieles hätte ich nicht ohne die Hilfe anderer geschafft. Dafür und für das Vertrauen der Patientinnen bin ich unendlich dankbar.“Edeltraut Bartels (65), Fachärztin für Frauenheilkunde

Dankbarkeit dominiert Das ist Geschichte. Am 23. März wird sie in ihrer Praxis im Zinnowitzer Ärztehaus zum allerletzten Mal Patientinnen behandeln. „Ein seltsames Gefühl“, sagt die Ärztin, die nie Fleiß gescheut und selbst mit gebrochenem Fuß gearbeitet hat. Von heute auf morgen gibt sie auf, was ihr Leben ausmachte.

In dem Gefühlswirrwarr, das dieser Schritt jetzt unvermeidlich auslöst, überwiegt bei der Ückeritzerin die Dankbarkeit an alle Menschen, die sie im Anschluss an das Medizinstudium an der Greifswalder Uni beruflich gefördert und begleitet haben — die Gynäkologen am Wolgaster Kreiskrankenhaus, die ihre Facharztausbildung begleiteten, und Dr. Wilhelm Schobel, der ihr die Fachrichtung wies. „Ich brauchte oft einen kleinen Anschubser. Ursprünglich wollte ich mich auf Kinderheilkunde stürzen. Dr. Schobel hatte dann entscheidenden Anteil daran, dass es anders kam“, erinnert sich die Ärztin.

Die Krankenhauszeit hat sie geprägt. „In Wolgast habe ich sehr gute kollegiale Erfahrungen gemacht. Außerdem war die Zeit beruflich wichtig, weil Ärzte in stationäre Betreuung und Poliklinikarbeit eingebunden waren. Da habe ich viel gelernt“, blickt sie zurück.

Dann kam die Wende. Wieder brauchte es kleine Schubser, damit sich Edeltraud Bartels neu orientiert. Schließlich eröffnete sie, quasi von heute auf morgen, ihre Praxis im Zinnowitzer Ärztehaus. „Auch das hätte ich nicht ohne die Hilfe anderer geschafft. Henny Simm und Erika Balatka waren meine ersten Schwestern. Sie halfen mir entscheidend, die Praxis aufzubauen, in der ich über die Jahre mehr als 20 000 Patientinnen behandelt habe.“ Seit 2009 war die promovierte Medizinerin die einzige Gynäkologin der Insel Usedom. Auch weil manche Frauen noch heute Vorbehalte gegen die Behandlung durch männliche Kollegen haben, schloss das Einzugsgebiet ihrer Praxis neben der Insel mitunter auch Anklam, Wolgast, Greifswald, Stralsund und Demmin ein.

Auf Patienten eingestellt Schwester Bianca Wolf, die 1993 eine Lehre in ihrer Praxis aufnahm und hier bis heute arbeitet, sagt, Dr. Bartels habe großes Vermögen, sich auf Patientinnen einzustellen. „Zu älteren Frauen, die keine Treppen mehr steigen können, fuhr sie zur Untersuchung nach Hause“ erzählt die Schwester. „Ich habe immer bewundert, mit wieviel Freude sie an die Arbeit ging. Auch wenn in jüngster Zeit die Bürokratie immer mehr Stunden kostete.“ Gemeinsam mit Schwester Martina Kluth hat sie versucht, der Ärztin, die auch in den Notdienst der Region eingebunden war, den Rücken freizuhalten.

Ihre Kraft habe sie aus dem großen Vertrauen geschöpft, das ihr die Frauen in 41 Berufsjahren entgegenbrachten — Jahre mit schönen und traurigen Stunden. „Inzwischen habe ich Frauen behandelt, denen ich einst in Wolgast mit auf die Welt half“, sagt sie und lacht. Mit Freude denkt sie an die vielen gesunden Babys. „Neulich hat mir ein junger, kräftiger Mann ein Foto eines zierlichen Frühchens gezeigt und gesagt: Das bin ich. Sie waren bei meiner Geburt dabei.“

Gern erinnert sie sich an die Drillinge, die sie in einer Aushilfslehrerin aus Heringsdorf entdeckte. Amüsiert erzählte sie, wie die werdende Mutter zunächst die Schwangerschaft entdeckte, vom nächsten behandelnden Arzt von einer vermeintlichen Zwillingsgeburt erfuhr und sie ihr dann nach einer Ultraschalluntersuchung die Entdeckung des dritten Babys mitteilte. „Jedes Mal hatte sie gleich den Vater informiert. Nach dem dritten Anruf hat er ihr gesagt, sie möge das lassen; jetzt sei es genug.“

Oft genug waren da aber auch die anderen Situationen, in denen Edeltraut Bartels nach der Untersuchung schlimme Diagnosen offenbaren und Trost spenden musste. „In solchen Stunden habe ich mich auf mein Gefühl gestützt, versucht, die Menschen nicht allein zu lassen und der Familie noch gangbare Wege aufgezeigt“.

Soviel ist klar: Die Patienten, die jetzt Glückwünsche zum Eintritt in den Ruhestand und Dankesbekundungen unterbreiten, die Kollegen und die Arbeit werden Edeltraut Bartels fehlen. Wenn sie über ihr neues Leben spricht, wirkt sie unsicher. Natürlich freue sich sich auf mehr Zeit für die Familie, auf die Enkel und die Gartenarbeit. Eine Ostseerundfahrt steht an. Aber leicht fällt ihr der Abschied nicht.

Die Praxis bleibt Die Praxis mit 14 000 Patienten übergibt sie an Dr. Frank Gürtler, der hier in jüngster Zeit schon Sprechstunden abhielt. „Gut, dass die Patientinnen weiter einen Anlaufpunkt im Zinnowitzer Ärztehaus haben. Ich hoffe, dass mein Nachfolger die Arbeit und Zuverlässigkeit des verbleibenden Teams zu schätzen weiß.“

OZ

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Zinnowitz
Schwester Bianca Wolf ist seit 1993 in der Praxis von Dr. Edeltraut Bartels (r.), die jetzt in den Ruhestand geht.

Nach 41 Berufsjahren verlässt die Zinnowitzer Frauenärztin Dr. Edeltraut Bartelt ihre Praxis. Sie geht mit 65 Jahren in den Ruhestand. Dr. Frank Gürtler übernimmt.

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