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Usedom Mit Eifer, Fleiß und Dankbarkeit
Vorpommern Usedom Mit Eifer, Fleiß und Dankbarkeit
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00:24 05.09.2016

Von Praktikanten hatte Friseur Siegfried „Siggi“ Koch aus Bansin eigentlich – auf gut Deutsch – die Nase voll. „Es war immer mehr Arbeit und keine Entlastung für mich. Man arbeitet immer für zwei Personen. Oft konnten sie nicht mal eine Tasse richtig ausspülen“, sagt der 51-Jährige, der seit elf Jahren sein Stylehouse in Bansin betreibt, verärgert. Bis vergangenen Freitag hatte der gebürtige Hamburger jedoch einen ganz besonderen Praktikanten. Er heißt Mohammad Wassim Ied, ist 22 Jahre alt und wohnt in Heringsdorf.

„Eine Kundin berichtete mir von einem jungen Mann, der auf der Suche nach Arbeit ist“, sagt Siggi Koch, der zu seinen Hamburger Zeiten als Starfriseur gefeiert wurde und sogar Pop-Stars wie Dieter Bohlen stylte. „Er stellte sich vor und fing bei mir an. Ich helfe gerne Menschen. Hauptsache, man hat das Herz am rechten Fleck“, sagt der Bansiner bescheiden. Seit etwa einem dreiviertel Jahr wohnt Wassim auf Usedom. Er zählte damals zu den wenigen Flüchtlingen, die die Insel Usedom erreichten. „Fast alle wohnen nicht mehr hier. Die leben nun in anderen, größeren Städten“, erklärt der junge Mann, der in seiner Freizeit auch in der Männermannschaft von Eintracht Ahlbeck Fußball spielt.

Vor seiner Flucht arbeitete Wassim in Damaskus als Verkäufer und in einem Restaurant. „Jetzt möchte ich eine Ausbildung zum Friseur machen“, betont er. Wassim spricht gut Deutsch, versteht die wichtigsten Sachen. „Zuerst verständigten wir uns oft mit Händen und Füßen, aber mit der Zeit wurde es immer besser“, sagt Siggi Koch. Der gebürtige Syrer kommt bei den Kunden gut an. Zu seinen Aufgaben gehörten unter anderem die Sauberkeit im Raum, das Waschen der Haare, und er durfte auch schon mehrere Männerhaarschnitte schneiden. „Meinen Kopf hat er auch gemacht. Ich bin total zufrieden. Er bekommt von mir eine richtig gute Bewertung. Damit kann er sich sehen lassen“, sagt Siggi stolz. Er lobt vor allem dessen Selbstständigkeit. „Das kenne ich von vielen bisherigen Praktikanten nicht“, sagt er. Wassim erkenne die Aufgaben, wisse, wo die Arbeit liegt. Kaffee kochen gehöre auch dazu. Ein festangestelltes Arbeitverhältnis sei im Moment noch schwierig. „Eine Förderung vom Arbeitsamt gibt es erst für jemanden, wenn derjenige ein Jahr arbeitslos gemeldet war. Das ist bei ihm noch nicht der Fall“, so Koch.

Mohammad Wassim Ied möchte auf der Insel Usedom bleiben. „Mir gefällt es hier sehr gut. Wir wurden sehr gut aufgenommen“, sagt er. Auch seine syrischen Landsleute schnuppern in die Arbeitswelt hinein. „Sie arbeiten auch“, sagt er. Siggi Koch möchte mit dem Praktikum von Wassim vor allem andere dazu motivieren, dies auch zu tun. „Man darf niemanden vorverurteilen. Auf die Menschlichkeit kommt es an.“

Hannes Ewert

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