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Heringsdorf Mit Einfühlsamkeit Menschen helfen

Sebastian Antczak begleitete und integrierte Flüchtlinge in Heringsdorf / Alle haben jetzt eigene Unterkünfte

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Vor ein paar Wochen lebte Sebastian Antczak noch mit den Flüchtlingen in der Unterkunft. Jetzt ist er allein.

Quelle: Fotos: Hannes Ewert

Heringsdorf. Die einen kommen bald, die anderen sind bereits gegangen — viel Zeit zum Durchschnaufen bleibt Sebastian Antczak deshalb nicht. Rund ein halbes Jahr lang kümmerte er sich um mehr als 25 syrische Flüchtlinge in Heringsdorf. 24 Stunden, jeden Tag, fünf Monate am Stück. Ab dem kommenden Monat beziehen in den gleichen Räumen die ersten der rund 30 Rettungsschwimmer des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ihre Quartiere. Derzeit befindet sich die Unterkunft in der Renovierung. Der Landkreis Vorpommern-Greifswald investierte unter anderem in neues Mobiliar und einen neuen Anstrich.

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Sebastian Antczak begleitete und integrierte Flüchtlinge in Heringsdorf / Alle haben jetzt eigene Unterkünfte

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Wir sind eine große Familie geworden. Sie sind mir ans Herz gewachsen.“Sebastian Antczak, DRK

Im Gemeinschaftsraum der Unterkunft zeugt noch ein großes Gruppenfoto von der Zeit der Flüchtlinge in der Unterkunft. „Er ist nicht mehr da, er lebt nun bei seiner Familie und der junge Mann da hinten im Bild wohnt auch nicht mehr hier. Er zieht mit seinem Bruder nach Güstrow“, sagt er und zeigt mit der Hand auf das Foto mit den Bewohnern. Viele der Flüchtlinge beziehen durch ihren anerkannten Status ihre eigenen Unterkünfte, die meisten haben die Insel Usedom bereits verlassen.

Unzählige Abende verbrachte der 26-Jährige mit seiner Helferin Kamilla in der Unterkunft, schlief mit den Syrern Tür an Tür. „Wir sind eine große Familie. Die Jungs sind mir ans Herz gewachsen“, betont er. Die Syrer bezeichnen ihn schon länger als ihren eigenen Bruder. Umgekehrt genauso.

Für einige Männer aus dem Kriegsgebiet kann es nach der Zeit in der Rettungsschwimmerunterkunft eine Zukunft auf der Insel geben. Derzeit müssen sie allerdings noch Deutsch-Kurse absolvieren. Jeden Morgen um kurz vor 6 Uhr klingelt deshalb der Wecker. „Das müssen sie machen“, meint „Basti“, so wie er genannt wird. Auch wenn er durch seine lockere Art viel Spaß hat und für jeden Scherz zu haben ist, verdeutlicht er ihnen mit der nötigen Strenge die Regeln im Land. „Sie mögen die Freiheit und die Struktur in Deutschland“, sagt er.

Der gebürtige Hamburger, Sohn von zwei polnischen Eltern, wuchs in der Elbmetropole auf. „Ich kenne den Umgang mit Ausländern. Seit 2008 bin ich im Rettungsdienst tätig. Da weiß ich, dass auch diese Menschen Hilfe brauchen. Genauso ist es mit den Flüchtlingen“, erklärt er.

Als es vor rund einem halben Jahr um die Verteilung der ankommenden Flüchtlinge aus Kriegsgebieten ging, entschied sich der Landkreis für die Rettungsschwimmerunterkunft in der Delbrückstraße — denn freier Wohnraum stand nicht zur Verfügung. „Ich hatte Respekt, aber keine Angst. Ich wusste nicht, was auf mich zukommt. Doch nach nur zwei Tagen wurden wir miteinander warm und das Eis war gebrochen“, erzählt er. Normalerweise hätte sich Antczak von der Hauptsaison erholt, wäre nach Hamburg und Stettin gereist, um zu entspannen. Dafür blieb aber keine Zeit.

Die Arbeit mit den Flüchtlingen macht dem hauptberuflichen Rettungsassistenten Spaß, doch hinter den Kulissen war es nicht immer leicht. „In einer Demokratie ist es verständlich, dass auch die Kritiker zu Wort kommen. Und so führte ich mit vielen Menschen Diskussionen. Sie fragten mich, warum ich das mache. Für die große Politik kann ich nichts, aber man muss den Menschen helfen, wenn sie in Not sind. Die Meinungen radikalisierten sich“, sagt er. Aber Sebastian Antczak machte durch seine Arbeit auch viele neue Bekanntschaften. „Die Hilfe von außen war häufig zu spüren. Oft kamen die Menschen, manchmal auch Fremde zu uns, um das Gespräch zu suchen. Wir kochten, erzählten und hatten einen interessanten Abend. So funktioniert Integration“, sagt er. Die Syrer erzählten beispielsweise von ihrer Heimat, zeigten Fotos von zerstörten Häusern und redeten über den Verlust ihrer Eltern und Freunde. „Wenn ich eines aus dem halben Jahr gelernt habe, dann ist es das, dass ich nie in meinem Leben Krieg erleben möchte. Was die Folgen eines Krieges sind, habe ich nun erlebt.“ Die Berichte der Flüchtlinge schockierten ihn zunächst. „Ich bewundere, dass sie ihren Lebensmut und ihre Motivation nicht verloren haben. Trotz aller Verluste sind sie fröhlich. Jeden Tag. Sie genießen das Leben.“ Wenn ihre Deutschkenntnisse ausreichen, wollen die Syrer im Sommer kleinere Hilfstätigkeiten beginnen. „Es gibt bereits mehrere Angebote“, sagt Antczak.

In der Gemeinde Heringsdorf zeigt man sich über die Arbeit mit den Flüchtlingen begeistert. „Wir haben mit Sebastian Antczak einen sehr engagierten Menschen gefunden, der mit der Sache gewachsen ist“, sagt Bürgermeister Lars Petersen (CDU). „Er begleitete die Flüchtlinge zu Veranstaltungen, Behörden-Terminen und integrierte sie in das deutsche System, soweit es ihm möglich war. Das klappte hervorragend. Mit der nötigen Strenge, aber auch mit jeder Menge Einfühlsamkeit funktionierte dies tadellos. Ich bin stolz auf ihn“, sagt er.

Von Hannes Ewert

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