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Usedom Mit Zebrafischen auf Suche nach neuen Medikamenten
Vorpommern Usedom Mit Zebrafischen auf Suche nach neuen Medikamenten
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00:00 28.10.2017
Doktorand Maximilian Schindler erläutert Minister Harry Glawe, den Landtagsmitgliedern Egbert und Franz-Robert Liskow (alle CDU), wie mit Hilfe der Zebrafischlarven im Institut für Anatomie und Zellbiologie geforscht wird. Quelle: Foto: Peter Binder
Greifswald

Gerade mal zwei Jahre alt war Nora, als sie an der Niere erkrankte. „Aufgrund ihrer geschwollenen Augen vermutete ich zunächst eine Bindehautentzündung“, blickt ihre Mutter Franziska Storch zurück. Ein Irrtum. Innerhalb weniger Tage lagerte der Körper der Kleinen Wasser ein. „Diese Ödeme hatte sie plötzlich überall“, erzählt die 39-jährige Greifswalderin. Die Diagnose im Uniklinikum ein Schock: nephrotisches Syndrom. Es geht einher mit einem starken Verlust an Eiweiß, das über den Urin ausgeschieden wird. Noras Niere funktioniert nicht mehr so, wie sie soll. Heilung: noch aussichtslos. Ein Alptraum jeder Mutter. „Seit fünf Jahren nimmt Nora deshalb morgens und abends Medikamente“, sagt Franziska Storch.

Greifswalder Forscher gehen neue Wege in der Nierenforschung

Medikamente, die zwar helfen, eine erneute Akutphase zu verhindern, aber mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sind. Dasselbe treffe für sehr viele Patienten zu, die an anderen Nierenerkrankungen leiden, berichtet Prof. Nicole Endlich vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Greifswalder Universitätsmedizin. Zudem seien Betroffene dem erheblichen Risiko ausgesetzt, frühzeitig an einem Herzversagen oder ähnlichem zu sterben. Gemeinsam mit ihrem Mann, Institutsdirektor Prof. Karlhans Endlich, betreibt sie deshalb seit fast 20 Jahren Grundlagenforschung zur Niere. Ein Gebiet, das ihres Erachtens wesentlich mehr Aufmerksamkeit benötige als bislang geschehen. Denn: „Weltweit sind zehn Prozent der Bevölkerung nierenkrank. Noch dramatischer aber ist die Situation in MV. Hier sind 17 Prozent der Menschen betroffen“, sagt Nicole Endlich. Diese Zahl habe die Ship-Studie (Study of Health in Pomerania) zutage gefördert.

Und die Behandlungschancen? „Patienten müssen entweder ein Leben lang zur Dialyse oder erhalten eine Ersatzniere, wobei auch die aus bisher ungeklärten Gründen oft relativ schnell abgestoßen wird“, so die Anatomieprofessorin.

Prof. Sylvia Stracke, Leiterin des Bereichs Nephrologie, Dialyse und Hochdruckkrankheiten an der Unimedizin, bestätigt dies: „Ein junger Mann, der etwa fünf Jahre lang dialysiert wurde, bekam eine Lebendspende von seinem Vater. Doch nach wenigen Wochen wurde die Ersatzniere abgestoßen. Die Spende war praktisch umsonst.“ Nun müsse er wieder jeden zweiten Tag zur Dialyse, die vier bis fünf Stunden dauere. Eine andere Überlebenschance gebe es nicht.

Aus all diesen Gründen wollen die Endlichs die Nierenforschung intensivieren und gründeten mit Wissenschaftlern in Rostock, Hamburg, Kiel und Hannover den Nordverbund Niere „Safe the Kidney“. Auch das Pharmaunternehmen Bayer konnte mit ins Boot geholt werden. Denn Ziel sei die Entwicklung von neuen Medikamenten, die das Leben für Patienten erträglicher machen, wenn nicht gar irgendwann zur Heilung führen.

Dabei greifen die Forscher am Greifswalder Institut für Anatomie auf die winzigen Larven von Zebrafischen zurück. „Ihre Nierenkörperchen ähneln denen der Menschen “, erklärt Nicole Endlich. Die durchsichtigen Larven werden gentechnisch manipuliert und mit Substanzen in Kontakt gebracht, um deren Wirkung zu studieren. Ein sehr aufwändiger, langwieriger Prozess, wie Landesgesundheitsminister Harry Glawe gestern bei einem Institutsbesuch erfuhr. Er war nicht der erste Politiker, den die Endlichs durch die Labore führten. Sie suchen dringend finanzielle Unterstützung, um das Forscherteam personell und materiell zu stärken.

Dem dient nächste Woche auch die Teilnahme an einem Weltkongress in den USA. Nicole Endlich wird den in New Orleans tagenden Nierenspezialisten die neuesten Forschungsergebnisse aus MV vorstellen. Minister Glawe zeigte sich „beeindruckt von dem, was die Greifswalder leisten“. Gern werde er die Arbeit der Wissenschaftler unterstützen, „nur Frau Hesse muss auch mitmachen“, sagte er an die Adresse des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

Nierenerkrankung

230 Patienten etwa müssen in Greifswald regelmäßig die Dialyse aufsuchen. Davon kommen 90 ins KfH-Nierenzentrum auf dem Gelände des Uniklinikums, sagt dessen Leiterin, Prof. Sylvia Stracke. Die anderen Patienten nutzen die Praxis von Dr. Guth.

4600 Menschen sind laut Prof. Nicole Endlich in MV nierenkrank – im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind das doppelt so viele wie in den anderen Bundesländern.

Auslöser einer Nierenerkrankung seien oftmals Fehlernährung, Diabetes mellitus, Herzerkrankungen und immunologische Erkrankungen. Zwei Drittel der Patienten seien über 65 Jahre alt. Nur die Dialyse sichere ihnen weitere Lebensjahre. Jüngere Patienten werden auf die Warteliste von Eurotransplant gesetzt. In MV warten zurzeit 220 Menschen auf eine Ersatzniere. Laut Stracke würden die meisten acht bis zehn Jahre warten müssen. Nicht selten würde der Körper die neue Niere wieder abstoßen. Die Ursachen seien weitestgehend unbekannt.

Petra Hase

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