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Usedom Nazikeule gegen Arndt?
Vorpommern Usedom Nazikeule gegen Arndt?
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00:01 22.04.2017

Verhärtete Fronten statt Kompromiss: Die zweieinhalbstündige Diskussion mit über 500 Teilnehmern im Audimax der Universität Greifswald hat deutlich gemacht, dass die Auffassungen zu Ernst Moritz Arndt (1769 bis 1860) und der Bewertung seines Wirkens weit auseinandergehen, eine Annäherung kaum möglich scheint. Ist er nun ein fremdenfeindlicher Kriegshetzer oder ein Kämpfer für Freiheit und Demokratie? Und wenn er von beidem ein bisschen ist, darf dann die Universität in der heutigen Zeit nach ihm benannt sein? Der Senat der Universität hatte zu dem Bürger-Dialog eingeladen, nachdem es heftige Kritik in der Bevölkerung an einer ersten Uni-Entscheidung gab, sich vom Namen zu trennen. Mehrere Redner betonten, dass sie sich einen Kompromiss wünschen.

Ein Nebeneinander der Lang- und Kurzform als Kompromiss?

Raik Harder, der im Senat die Mitarbeiter der Universität vertritt, sagte: „Wir brauchen eine tragfähige Lösung, die beiden Seiten gerecht wird. Dass eine Seite jubelt und die andere nicht, geht nicht.“ Darüber seien sich die Mitarbeiter einig, obwohl es zu Arndt selbst keine einheitliche Meinung gibt. Er schlägt vor, dass die Universität den Namen als Stachel behält, sie sich aber explizit von Arndts Äußerungen distanziert, es den Mitarbeitern und Professoren freigestellt ist, ob sie den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Universität verwenden oder die Kurzform Universität Greifswald. Diesen Vorschlag greift Professor Martin Schnittler auf: „Bitte haben Sie den Mut, nicht entweder oder zu sagen, sondern einen Kompromiss zu finden, der der Emotionalität Rechnung trägt.“ Was Arndt selbst betrifft, ist Schnittler überzeugt: „Bei der posthumen Prüfung fallen viele durch, auch Luther und Goethe.“

Ähnlich sieht es Professor Joachim Lege: „Die Namensablegung ist der falsche Umgang mit Geschichte. Wir sitzen vollkommen unverdient auf der Schokoladenseite des Lebens.

Die heutige Freiheit wurde uns erkämpft von Menschen wie Arndt.“ Die Befürworter des Schriftstellers betonten, dass er für Demokratie, Freiheit und die Wiedervereinigung des deutschen Vaterlandes steht (Volker Worm), dass Arndt ein Mann mit Rückgrat gewesen sei, der erst dem äußeren Feind (Napoleon) und später dem inneren Feind (Karlsbader Beschlüsse) die Stirn geboten habe (Professor Jürgen Kohler).

Arndt wird heute von AfD und NPD vereinnahmt

Professor Hans Joosten räumte ein, beim Namensstreit 2010 noch für Arndt gewesen zu sein, weil man Menschen in ihrem Zeitgeist sehen müsse. „Die Welt in der wir leben, hat sich verändert. Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu. Seit die AfD Vorpommern-Greifswald auf ihrer Internetseite schreibt ,Das ist unser Ernst', denke ich: Ihr könnt ihn haben, ich brauche ihn nicht.“ In die selbe Kerbe schlug Professor Hartmut Lutz: „Das Jahr 1933, als der Universität ihr Name verliehen wurde, steht für etwas. Wir müssen dafür Verantwortung übernehmen. In der NPD-Zentrale in Anklam prangt ein Banner von Arndt. Es geht wieder in die gleiche Richtung.“

Gegen die Nazikeule wehrt sich Christian Kruse, CDU-Bürgerschaftsmitglied. Er betonte, dass Arndt den Herrschern entgegengetreten sei und damit Mut bewiesen hat, der manchen „selbstverliebten Gegenwartsidealisten“ heute fehlen würde. „Arndt muss in der Zeit gesehen werden, in der er gelebt und gewirkt hat. Sein Verdienst ergibt sich aus den objektiven Geschehnissen in seiner Zeit.“ Die Bestrebungen, den Namen abzulegen, bezeichnete Kruse als „unwürdig“, das Eintreten für Arndt als „gesunden Patriotismus“.

„Mit Arndts Lied „Teutsches Vaterland“ sind Hunderte in den Krieg gezogen. Es ist ein Text, der militarisiert“, sagt Doktor Monika Schneikart„Als Literaturwissenschaftlerin sage ich, das ist kein gut gemachter Text.“ Sie weist darauf hin, dass es noch deutlich mehr Persönlichkeiten aus Pommern gibt, mit deren Namen sich die Universität schmücken könnte, beispielsweise Caspar David Friedrich. Professor Claus Dieter Classen verweist auf die Universitäten in Düsseldorf und Oldenburg, die ihre Hochschulen nach Heinrich Heine und Carl von Ossietzky benannt haben, obwohl es kaum Bezug zwischen Stadt und Namen gibt. „Wir müssen über Alternativen nachdenken. Einfach nur hopp oder topp würde zu erheblichem Unfrieden bei jenen führen, die unterliegen.“

Eva Maria Oertel (82) kann ihre Emotionen zwischenzeitlich kaum zurückhalten. „Ihr seid alle so satt. Ihr wisst gar nicht, was Hunger ist“, schimpfte sie in Richtung einiger Arndt-Gegner. Sie schmerzt die Debatte besonders, weil sie die Hitlerzeit und den Krieg selbst erlebt hat. „Arndt hat etwas bewirkt gegen Leibeigenschaft und Unterdrückung. Wer nach 1945 geboren wurde, ist in Sicherheit aufgewachsen, in einer Zeit ohne Krieg. Aus dieser Sattheit heraus, wird nun Arndt beurteilt.“

Die Senatsvorsitzende Maria-Theresia Schafmeister hatte zu Beginn der Debatte um einen sachlichen Dialog ohne Beleidigungen und persönliche Angriffe gebeten. Das ist längst nicht immer gelungen. Zum Abschluss sagte Schafmeister: „Wir nehmen die Anregungen und Redebeiträge auf. Was wir daraus machen, wird die Zukunft zeigen.“ Frühestens im September könnte erneut über die Ablegung des Namens abgestimmt werden.

Katharina Degrassi

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