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Nur mal kurz die Welt retten

Ahrenshoop Nur mal kurz die Welt retten

Zwei junge Unternehmer aus Vorpommern wollen das nächste große Ding im Internet entwickeln – eine Online- Plattform, die alles verändert. Doch während der eine Millionen für sein Projekt bekommt, stößt der andere überall auf Mauern.

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Thomas Kalweit hat eine App für Ahrenshoop entwickelt.

Quelle: Foto: Privat

Ahrenshoop. Amerika hat Google, Facebook und Apple. Berlin hat Lieferando und Zalando. Und die Greifswalder Pappelallee? Die hat Advocado. Hinter einer unscheinbaren Tür im Medigreif-Komplex hat eine Firma ihre Büroräume, die wie alle in der Internet-Branche nichts geringeres plant, als in kurzer Zeit die Welt zu verändern. Advocado hat sich vorgenommen, allen Menschen Zugang zu fairer Rechtsberatung zu ermöglichen – ohne das Haus verlassen zu müssen. Dafür hat das Unternehmen bereits siebenstellige Summen von Investoren eingesammelt.

 

OZ-Bild

Jacob Saß (27) ist einer der beiden Gründer des Greifswalder Startups Advocado, das den Markt für Rechtsdienstleistungen komplett umkrempeln will. ALEXANDER MÜLLER

Quelle: FOTOS:

Die Firma ist damit so etwas wie die Verwirklichung eines Traum, von dem Vorpommerns Politiker immer wieder erzählen. Sie erhoffen sich, mit Digitalwirtschaft die Probleme der Region zu lösen – also vor allem den Mangel an gut bezahlten Jobs. Weil diese Firmen überall auf der Welt arbeiten können, solange sie einen schnellen Internetanschluss haben, könnten sie – so der Plan – einfach dorthin gehen, wo die Landschaft schön und die Miete günstig ist. Doch was in der Theorie gut klingt, geht in der Praxis nicht auf. Digitale Startups wie Advocado sind in Vorpommern eher die Ausnahme. Warum ist das so?

Einer der beiden Gründer der Greifswalder Firma ist Jacob Saß. Er trägt das typische Outfit seiner Branche, deren Vordenker zwar die Welt umwälzen, das aber stets in Jeans, Sweatshirt und Sneaker erledigen. Saß ist 27 Jahre alt. Die Idee für Advocado hatten er und sein Mitgründer Maximilian Block schon während des Studiums an der Uni Greifswald. Das Prinzip geht so: Der Nutzer gibt ein Rechtsproblem in ein Suchfeld auf der Internetseite von Advocado ein. Zum Beispiel: Wohnung kündigen wegen Schimmel. Danach wird das Anliegen automatisch zu einer passenden Kanzlei weitergeleitet.

Die gibt eine Einschätzung und macht ein Preisangebot – bei dem es bleibt, auch wenn der Anwalt sich verkalkuliert.

„Wir wollen den Markt weltweit erobern. Wir müssen so groß denken, weil unsere Investoren das erwarten“, sagt Jacob Saß. Zu den Geldgebern zählen etwa Ingrid Hiesinger, die Frau von Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger, und SAP-Manager Wolfgang Kemna. Deren Wette auf die Zukunft scheint aufzugehen. Advocado wächst rasant. Das Volumen der Rechtsdienstleistungen über das Portal hat sich 2017 versechsfacht. Trotz des Erfolgs will Jacob Saß mit dem Unternehmen in Vorpommern bleiben. Für die Region sprechen die guten Leute, die sie von der Greifswalder Universität zu bezahlbaren Löhnen bekommen. Gegenargument sei die schlechte Anbindung. Geschäftspartner könnten nicht schnell an- und abreisen, sondern müssten immer ein Hotel buchen. „ Wenn Investoren gehört haben, woher wir kommen, gab es zwar Vorbehalte, aber die konnten wir schnell nehmen“, sagt Saß.

40 Kilometer weiter sitzt Oscar Schröder in seinem Büro in Stralsund. Aus dem Fenster der weißen Villa hat er einen herrlichen Blick auf den Sund. Auch Oscar Schröder trägt Jeans, auch er hat eine Idee, die eine Branche verändern soll – doch er ist sich nicht mehr sicher, ob Vorpommern der richtige Ort dafür ist. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass hier das Verständnis für unsere Branche und die nötige Risikobereitschaft fehlen“, sagt der 31-jährige gebürtige Greifswalder.

Seine Firma heißt Digitack, eine Art Denkfabrik mit 13 Mitarbeitern, in der verschiedenste Ideen entstehen und umgesetzt werden sollen. Die erfolgversprechendste heißt Deladoo. Kunden der Plattform sollen im Internet ihren Wocheneinkauf erledigen können. Die Ware kommt aber nicht von einem großen Versandhaus wie Amazon, sondern von den regionalen Einzelhändlern, die sich als Partner registriert haben. „Das ist ein Milliardenmarkt“, ist Schröder überzeugt. Sein Problem ist die fehlende Finanzierung. Förderprogramme der Landesregierung würden oft nicht zu digitalen Unternehmungen passen, sagt Schröder. Der bürokratische Aufwand ziehe sich zudem lange hin, obwohl im Internet Schnelligkeit gefragt sei. Das Einwerben von privaten Mitteln gestalte sich ebenfalls schwierig. Es gebe nur wenige Leute im Land, die bereit seien, viel Geld in digitale Ideen zu stecken. „Im Gegensatz zu Städten wie Berlin und Hamburg fehlt das Zusammenkommen von Kapital und Gründern“, sagt Schröder. Dennoch bleibt er dabei: „Ich habe meine Firma hier gegründet, weil ich glaube, dass Digitalwirtschaft in MV funktionieren kann“, sagt er. Das nächste große Ding könne überall entstehen – auch in Vorpommern.

Per Handyapp durch Ahrenshoop

Es gibt Menschen im Alter von Thomas Kalweit, die geben ihr Geld für Reisen aus, für teure Autos, Klamotten, Partys. Der 27-Jährige aus Ahrenshoop hat dagegen sein Erspartes – mehrere tausend Euro – in eine Idee investiert, von der er restlos überzeugt ist. „Mir ist aufgefallen, dass selbst Stammgäste nur wenig über die Historie meines Heimatorts wissen.

Ich will diese Geschichte erzählen und zu jeder Zeit verfügbar machen“, sagt Thomas Kalweit.

Er hat deswegen seine Firma Audiofish gegründet: einen digitalen Stadtführer für Ahrenshoop entwickelt. Dabei handelt es sich um eine Handyapp, die mit einer Karte zu bestimmten Sehenswürdigkeiten führt und dort Geschichte und Geschichten des Orts abspielt. Man kann sich das vorstellen wie einen Audioguide, der in großen Museen verteilt wird und über Kopfhörer Hintergrundwissen zu Exponaten vermittelt. 60 Minuten Audiomaterial zu 18 verschiedenen Punkten sind enthalten, alles eingesprochen von professionellen Sprechern. Kalweit hat die Geschichten recherchiert sowie Konzept und Design entworfen. Mit der technischen Entwicklung hat er einen Programmierer beauftragt. Die App lässt sich direkt in den Appstores von Apple und Android gegen eine Gebühr herunterladen. „Ich bin zufrieden mit den Downloads“ sagt Kalweit.

Als nächstes plant Thomas Kalweit eine Version für Bad Doberan. Und ein anderer Ort in MV steht sogar kurz davor, eine weitere App in Auftrag zu geben. „Meine Vision ist ein Netz aus Audioguides für das ganze Land“, sagt Thomas Kalweit. Alexander Müller

Was ist ein Startup?

Der englische Begriff „Startup“ meint eine gerade erst gegründete Firma, die sich in der Frühphase eines Unternehmens befindet. Am Anfang eines erfolgreichen Startups stehen fast immer eine innovative, meist digitale Idee und nur sehr geringe finanzielle Möglichkeiten. Startups unterscheiden von herkömmlichen Firmengründungen, wie etwa einem neuen Handwerksbetrieb um die Ecke, durch ein enormes Wachstumspotenzial – im besten Fall zu riesigen, weltweit agierenden Konzernen. Gleichzeitig kann es mit einer heute noch gehypten Idee morgen schon wieder vorbei sein.

Alexander Müller

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