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Usedom Dunkle Wolken über Peene-Werft: Wolgast droht der Herzinfarkt
Vorpommern Usedom Dunkle Wolken über Peene-Werft: Wolgast droht der Herzinfarkt
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19:13 25.11.2018
Wolgasts Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) hat große Sorgen: Mehr als ein Drittel aller Jobs in unserer Stadt hängen an der Peenewerft. Sie ist das Herz der Stadt und uns droht der Herzinfarkt", sagt er.Christian Rödel
Wolgast

„Über Wolgast ziehen dunkle Wolken auf“, sagt Polizeichef Andreas Pantermehl. Damit meint er nicht den grauen Novembertag, der irgendwie zur aktuellen Stimmung in der 12 000-Einwohner-Stadt vor den Toren der Insel Usedom passt. Der wichtigste Arbeitgeber im Ort, die Peene-Werft, ist auf Kurzarbeit - weil die Patrouillenboote für Saudi-Arabien wegen des Exportstopps für Rüstungsgüter in den Wüstenstaat erst einmal nicht gebaut werden. Kaum eine Wolgaster Familie, die davon nicht betroffen ist. „Das ist total bitter“, sagt Pantermehl, „hier leben anständige und ehrliche Menschen, die haben das nicht verdient.“

Das Polizeirevier liegt mitten im Wolgaster Neubaugebiet, wo viele der knapp 300 Werftarbeiter mit ihren Familien wohnen. Einkaufen können sie im örtlichen Discounter oder im Schnäppchenmarkt. Auch Ute Spohler macht gerade Besorgungen. 19 Jahre hat sie als Ingenieurin auf der Werft gearbeitet, aber der erste große Arbeitsplatzabbau nach der Wende traf auch sie. Dennoch steht Ute Spohler weiterhin hinter dem Betrieb: „Die Werft ist prägend für die Stadt, sie gehört einfach hier her.“ Als sie erstmals von der aktuellen Krise hörte, habe sie gedacht: „Endlich haben sie einen Grund gefunden, die Werft zu schließen.“ Auf die Frage, wen sie mit „sie“ meint, sagt Spohler: „Die Wirtschaft. Wolgast wird zum Nichts degradiert.“

Ich stehe hinter der Peene-Werft, weil...

Verbitterung ist auch bei Fischhändler Siegfried Braasch auf dem Marktplatz in der historischen Altstadt zu spüren: „Wegen der steigenden Steuern ist mein Fisch ohnehin schon so teuer geworden, dass die Leute ihn sich kaum noch leisten können. Wenn die Werft pleite geht, verkaufe ich gar nichts mehr.“ Dabei sei doch die Werft auch mit seinem Steuergeld aufgebaut worden. „Und jetzt wird alles wieder eingerissen.“

Am Markttag sind nur 20 Menschen zu sehen

Wie sich eine noch weiter sinkende Kaufkraft auswirken würde, lässt sich an den seit Jahren leerstehenden Geschäften in der Innenstadt ablesen – kahle Schaufenster, verblichene Schilder in vielen Straßen. „Heute ist Markttag, da ist wenigstens mal was los in der Stadt“, sagt jemand. Allerdings sind kaum mehr als 20 Menschen zu sehen. Zu den wenigen Passanten zählen Mandy Lade und ihr Sohn Florian, die sich bei der Kälte eine heiße Bratwurst gönnen. „Wenn die Werft schließen würde, wäre das fatal. Dann würden noch mehr Geschäfte zumachen“, sagt Mandy Lade. Die Krankenschwester hat beim zweiten großen Arbeitgeber in Wolgast gelernt, dem Krankenhaus. Doch auch dort wurde in den letzten Jahren gespart: „Ich wurde nicht übernommen und arbeite jetzt in Anklam“, sagt die 35-Jährige. Auch ihr Sohn sieht seine berufliche Zukunft anderswo. Er macht derzeit eine Ausbildung in einem Hotel. Und danach? „Irgendwo in den Süden. Da wird auch besser gezahlt.“

Für Pfarrer Sebastian Gabriel ist das nicht überraschend: „Wenn es die Werft nicht mehr gäbe, würden noch mehr Junge weggehen. Die Menschen ziehen der Arbeit hinterher.“ Doch so weit ist es noch nicht, meint der Pfarrer: „Viele Wolgaster sind optimistisch und glauben, dass die Politik eine Lösung finden wird.“ Er selbst sieht durchaus auch positive Signale in der Stadt: Im Sommer wurde eine neue evangelische Schule gegründet, weil die bestehenden Schulen in der Stadt aus allen Nähten platzten. Dafür soll das heruntergekommene alte Schulgebäude gegenüber der Kirche saniert werden. „Eine Werftpleite würde perspektivisch viel von dem, was jetzt geschaffen wird, wieder gefährden“, so Gabriel.

Bürgermeister Weigler: Die Werft ist das Herz der Stadt

Bürgermeister Stefan Weigler (parteilos) meint: „Das Schlimmste ist, dass man nicht weiß, wie es weitergeht.“ Die Werft sei das Herz der Stadt: Zu den 300 Schiffbauern kommen noch 300 Schweißer, Maler oder Elektriker von anderen Firmen hinzu. Insgesamt hingen 1800 Jobs an der Werft. Bei einem Aus ginge also mehr als ein Drittel aller sozialversicherungspflichtigen Jobs in Wolgast verloren. Kaum eine Familie, die davon nicht betroffen wäre, warnt Weigler. „Das wäre ein Herzinfarkt.“

Dabei habe sich die Stadt in letzter Zeit so gut von dem Schrumpfkurs nach 1990 erholt. „Alle wichtigen Daten zeigen nach oben: Wir haben derzeit sechs Prozent Arbeitslosigkeit, in den Neunziger Jahren waren es noch über 20 Prozent. Die Bevölkerung wächst wieder, Steuereinnahmen und Kaufkraft steigen. Und wir haben fast drei Viertel unserer Schulden abgebaut.“ Weigler setzt jetzt auf den Werfteigner: „Wenn die Peene-Werft nicht zu so einer starken Gruppe wie Lürssen gehören würde, dann gäbe es jetzt nicht Kurzarbeit, sondern man hätte zum Insolvenzrichter gehen müssen. Dann wären die Lichter in der Stadt ausgegangen.“

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