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Rohrgewebe aus Wolgast war in der Baubranche gefragt

Wolgast Rohrgewebe aus Wolgast war in der Baubranche gefragt

Julius Mohn gründete 1888 am Ende der Schützenstraße einen erfolgreichen Betrieb, der stufenweise ausgebaut und modernisiert wurde und bis zu 70 Angestellte hatte

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Familienbild auf der Eingangstreppe der Mohnschen Villa: links Oscar und Ruth Mohn mit ihren Kindern Holger, Dietrich und Werner; in der Mitte Auguste Mohn und rechts deren Tochter Melitta mit Sohn Horst.

Wolgast. 1888 war in Wolgast das Gründungsjahr für fünf bedeutsame wirtschaftliche Ansiedlungen. Der Stralsunder Industrielle C. H. Schwabe gründete in der Bogislavstraße auf der Schlossinsel auf dem Gelände der ehemaligen Piassava- und Bürstenwaren-Fabrik der Gebrüder Sauerbier eine Produktionsstätte für Sensenschärfer, die bis zu 45 Mitarbeiter beschäftigte. Nebenan richtete Friedrich Wallis im früheren Schlossspeicher eine Spiritusbrennerei ein, während die ehemalige Chemische Fabrik in der Neustadt durch eine Zement- und eine Schwefelsäurefabrik abgelöst wurde.

OZ-Bild

Julius Mohn gründete 1888 am Ende der Schützenstraße einen erfolgreichen Betrieb, der stufenweise ausgebaut und modernisiert wurde und bis zu 70 Angestellte hatte

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Am Ende der Schützenstraßeentstand im gleichen Jahr in den Räumen der 1883 stillgelegten Lehlschen Dampfmahlmühle eine Rohrgewebefabrik. Deren Inhaber Ge- org Oscar Julius Mohn, geboren am 31. Juli 1848 in Kreuzburg, kam zusammen mit seiner Ehefrau Auguste, geb. Rupport, aus dem thüringischen Eisenach nach Wolgast. Beiden pflegten zuvor Kontakte zur hiesigen Region. Sie besuchten die aufstrebenden Badeorte Zinnowitz, Bansin und Heringsdorf und hielten sich regelmäßig in Wolgast auf. Hier lebten Rosa und Hermine Demmer, Töchter eines Eisenacher Großfabrikanten, die in Wolgast mit dem Stickereifabrik-Besitzer Gottlob Faigle beziehungsweise mit dem Major und späteren Konsul Friedrich Neumann verheiratet waren.

Mohn ließ sich schließlich ebenfalls am Peenestrom nieder, um seine Geschäftsidee — die Verarbeitung des hier reichlich vorkommenden Naturmaterials Schilf zu Rohrgewebe — erfolgreich umzusetzen. Die einfach, dicht und doppelt gewebten Rohrmatten wurden seinerzeit als Putzträger für Innenwände und Decken von Wohngebäuden im Baugewerbe dringend gebraucht. Zudem waren die Rohrlagen als Sicht- und Windschutz sowie als Schutz- und Schattendecken für Gärtnereien und Ziegeleien gefragt.

Von Anfang an legte Mohn großen Wert auf eine stetige Modernisierung seiner Betriebsstätten. Im Mai 1893 stellte er den Antrag zum Bau einer großen Fabrikhalle. Somit konnten seine bis zu 70 Angestellten an den insgesamt 60 Web- stühlen fortan unter erleichterten Bedingungen effektiver, witterungsunabhängig und auch während des Winters produzieren. Das Ausgangsmaterial Schilf lagerte in Form von Hocken überall auf dem ausgedehnten Fabrikgelände. Luftaufnahmen aus den 1920-er Jahren beeindrucken angesichts des gewaltigen Lagerumfangs. Das Schilf stammte insbesondere von inländischen Strom- und Seeufern und den Mündungsgebieten der Oder. Einen gewissen Anteil bezog die Fabrik aus Chile, da diese Rohware als besonders fest und stabil geschätzt wurde.

Das Rohrgewebe zu Deckenputzzwecken galt als Spezialität aus dem Hause Mohn. Es war durch den Wechsel von einem starken und drei schwächeren Rohrhalmen hergestellt und unter der Bezeichnung „Berliner Doppelgewebe“ bekannt. Die Fabrikate wurden auf dem Seeweg oder per Bahn abtransportiert — der Betrieb verfügte über einen separaten Gleisanschluss — und fand reißenden Absatz in Nord- und Mitteldeutschland sowie in Skandinavien. Auch in zahlreichen Wolgaster Wohnhäusern, wie etwa in der Zementarbeitersiedlung in der Neustadt, fand Mohnsches Rohrgewebe Verwendung.

Die Familie Mohn wohnte auf dem Betriebsgelände in einer in drei Etappen ausgebauten Villa in der Schützenstraße 16/17. Ab 1894 wurden auch Ställe für Kühe, Schweine und Hühner gebaut und ein großer Obst- und Gemüsegarten angelegt. 1897 erhielt das Haus seinen markanten hübschen Eckturm mit Balkon. Dem Ehepaar Mohn wurden vier Kinder geboren, von denen zwei im frühen Alter starben. Sohn Oscar Paul Mohn, geboren am 8. September 1877, trat nach Ende des Ersten Weltkrieges in die Fußstapfen seines Vaters, der bereits am 7. August 1900 verstorben war. In der Zwischenzeit fungierte seine Mutter Auguste Mohn als tüchtige und couragierte Chefin. Tochter Melitta bewohnte später die Villa in der Bahnhofstraße 31g. Diese hatte ihre Mutter gekauft und um 1919 modernisieren lassen.

Oscar Mohn heiratete Ruth Brenken, die ihm drei Söhne, Holger, Dietrich und Werner, gebar. Nach der Scheidung führte er 1920 die Zinnowitzerin Martha Thiel zum Altar, die im Geschäft tüchtig Hand anlegte. Oscar Mohn starb am 10. Februar 1949. Die Rohrweberei Mohn existierte bis Anfang der 1950-er Jahre und wurde dann enteignet. Tapfer, aber vergebens kämpfte Martha Mohn gegen eine Übernahme des Areals durch die Peene-Werft. Ihrem Stiefsohn Werner, der auf einer Geschäftsreise die Chilenin Assunta kennengelernt und schließlich geheiratet hatte, blieb daher das Erbe versagt.

Von Arno Voigt und Tom Schröter

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