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Usedom Schafe und Schäfer immer seltener
Vorpommern Usedom Schafe und Schäfer immer seltener
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00:01 09.12.2017
450 Schafe nennt Biobauer Axel Schwenn aus Neuendorf auf Usedom sein Eigen. „Wenn du die Arbeitsstunden rechnest und siehst, was für ein Erlös am Ende herauskommt, kannst du eigentlich aufhören“, meint er. Aber er sei nun einmal mit Leib und Seele Schäfer. Quelle: Foto: Tom Schröter

Es war die Romantik, die Thomas Möhring zu seinen Schafen geführt hat. Allein in der Natur die Tiere hüten, von Weide zu Weide ziehen – mit diesen Bildern im Kopf ist der heute 48-Jährige vor vielen Jahren Schäfer geworden. Mittlerweile arbeitet er als Tierproduktionsleiter auf dem Gut Darß, doch von dem alten Ideal ist nicht mehr viel übrig.

„Die wirtschaftliche Situation in den Berufsschäfereien ist nicht gerade rosig. Christian Ehlers, Bauernverband Nordvorpommern

Die wirtschaftliche Perspektive hat sich seitdem so sehr verschlechtert, dass es nur noch wenige Berufsschäfer in Vorpommern-Rügen gibt. Es existiert wohl kaum ein anderer Bereich in der Landwirtschaft, der so sehr am Subventionstropf hängt wie die Schäfer.

Doch während die ebenfalls gebeutelten Milchbauern mit schrillen Aktionen und lauten Parolen immer wieder in den Schlagzeilen landen, wird das Schicksal von Möhring und seinen Kollegen kaum wahrgenommen. „Die Tradition darf nicht aussterben. Doch unsere Lobby ist relativ klein“, sagt er.

Neun Betriebe mit je mehr als 500 Schafen zählt der Bauernverband Nordvorpommern heute im Kreis Vorpommern-Rügen. Jahrelang sei die Zahl zurückgegangen, habe sich nun auf niedrigem Niveau stabilisiert. „Die wirtschaftliche Situation in den meisten Berufsschäfereien ist nicht gerade rosig. Nur ein Drittel der betriebsbedingten Ausgaben können die Schäfer in der Regel mit dem Verkauf der Schafe decken, darüber hinaus sind sie auf staatliche Unterstützung angewiesen“, sagt Bauernverbands-Chef Christian Ehlers.

Thomas Möhring ist Herr von 1400 Mutterschafen auf dem Gut Darß. Er rechnet vor: Für ein Kilogramm Lammfleisch lasse sich derzeit ein Preis von etwa 2,40 Euro erzielen. Um ohne Prämien auszukommen, müsste der Preis bei etwa sechs Euro liegen. „Das ist aber keiner bereit zu zahlen“, sagt Möhring. Und das, obwohl die Nachfrage nach hochwertigem Lammfleisch enorm sei. „Der Verbraucher muss erkennen, dass Qualität Geld kostet, sonst wird sich an unserer Situation nichts ändern.“ Das Gut Darß will an den Schafen dennoch festhalten, auch wenn damit kaum Gewinne zu erwirtschaften sind. „Da hängen mehrere Arbeitsplätze dran. Für die haben wir eine Verantwortung“, so Möhring.

Schäfer Axel Schwenn aus Neuendorf auf der Insel Usedom will die Zukunft seiner Zunft nicht ganz so schwarz malen. Der 40-jährige Biobauer, der sich seit 2003 hauptberuflich der Schäferei verschrieben hat, hält gegenwärtig 450 Tiere. Seine Schwarzköpfe – 350 Muttertiere sowie hundert Böcke, Jährlinge und Lämmer – halten Schwenn und seine drei Border Collies auf Trab.

Über die Rentabilität der Schäferei ließe sich streiten, so Schwenn. „Okay: Wenn du die Arbeitstunden rechnest und siehst, was für ein Erlös am Ende herauskommt, kannst du eigentlich aufhören“, räumt der dreifache Familienvater ein. Mit der Wolle zum Beispiel sei heutzutage kein Gewinn mehr zu erzielen. „Der Scherer“, so rechnet Schwenn vor, „kostet mich pro Schaf drei Euro. Ein Schaf wiederum hat bis zu drei Kilogramm Wolle, wobei ich pro Kilo zwischen 50 Cent und einem Euro kriege.“ Dennoch: „Ich mag den Umgang mit den Tieren und mich stört es auch nicht, dass ich seit vielen Jahren keinen richtigen Urlaub hatte“, erklärt der Neuendorfer.

Dass es der Familie trotz allem nicht schlecht geht, hängt mit der Vermarktungsstrategie zusammen. „Ich habe in Neuendorf meinen Hofladen“, sagt Schwenns Lebensgefährtin Anja Debniak. „Unsere Schafwolle lassen wir zu Westen, Jacken und Socken verarbeiten, so dass es sich am Ende für uns wieder rechnet.“ Ähnlich sei es beim Fleisch: „Schlachten lassen wir bei einem Fachmann in Gellenthin bei Usedom. Das Schaffleisch und die -wurst verkaufen wir dann ebenfalls selber.“

Eine zusätzliche Einnahmequelle hat sich Axel Schwenn als Deichschäfer erschlossen. „Im Sommer weiden meine Schafe auf den Hochwasserschutzdeichen zwischen Koserow und Peenemünde“, schildert er. Das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt bezahle ihn dafür. Die grasenden Tiere sorgen mit ihren kleinen Klauen dafür, dass der Boden besonders fest wird. „Goldener Tritt“ wird das unter Experten genannt. Von goldenen Zeiten sind die Schäfer jedoch weit entfernt.

Wandernde Schafe

Schäfer sind mit ihren Tieren oft unterwegs, denn die Tiere müssen manchmal schon nach drei Tagen auf eine andere Weide umgetrieben werden. Die Schafe sind auch als „Pfennigsucher“ bekannt, weil sie in der Lage sind, auch bei geringstem Aufwuchs noch ein paar grüne Halme zu finden. Damit sind sie ideal für das „Wandern“ geeignet, denn sie finden auch auf scheinbar unwirtlichen Standorten genug zu fressen. Die Tradition wird unter den Schäfern mit großem Ernst gepflegt. Erst im September fand in Kirch Baggendorf auf dem Betrieb von Rainhard Rohde das Landesleistungshüten statt.

Alexander Müller und Tom Schröter

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