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Usedom Schneefernsehen und Frauentagssause
Vorpommern Usedom Schneefernsehen und Frauentagssause
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00:01 01.12.2017
In der DDR gab es nicht nur ausreichend Kita-Plätze, die übrigens kostenfrei waren, sondern auch einen besseren Betreuungsschlüssel als das heute in MV der Fall ist. Eine Erzieherin war für fünf Krippenkinder zuständig, heute sind es sechs. Quelle: Foto: Jürgen Rother
Greifswald

In seinem neuen Buch nimmt OZ-Redakteur Eckhard Oberdörfer seine Leser mit auf eine Reise in die DDR. „Weißt du noch? Mitten aus’m Greifswalder DDR-Alltag“ heißt das 90-seitige Werk voller Anekdoten und Geschichtchen. Darin lässt uns Eckhard Oberdörfer auch an seinen ganz persönlichen Erinnerungen teilhaben.

OZ-Redakteur Eckhard Oberdörfer bringt ein Buch mit Greifswalder Erinnerungen aus der DDR raus

Noch mehr Anekdoten

Das Buch „Weißt du noch? Mitten aus’m Greifswalder DDR-Alltag“ kann unter ISBN 978-3-945608-22-7 bestellt werden. Es kostet 11,90 Euro. Es handelt sich um eine Reihe des Herkules-Verlages.

Anekdoten aus DDR-Städten gibt es auch für Rostock, Gera, Erfurt und Cottbus.

Gleich im ersten Kapitel landen wir auf der Wohnzimmer-Couch von Familie Oberdörfer in Schönwalde beim West-Fernseh-Gucken. Es ist März 1989 und die ZDF-Serie Schwarzwaldklinik läuft. Doch ausgerechnet während der Übertragung der Serien-Hochzeit von Sascha Hehn, später Kapitän des Traumschiffes, ist das Wetter ungünstig, der Empfang schlecht und es gibt nur Schneefernsehen. An Situationen wie diese können sich etliche DDR-Bürger nur allzugut erinnern. Gleiches gilt für die Anekdote über die langen Wartezeiten auf ein Auto. Wir erfahren, dass Oberdörfer nach Jahren des Ausharrens im Februar 1990 endlich einen Wartburg 1.3 hätte kaufen können, für 33000 Mark. Doch er entschied sich dagegen und ist froh darüber. Diese „Genau-so-war-das-damals“-Momente werden Leser im Buch immer wieder haben, die die DDR-Zeit in Greifswald miterlebt haben. Spannend ist es aber auch für jene, die gerne mehr darüber erfahren wollen, wie es damals so war.

Dafür lässt Oberdörfer nicht nur seine eigenen Erinnerungen wach werden, sondern hat auch viele Zeitzeugen befragt. Einer von ihnen ist Martin Röder. Er berichtet davon, dass die Straße der Freundschaft in der Greifswalder Innenstadt in den 1950er Jahren „Idiotenrennbahn“ genannt wurde, weil es Brauch war, dass junge Leute die Straße auf- und abflanierten. Es sei einer der wenigen Orte gewesen, wo man auf „Brautschau“ gehen konnte.

Auch der baulich schlechte Zustand vieler Häuser in der DDR ist Thema. Heizen mit Kohle, Wohnungen ohne Bad, mit Plumpsklo auf dem Hof, waren damals Standard. „Im Winter“, zitiert Oberdörfer einen Greifswalder, „lagen auf dem Ascheeimer glühende Kohlen und spendeten Wärme. Gegenüber stand ein Eimer mit Wasser zum Nachspülen. Wer nachts im Winter mit dem Mantel zur Toilette ging, der musste aufpassen, dass nicht eine Seite in den Kohlen und die andere im Wassereimer landete.“ Während in Altbauten jeder Komfort fehlte, entstanden ab Ende der 1960er Jahre in Schönwalde und im Ostseeviertel im Rekordtempo Plattenbauten, die Bäder mit fließend Wasser und Badewanne boten. Auch wegen dieses neuen Luxus waren die Neubauwohnungen extrem beliebt.

Oberdörfer erinnert in seinem Buch auch an die zahlreichen Ausbrüche der Maul- und Klauenseuche in und um Greifswald. Das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, wo schon damals an der Seuche geforscht worden ist, soll bei vielen Fällen Ausgangsort gewesen sein. „Wie nach der Wende bekannt wurde, waren die Anlagen auf der Insel keineswegs so modern und sicher wie damals gern behauptet wurde“, schreibt Oberdörfer. Gustav Seils soll der Tierarzt sein, der weltweit die meisten Seuchenausbrüche bekämpft hat, nach eigener Aussage etwa 100. Als 1982 zwei Bullen in Kemnitz erkrankten, schickte Seils erst jene Mitarbeiter nach Hause, die Kinder hatten, bevor er die Anlage sperren ließ. Bevor die Eltern nach Hause gehen durften, wurde ihnen mildes Desinfektionsmittel über den Kopf gegossen.

Wer nun denken mag, es geht in Oberdörfers Geschichtensammlung allzu ernst zu, irrt. Beim Lesen wird klar: Die Menschen in der DDR feierten sehr ausgelassen. Kräftiges Biertrinken gegen trockene Laborluft in Studentenkreisen, Schnaps aus Kartoffeln, selbst hergestellter Wein und reichlich Alkohol bei den Feiern zum Internationalen Frauentag – auf vielen Seiten des Buches geht es feuchtfröhlich zu. In diesem Zusammenhang ist auch immer mal wieder davon die Rede, wie Frauen „abgeschleppt“ werden. Achtung, Oberdörfers Werk ist kein Sachbuch. Deswegen gibt es auch schon mal Kneipenslang: „Wer sich nicht allzu blöd anstellte, sollte schon aufgrund des Frauenüberschusses im Allgemeinen und auf Grund des Frauenüberschusses unter Greifswalder Pharmaziestudenten im Besonderen in jedem Fall eine Freundin abbekommen“, schreibt Oberdörfer über die Besuche im Studentenklub „Kiste“.

Katharina Degrassi

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