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Schweben für die Wissenschaft

Friedrichshafen/Peenemünde Schweben für die Wissenschaft

Zeppelin kommt auf die Insel und nimmt zehn Tage lang von Peenemünde aus Kurs Richtung Ostsee

Friedrichshafen/Peenemünde. Der Zeppelin NT, der normalerweise am Bodensee schwebt, ist für einige Tage auf Usedom zu Gast: Er fliegt zwischen dem 18. und 24. Juni von Peenemünde aus über die Ostsee für ein Forschungsprojekt des Helmholtz-Zentrums in Geesthacht. Dessen Forscher untersuchen Wasserwirbel.

Am Ex-Militärflugplatz im Inselnorden wird noch in dieser Woche neben dem „weißen Riesen“ eifrige Geschäftigkeit herrschen. Die Wissenschaftler präparieren ihre Geräte in der Kabine, während die beiden Piloten noch einmal ihre geplante Flugroute über der Ostsee und die Wetterprognosen durchsprechen. Wenig später ist der Zeppelin NT (Neue Technologie) abflugbereit. Jetzt gibt der Pilot der Bodencrew das Zeichen zum Abheben. Er schiebt die Gashebel nach vorn und fast senkrecht steigt das Luftschiff brummend in den Himmel. Dieses Szenario wird sich voraussichtlich öfter wiederholen. Denn mehrfach startet ein Zeppelin mit Wissenschaftlern an Bord, um kleine Wasserwirbel in der Ostsee sowie deren Entstehung zu beobachten, zu dokumentieren und zu erforschen.

Diese von etwa hundert Meter bis einige Kilometer großen Wasserwirbel haben vermutlich Auswirkungen auf das Klima, aber auch auf die Nahrungsverteilung in den Weltmeeren. Sie werden deshalb in der Ostsee erforscht, weil hier der Einfluss von Gezeiten vernachlässigbar ist. Mit bloßem Auge sind sie zwar nicht erkennbar, aber die Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums kommen ihnen mit speziellen Geräten durch Temperaturveränderungen im Wasser auf die Spur. Der Zeppelin ist für diesen Auftrag optimal geeignet, weil er über den Wasserwirbeln stehen bleiben kann und sehr langsam und bis zu zehn Stunden fliegt.

Den Forschern an Bord wird zwar wenig Zeit bleiben, sich für das Fliegen zu begeistern, aber auch sie werden die besondere Form dieser Fortbewegung schätzen. Zeppelinfliegen ist eine höchst geruhsame Art des Luftreisens. Die Sicht aus den großen Fenstern ist hervorragend, zudem müssen die Wissenschaftler während des Flugs auch nicht angeschnallt sein. Die Schubrichtung der drei Motoren ist so verstellbar, dass der Zeppelin wie ein Hubschrauber oder Senkrechtstarter sogar rückwärts fliegen kann.

Wie aber wird man Zeppelinpilot? Neben fliegerischem Können gehört auch ein bisschen Glück dazu. Denn diese Gruppe ist sehr klein: So gibt es derzeit mehr Astronauten als Zeppelinpiloten. Und man muss selbst als erfahrener Berufspilot auf Flugzeugen oder Helikoptern ziemlich umlernen, um einen Zeppelin zu steuern. Schließlich ist er länger als ein Airbus 340 und bietet dem Wind entsprechend viel Angriffsfläche. Die Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen bildet ihre Luftschiff-Führer deshalb von Beginn an selbst aus. Bewerber müssen aber bereits eine Berufspilotenlizenz mitbringen, entweder für Flugzeuge oder noch lieber für Hubschrauber. Mindestens 1000 Flugstunden sind Voraussetzung, um überhaupt eine Chance auf Anstellung zu haben. Nach der Umschulung fliegt ein frischgebackener Zeppelinpilot auch erst einmal ein bis zwei Jahre unter Aufsicht eines erfahrenen Kapitäns, bevor er alleine mit Passagieren los darf.

Fünf Männer und eine Frau steuern derzeit im Wechsel entweder den in Friedrichshafen stationierten Zeppelin NT oder das Schwesterschiff, das bis 24. Juni nach Usedom kommt. Dort wird es von Peenemünde aus starten und täglich Richtung Bornholm über die Ostsee fliegen. Bei geeignetem Wetter ist der Forschungs-Zeppelin an allen Tagen in der Luft. Lediglich Seenebel oder zu hohe Windgeschwindigkeiten können einen Flug vereiteln.

Zwar sind auch seit den 1960er Jahren öfter Luftschiffe am Himmel über Deutschland zu sehen, aber sie sind keine Zeppeline. Denn nur dieser hat ein festes Innengerüst aus Aluminum, an dem die Motoren und die Gondel befestigt sind. Alle anderen Luftschiffe sind sogenannte Blimps, also Pralluftschiffe. Bei ihnen gibt es kein stabilisierendes Innengerüst, sie erhalten ihre Form und Stabilität allein durch ihre Außenhaut. Deshalb sind bei ihnen die Motoren auch nie direkt an der Hülle befestigt, sondern immer an der Gondel unten am Rumpf des Blimps. Diese Pralluftschiffe sind deutlich weniger wendig als ein Zeppelin NT und benötigen deshalb auch eine viel größere Bodenmannschaft, die den Blimp bei der Landung hält und stabilisiert. Mittlerweile gibt es sogar eine kleine Renaissance für die seit 1997 wieder fliegenden Zeppeline vom Bodensee. Zwei von ihnen sind bereits in den USA im Einsatz als Werbeträger für den Reifenkonzern Goodyear, ein dritter soll 2017 folgen. Dass ein Zeppelin NT in der heutigen Zeit überhaupt wirtschaftlich zu betreiben ist, liegt vor allem an seiner sogenannten Schubvektorsteuerung. Mit deren Hilfe erhöhen zwei Propeller am Heck die Manövrierbarkeit. Anders als früher bei den Blimps reichen deshalb lediglich vier Mitarbeiter, um den Zeppelin sowie den Passagierein- und -ausstieg am Boden zu betreuen. Das verringert die Personalkosten für die Bodenmannschaft spürbar. Zudem ist in der Zeppelinkabine viel Platz: Dort, wo die Forscher ihre Messgeräte installiert haben, können normalerweise bis zu 14 Passagiere sitzen.

Sogar eine Toilette ist an Bord.

Jürgen Schelling

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