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Usedom Sozialistengesetz trieb Tischlergesellen in die Staaten
Vorpommern Usedom Sozialistengesetz trieb Tischlergesellen in die Staaten
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00:00 20.04.2013
Heringsdorf

Der Aufruf, dem SPD Ortsverein vor seiner für heute anberaumten Feierstunde Belege, Fotos und Geschichten aus den letzten 150 Jahren zu übermitteln, fand ein gutes Echo. Von Bäckermeister Otto Kruse aus Usedom kam zum Beispiel ein Hinweis auf den möglicherweise ältesten  Sozialdemokraten der Insel.

Prof. Dr. Jürgen Sagert schrieb 2006 und erzählte jetzt bei einem Besuch über seinen Heimatort Paske und in diesem Zusammenhang über Hugo Martins, der Lehrling und später noch Geselle bei seinem Urgroßvater Ludwig Gentzen war, der in Usedom in der Swinemünder Straße eine Tischlerei betrieb. Hugo Martins hatte sich in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts nicht nur in Charlotte, die Tochter seines Meisters verliebt, und sie geheiratet, sondern sich auch der damals noch jungen sozialdemokratischen Partei angeschlossen. Dieses erwies sich für ihn als sehr schwierig. Er verlor seine Arbeit in Swinemünde und konnte als Sozialdemokrat keine neue Arbeitsstelle finden.

Was er auch versuchte, er stieß wegen seiner bekannt gewordenen politischen Haltung auf schweigende Ablehnung bei den Inhabern von verschiedenen Firmen, bei den Behörden, bei einigen seiner Bekannten und wohl auch bei Verwandten.

Der politische Hintergrund dafür war das im Oktober 1878 im Reichstag beschlossene Sozialistengesetz, mit dem Bismarck die neue politische Bewegung zu unterbinden suchte. Als Anlass für dieses Gesetz diente das im Juni 1878 erfolgte Attentat auf Kaiser Wilhelm I., bei dem dieser verwundet wurde. Das Attentat wurde den „Sozialisten“ zugeschrieben, die als „Reichsfeinde“ und „vaterlandslose Gesellen“ eingestuft wurden. In diesem politischen Klima, das für das junge Paar existenzgefährdend war, verwirklichten Hugo und seine Frau Charlotte ihr lange abgewogenes Vorhaben, nach Amerika auszuwandern.

Während der Abfahrt aus Usedom sagte Hugo — wie er viel später selbst erzählte — mit Blick aus dem abfahrenden Zug auf den Usedomer Kirchturm: „Ick seih di noch eis wedder!“.

Das hat nicht sollen sein, denn bei seinem Besuch „zuhause in Paske“ nach 50 Jahren im Jahre 1929 hatte die Usedomer Kirche schon seit 1892 einen neuen Kirchturm. An diesen und weitere Besuche in Paske kann sich die 92-jährige Mutter Prof. Dr. Sagerts, Käthe Bug, noch sehr gut erinnern.

Aus Loddin am Achterwasser gab es Informationen von einem weiteren aufrechten Vertreter der SPD in schwerer Zeit, von Friedrich Lewerentz  (geboren am 3. Juli 1878 in Loddin, Landkreis Usedom-Wollin;

† März 1945). Nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Zimmererlehre begab sich der Sohn eines Loddiner Fischers auf Wanderschaft, die ihn schließlich nach Krefeld führte. Hier engagierte er sich in seinem Gewerkschaftsverband und der SPD. Für die sozialdemokratische Partei war er Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und des Preußischen Landtags. Schon in den 1930er Jahren machte er Bekanntschaft mit den Terror der Nationalsozialisten. Er wurde wiederholt verhaftet und in „Schutzhaft“ genommen. 1944, nach dem Attentat von 20. Juli, verschleppte ihn die Gestapo. Auf dem so genannten Todesmarsch aus dem Konzentrationslager Oranienburg in das Konzentrationslager Bergen/Belsen kam Friedrich Lewerentz im März 1945 schließlich ums Leben.

Von seiner Tochter Dagmar Bütow wurden wir an das Schicksal von Kurt Bütow erinnert. Am 5. Mai 1945 wurde Ahlbeck kampflos von vier Antifaschisten — Kurt Bütow (Sozialdemokrat und später 1.

Bürgermeister), Paul Kluge, Ludwig Kubischewski und Richard Barth — an Major Nasarow, dem späteren Ortskommandanten, übergeben.

Schlimme Folgen für die gesamte Familie hatte die Ernennung von Kurt Bütow zum Bürgermeister von Ahlbeck. Weil die sowjetische Ortskommandantur das Haus Bütows in der Louisenstrasse requiriert hatte, wurde für den Bürgermeister und seine Familie eine kommunale Wohnung in der Lindenstrasse gestellt. Ohne Wissen der Familie Bütow hatte man jedoch in dieser Wohnung von der Bevölkerung abgelieferte Waffen und Munition sowie sonstige Kriegsbeute der Sowjets eingelagert.

Dem verbrecherischen Landrat Stange und seinen Komplizen in Swinemünde war es dann nur Recht, dass diese Waffen gefunden und Kurt Bütow zugeordnet wurden. Er wurde am 9.1.1946 verhaftet und nach Fünfeichen bei Neubrandenburg verschleppt. Eingaben der KPD-Fraktion, der SPD und auch der CDU hatten keinen Erfolg. Kurt Bütow starb im Lager nach drei Monaten im Frühjahr 1946 an der Ruhr.

Schließlich wurde uns von seinem Sohn Uwe Keller ein wichtiges Zeitzeugnis übermittelt: der Original-Mitgliedsantrag und Parteiausweis des Verwaltungsangestellten Erich Keller aus Usedom. Er trat am 1. November 1945 in die SPD ein. Sein Mitgliedsausweis ist deshalb Partei- und zeitgeschichtlich so interessant, weil sich die Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED ab dem 2. Mai 1946 dokumentieren lässt. Bis Ende April sind SPD-Mitgliedsmarken, danach SED-Marken eingeklebt; entwertet wurden sie damals jedoch vom gleichen Kassierer des Ortsvereins Usedom.

Dr. Günther Jikeli und der SPD Ortsverein bedanken sich für diese und viele weitere Informationen und Anregungen, die Eingang finden werden in eine Broschüre mit dem Titel „150 Jahre SPD in Pommern“.

Fritz Spalink

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