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Usedomerin will syrischen Flüchtlings-Jungen adoptieren

Wolgast/Zempin Usedomerin will syrischen Flüchtlings-Jungen adoptieren

Omid kam als 16-Jähriger nach Vorpommern — weil er in Afghanistan nicht für die Taliban kämpfen wollte / Dafür wurde seine Familie umgebracht — Er hofft auf eine neue Mutter

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Mutter-Glück: Brigitte Sieger (67) mit dem vermeintlichen Adoptiv-Sohn Omid. In der Küche ihres Wohnateliers büffelt der 18-Jährige für Prüfungen; derzeit besucht er das Wolgaster Runge-Gymnasium.

Quelle: Kay Steinke

Wolgast/Zempin. Omid (18) wäre fast ein Gotteskrieger der Taliban geworden. Die Schergen der islamistischen Terrormiliz wollten ihn in seiner afghanischen Heimatprovinz Ghazni zwangsrekrutieren — doch er und seine Eltern widersetzten sich. Omid wurde ausgeschleust. Den Preis dafür zahlte seine Familie. „Sie wurden von den Taliban ermordet“, sagt Omid. „Meine Eltern und auch meine kleine Schwester.“ Dem damals 16-Jährigen gelang die Flucht nach Deutschland. In Vorpommern versucht er nun, sich ein neues Leben aufzubauen. Unterstützung bekommt er dabei besonders von der ehemaligen Lehrerin Brigitte Sieger — sie versucht auch, den Schüler des Wolgaster Runge-Gymnasiums zu adoptieren.

OZ-Bild

Omid kam als 16-Jähriger nach Vorpommern — weil er in Afghanistan nicht für die Taliban kämpfen wollte / Dafür wurde seine Familie umgebracht — Er hofft auf eine neue Mutter

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Auch er bereichert mein Leben, nicht nur ich das seine.“Brigitte Sieger, Zempin

„Sie ist wie eine Mutter für mich“, erklärt Omid. Das Einzige, was ihm von seiner afghanischen Familie geblieben sei, ist die eigene Geburtsurkunde — doch dieses amtliche Dokument wird von den deutschen Behörden nicht anerkannt. „Als ich in Deutschland ankam, hatte ich niemanden“, sagt Omid. „Ich bin zur Polizei gegangen. Die waren nett und haben mir geholfen.“ Kritisch sieht er die Arbeit der Ausländerbehörden. „Sie haben mich zwei Jahre älter gemacht“, erklärt Omid. So wurde er den Erwachsenen zugeordnet — und sei in der Flüchtlingsunterkunft in der Wolgaster Baustraße gelandet — ohne die Möglichkeit, eine reguläre Schule zu besuchen.

In der Baustraße ist der 18-Jährige auch gemeldet. Seit wenigen Monaten lebt er jedoch hauptsächlich auf dem Hof von Brigitte Sieger, in einem Waldstück zwischen Zinnowitz und Zempin. Besucht man ihn, erwartet er den Gast bereits am Zaun des Gehöftes. Er öffnet das Tor und gibt einem höflich die Hand — so wie er es von seiner „Mutti“ gelernt hat. Die meiste Zeit verbringt er im Wohnatelier, zwischen alten Staffeleien, historischen Möbeln und der Küche. Dort büffelt er für die Klassenarbeiten, die er als Zehntklässler derzeit bewältigen muss. „Hier wohne ich“, sagt Omid. Für jemanden, der erst zwei Jahre in Deutschland lebt, kann man ihn gut verstehen. „Im Atelier kann er nur bis zum Sommer“, sagt Sieger. „Da brauche ich den Raum für Urlauber.“ Sie werde eine andere Lösung finden.

Omid und Brigitte Sieger sind ein ungleiches Mutter-Sohn-Paar, verstehen sich aber gut. „Die Beziehung hat sich beiderseits entwickelt“, erklärt Sieger, deren Ehemann vor 14 Jahren gestorben ist und die selbst keine eigenen Kinder bekommen hat. „Ich helfe einem Jungen, der völlig entwurzelt ist und der plötzlich Mutti zu mir gesagt hat.“ Anfangs sei sie überrascht davon gewesen, als sie ihn über die afghanische Gemeinde der Region kennenlernte. „Man gewöhnt sich daran“, sagt sie. „Mich hat das mitten ins Herz getroffen, wie er mir vom Verlust seiner leiblichen Mutter erzählt hat. Er will, dass ich diesen Platz einnehme.“ Das sei Liebe. Für beide entstehe etwas vollkommen Neues. Auch sie brauche seine Anwesenheit, seine Fürsorge und seinen Humor. „Weihnachten haben wir schon zusammen gefeiert“, sagt Sieger. „Auch er bereichert mein Leben, nicht nur ich das seine.“ Daher kämpfe sie für die Adoption — und habe bereits einen Anwalt eingeschaltet. Denn die Situation sei kompliziert. Offizielle Dokumente — wie eine Sterbeurkunde von Omids Eltern — sei schwer zu bekommen. „Von uns kann niemand nach Ghanzi reisen“, erklärt Omid. „Die Polizei und auch die Bezirksämter sind von den Taliban unterwandert.“

Derzeit konzentriere er sich eher auf sein neues Leben. Er lernt für die Schule, singt im Chor der Wolgaster Vokalisten und träumt vom eigenen Führerschein — wie ein ganz normaler Jugendlicher in Vorpommern. Was ihn von den Einheimischen unterscheidet: Er verarbeitet künstlerisch Flucht-Erlebnisse, schreibt Gedichte auf Persisch oder malt. Auf einem seiner Bilder, das angelehnt ist an „Der Schrei“ von Edvard Munch, sieht man Flüchtlinge in einem See treiben. Auf den Booten: Flüchtlingshelfer, aber auch Taliban. „Ich selbst bin nicht mit dem Boot gekommen“, sagt Omid. „Aber ich verfolge die Situation in den Medien.“ Er selbst sei über Wochen in einem dunklen Transportraum versteckt gewesen. „Die Route weiß ich nicht mehr“, berichtet er. „Wir durften nur im Dunkeln kurz raus.“ Die Schleuser hätten die Flüchtlinge wie Vieh behandelt — einige seiner Mitinsassen hätten die Tortur nicht überlebt. „Mich haben sie mit einem Messer misshandelt“, sagt Omid. „Und einer hat mir die Hand gebrochen. Ohne Grund.“

Von Kay Steinke

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