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Vier Jahrzehnte im Dienst der Bildung

Usedom Vier Jahrzehnte im Dienst der Bildung

Die Usedomerin Irene Fredrich wurde gestern 85 / Als Junglehrerin kam sie in die Inselstadt

Usedom. Irene Fredrich aus Usedom hat gestern ihren 85.Geburtstag gefeiert. Wenige Tage vor dem Jubiläum hat sich die pensionierte Lehrerin im Gespräch mit OZ an ihr Berufsleben erinnert. Sie war gerade 20 geworden, als sie ihre erste Lehrerstelle in Usedom antrat. Da hatten sie und Otto Fredrich, den sie noch im selben Jahr geheiratet hat, in Putbus gerade einen Schnellkurs als Neulehrer absolviert.

 

OZ-Bild

Fröhlich: So kennt man Irene Fredrich in der Stadt Usedom.

Quelle: ina

Die Pädagogen waren ihren Schülern früher menschlich näher.“ Irene Fredrich, Usedomerin

„Es war schwer, als junge Lehrerin von den meist älteren Kolleginnen ernst genommen zu werden. Alles was ich sagte, war verkehrt“, blickt Irene Fredrich auf das Jahr 1951 zurück. Als Unterstufenlehrerin bekam sie gleich eine 3. Klasse. „Es war die Zeit, in der Usedom voller Flüchtlingsfamilien war, die im früheren Reichsarbeitslager in der Stolper Straße untergebracht waren. Die Mütter hatten ganz andere Sorgen, als sich um die Schule ihrer Kinder zu kümmern. Die mussten sehen, wie sie ihre Familien satt bekamen und Holz besorgen, damit die Öfen nicht kalt blieben. Das Lernen spielte eine völlig untergeordnete Rolle. Das machte den beruflichen Einstieg doppelt schwer. Ich musste mich durchbeißen.“

Sechsmal sind Irene und Otto Fredrich in Usedom umgezogen, bevor sie 1957 eines der Lehrerhäuser in der heutigen Bäderstraße beziehen konnten. Die Häuserzeile war im Auftrag der Volksbildung und des Gesundheitswesens errichtet worden, um Lehrer und Mediziner sesshaft zu machen. Beim Einzug war Frank, Fredrichs Erstgeborener, schon fünf Jahre alt und die Geburt ihres zweiten Sohnes Lutz stand unmittelbar bevor. Die Familie sollte dann weitere fünf Jahre später durch Tochter Babette komplettiert werden.

Ab 1967 hat die Lehrerin den fakultativen Englisch-Unterricht an der inzwischen neu errichteten Polytechnischen Oberschule aufgebaut, für den sie sich später in einem vierjährigen Fernstudium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam qualifiziert hat. Mit drei Kindern und voller Berufstätigkeit eine echte Herausforderung, zumal seinerzeit - wir haben es fast vergessen - auch samstags Schule war.

Als Irene Fredrich das Anglistik-Diplom in der Tasche hatte, war ihr Mann, der Deutsch und Literatur studiert hatte, bereits 15 Jahre Schuldirektor in Usedom.

Englisch wurde in den ersten Jahren nachmittags unterrichtet und so mancher ist deshalb auch schnell wieder abgesprungen. Das änderte sich, als das Bildungsfernsehen der DDR in den Unterricht eingebaut werden sollte. Von da an hieß es auch in Usedom vormittags „Englisch for you“. Weil für den Fakultativ-Unterricht jedoch keine Prüfungen abgelegt werden mussten, sei die Anstrengungsbereitschaft nicht sehr groß gewesen, beklagt Irene Fredrich ein bisschen. Die Russisch-Zensur sei für alle, die später weiterkommen wollten, wichtiger gewesen, denn die habe schwarz auf weiß auf dem Zeugnis gestanden.

Nach 40 Dienstjahren war Schluss mit dem Klingelzeichen, das Irene Fredrichs Leben so lange bestimmt hat. 1991 wurde, unter den geänderten gesellschaftlichen Vorzeichen, das Reisen Fredrichs Thema.

Natürlich ging es zuerst nach London, wo das pensionierte Lehrerpaar von dem friedlichen multikulturellen Miteinander fasziniert war. Es sollten noch viele schöne Reisen folgen– zumeist haben die Usedomer sich Inseln ausgesucht.

„Doch irgendwann habe ich das Unterrichten plötzlich vermisst. Und so habe ich mich bei der Volkshochschule gemeldet und zunächst Erwachsene in Englisch unterrichtet und dann mit meinem Mann auch Spätaussiedler aus Kasachstan in Deutsch.“ Otto Fredrich ist 2009 verstorben.

Auf ihr Lehrerinnenleben zurückblickend, meint die 85-Jährige, dass die Pädagogen ihren Schülern früher menschlich näher gestanden hätten. „Wir haben zusammen Sportanlagen angelegt, oder an der Peene das Schilf rausgezogen, damit der Schwimmunterricht stattfinden konnte, am Kindergartenweg die Pappelreihe gepflanzt oder auf den LPG-Feldern miteinander Kartoffeln gesammelt. Da konnten Schüler, die sonst nicht so leistungsstark waren, über sich hinaus wachsen.“

Irene Fredrich wird noch heute oft zu Klassentreffen eingeladen und sie freut sich, wenn ehemalige Schüler ihr zuwinken oder nach ihrem Befinden fragen. Nein, sie sei im Alter nicht einsam geworden.

Die einstigen Lehrerkollegen treffen sich noch immer reihum zu den Geburtstagen, sie habe viele Kontakte und nicht zuletzt ihre Kinder, die Enkel und Urenkel, die ihr das Leben wirklich schön machen, sagt sie voller Dankbarkeit. In stillen Stunden liest sie auch gerne. Hermann Hesse oder zuletzt die Biografie von Günter Grass.

Ein Anliegen hat sie noch auf dem Herzen: Sie würde der Stadt gern diverse Schulunterlagen zur Verfügung stellen. „Vielleicht kann man im Anklamer Tor diesen Teil der Usedomer Geschichte für die Nachwelt dokumentieren.“

Ingrid Nadler

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