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Usedom Vom Dolmetscher zum engen Freund
Vorpommern Usedom Vom Dolmetscher zum engen Freund
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00:00 27.03.2017
Zinnowitz

Als Michail Petrowitsch Dewjatajew 1967 zum ersten Mal an den Ort zurückkehrte, an dem seine „Flucht aus der Hölle“ im Februar 1945 ihren Anfang genommen hatte, war jemand nötig, der ihm und seiner Frau als Dolmetscher zur Seite stand. Der war schnell gefunden, und er war bald mehr als nur der Mittler zwischen zwei Sprachen. Vor allem war er bis zum letzten Aufenthalt Dewjatajews auf der Insel Usedom im Jahr 2002 ein Freund. Wer ist dieser Mann? Er heißt Hans-Jürgen Peuckert, lebt mit seiner Frau Stefanie im Ostseebad Zinnowitz, und die Wahl fiel 1967 nicht zufällig auf ihn.

Dr. Andrea Peuckert und Jürgen Peuckert am Gedenkstein, der der Flucht Dewjatajews und neun seiner Mithäftlinge aus Peenemünde gewidmet ist.

Am 13. Mai 1946 hatte Stalin ein Dekret erlassen, das die Verschleppung deutscher Spezialisten aus der Sowjetischen Besatzungszone in die UdSSR anwies. Als der Befehl des Generalissimus in die Tat umgesetzt wurde, traf es auch den Ingenieur Peuckert aus Wittenberg. Der hatte während des Krieges in einem Rüstungsbetrieb gearbeitet, der Sprengmittel und Munition herstellte. Binnen weniger Stunden hatten er und seine Familie sich reisefertig zu machen – und so fand sich der neunjährige Sohn Jürgen zusammen mit seinen Eltern sechs Tage später auf einem militärischen Testgelände 70 Kilometer nordöstlich von Moskau wieder. Dort war übrigens der als „Stalinorgel“ bei den deutschen Soldaten gefürchtete Raketenwerfer erprobt worden.

Die Familie konnte erst 1952 in die Heimat zurückkehren, aber die Jahre bis dahin reichten aus, Jürgen Peuckert nicht nur ausgezeichnete Russischkenntnisse zu vermitteln, sondern ihm auch Einblicke in die russische Mentalität und Lebensweise zu ermöglichen, die ihn auf seinem weiteren Lebensweg begleiten sollten. Er entschloss sich, seine Sprachkenntnisse mit seinem Technikinteresse zu verbinden, und so begann er nach dem Slawistikstudium in Leipzig auf der Elbe-Werft in Roßlau zu arbeiten. Dort und auf der Neptunwerft Rostock und schließlich der Peene- Werft Wolgast war er bei den engen Verflechtungen des DDR- Schiffbaus mit der UdSSR als Dolmetscher stets gefragt, in Wolgast war er bis zur Wiedervereinigung Leiter der Dolmetschergruppe der Peene-Werft.

Das, was 1967 beim ersten Zusammentreffen mit Michail Petrowitsch Dewjatajew und dessen Frau begonnen hat, ist bald zu einer engen Freundschaft geworden, die Peuckerts bis heute mit der Familie verbindet. Dewjatajews haben während ihrer fast jährlichen Besuche auf der Insel Usedom bei den Zinnowitzern ein zweites Zuhause gehabt; die wiederum waren in Kasan immer herzlich willkommen. Heute stehen Andrea und Jürgen Peuckert in engem Kontakt zu den Kindern und Enkeln, nehmen Anteil an deren Freuden und Sorgen.

Ach ja: Der eine oder andere soll den Zinnowitzer weniger unter seinem richtigen Vornamen gekannt haben, denn seine russischen Klassenkameraden konnten „Jürgen“ kaum aussprechen. Dafür ging ihnen „Juri“ viel leichter über die Zunge, und dieser Name ist bei guten Freunden und Bekannten bis heute gebräuchlich geblieben.

db

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