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Von den Grenzen der Liebe

Von den Grenzen der Liebe

Im Interview: Manfred Osten über Flüchtlinge, Krisen und die Liebe bei den Usedomer Literaturtagen

Heringsdorf Manfred Osten ist langjähriger Mentor und Moderator der Usedomer Literaturtage. Der ehemalige Diplomat in Afrika, Asien und Europa sowie Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung ist Goethe-Kenner, Autor zahlreicher Bücher und gern gesehener Gast auf den Lesebühnen Europas. Zu den 8. Usedomer Literaturtagen moderiert er Lesungen mit Martin Walser und Peter Sloterdijk. Im Interview verrät er, was Flüchtlingskrise und Liebe miteinander zu tun haben.

Wie haben Sie sich in die Insel Usedom verliebt?

Manfred Osten: Die Ostsee ist für mich mit Erinnerungen an meine Kindheit verbunden. Meine ersten Bewusstseinsmomente verbinden sich mit einem Besuch meiner Eltern am Meer. Mir ist diese Landschaft zutiefst vertraut, da ich ja selbst aus Mecklenburg stamme.

Sie sind mit 14 Jahren aus der ehemaligen DDR geflohen. Wie sehen sie die gegenwärtige Flucht hunderttausender Menschen aus Syrien?

Manfred Osten: Große innereuropäische Fluchtbewegungen gab es immer wieder, gegenwärtig stehen wir jedoch vor einem Novum. Jetzt wird alles von der Souveränität des Staates abhängen, den Normalzustand zu erhalten oder wiederherzustellen. Ob und wie weit dies gelingen wird, lässt sich zurzeit noch nicht abschließend beurteilen. Bei über eine Million Flüchtlingen fällt dies sicher nicht leicht.

Laufen wir Gefahr die Kontrolle zu verlieren?

Manfred Osten: Peter Sloterdijk hat klargestellt, dass es sich bei der Merkel‘schen Willkommenspropaganda um eine Improvisation in letzter Minute gehandelt habe. Politik sei in der überkomplexen Moderne ja ohnehin in weitaus höherem Maß improvisatorisch bestimmt, als man gerne wahrhaben möchte. Der mächtigste Mann der jüngeren Geschichte Europas, Napoleon Bonaparte bekannte sogar in seinen Memoiren auf St. Helena, dass die Wahrheit sei, dass er selber nie Herr seiner eigenen Handlungen gewesen wäre. Grenzen waren bislang vor allem Tourismushindernisse. Und wir haben noch nicht begriffen, dass nach 1945 rund 115 neue Staaten entstanden sind.

Welche Folgen wird das haben?

Manfred Osten: Das große Problem des 21. Jahrhunderts wird die Migration. Wir haben zwischen Marokko und Indonesien inzwischen über 1,5 Milliarden Menschen von denen nach Erhebungen ein Drittel nach Europa und in die USA auswandern möchte, nicht mitgerechnet die Klimaflüchtlinge. Sollte dies Wirklichkeit werden, stünde die EU in der Tat vor einer beispiellosen Herausforderung — zumal sie bislang noch nicht einmal eine gemeinsame EU — Afrika-Politik verwirklicht hat.

Die Usedomer Literaturtage fragen, ob uns (NÄCHSTEN)LIEBE in dieser Situation helfen kann. Was sagen Sie?

Manfred Osten: Bei Kant gibt es den Begriff der Pflichten des Menschen gegenüber sich selbst. Das bedeutet, wir können gegenüber anderen nur dann wohltätig sein, wenn wir uns überhaupt in unserer physischen Existenz bewahren. Man muss physisch und psychisch in der Lage sein sich anderen zuwenden zu können. Für den Einzelnen wie für den Staat gilt weiterhin der römische Rechtsgrundsatz: Man darf von niemanden etwas fordern, was er nicht leisten kann.

Was überfordert uns?

Manfred Osten: Es gab und gibt eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Andererseits lassen neurowissenschaftliche und anthropologische Forschungsergebnisse vermuten, dass es möglicherweise doch Grenzen der Empathie gibt. Das „Seid umschlungen Millionen“ Schillers und der 9. Sinfonie Beethovens ist ein Ideal, das konkret vom Einzelnen schwer zu realisieren sein dürfte.

Werden Martin Walser und Peter Sloterdijk bei den Usedomer Literaturtagen Antworten zu diesem Problem finden?

Manfred Osten: Beide werden auf unterschiedliche Weise jedenfalls Antworten geben auf die großen Fragen der Liebe und damit auch der Nächstenliebe. Martin Walsers Roman „Ein sterbender Mann“

erkundet mit sprachlicher Schönheit und großer emotionaler Kraft den Kosmos der Liebe im Alter eines Menschen und ist daher für uns als eine alternde Gesellschaft von großer Aktualität.

Und Peter Sloterdijk?

Manfred Osten: Peter Sloterdijk wird aus seinem noch nicht erschienenen Roman „Das Schelling Projekt“ lesen. Dort geht es um ein Forschungsprojekt zu Fragen der Liebe, die bereits bei Schelling, dem großen Naturphilosophen des deutschen Idealismus von überragender Bedeutung waren.

Was zieht sie als Moderator und Mentor zu den Usedomer Literaturtagen, wenn Sie nicht gerade schreiben?

Manfred Osten: Das sind unter anderem die Gespräche mit den Autoren der Gruppe 47, seien es Joachim Kaiser, Martin Walser oder Hans Magnus Enzensberger. Diese Gespräche hatten immer einen Bezug zu Usedom und dem Gründer der Gruppe 47, Hans Werner Richter, der bekanntlich auf Usedom geboren wurde.

Weitere Informationen und Karten unter www.usedomerliteraturtage.de, an allen Touristinformationen der Insel Usedom oder unter ☎ 038378/34647;

Veranstaltungen auf Usedom vom 6. bis 9. April

Von Interview von Alexander Datz

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