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Von der Panik zum Hochgefühl

Anne-Kathrin Gillian schildert ihr emotionales Auf und Ab beim Fallschirmsprung Von der Panik zum Hochgefühl

Erst panische Angst und feuchte Hände. Dann der Sprung ins Nichts, bevor sich das Glücksgefühl einstellt. „Wie unter Drogen im Rausch“ fand unsere Autorin ihren ersten Tandemsprung.

Mellenthin. Wie kann man nur aus einem heilen Flugzeug springen, dachte ich bei mir, während ich auf dem Mellenthiner Flugplatz stand und die Fallschirmspringer des Ostthüringer Fallschirmsportclubs Gera beobachtete. Gerade packten sie ihre Fallschirme wieder zusammen und bereiteten sich auf den nächsten Sprung vor. Alexander Zapfe, Mitglied beim OFC, trat auf mich zu. „Du wolltest doch vor zwei Jahren schon einmal mit mir springen, doch damals wurde das Wetter schnell ziemlich schlecht. Aber heute wäre ein idealer Tag - Sonnenschein, blauer Himmel. Na, wie wär's“, fragte er. „Oh nein, ich kann nicht“, erwiderte ich. „Ich würde garantiert im Flugzeug sitzen bleiben und keinen Fuß vor die Tür setzen“, wehrte ich ab.

Doch es half nichts, er hatte mich beim Ehrgeiz gepackt. „Ich hab' Angst“, erklärte ich. „Dazu gibt es keinen Grund“, meinte er und rief Torsten Müller herbei. Der Chemnitzer ist seit 1991 Tandemmaster und somit berechtigt, mit Passagieren zu springen. Nach einigem Hin und Her gingen wir in die Unterkünfte der Springer und sie gaben mir einen Schutzanzug, Schuhe und Socken, denn mit meinem Rock war ich ziemlich unpassend angezogen. Sie ließen mich allein und mir wurde langsam mulmig. Worauf habe ich mich bloß eingelassen? Der knallrote Anzug passte perfekt. Ich fühlte mich schon wie auf geheimer Mission. Dadurch abgelenkt ging ich fröhlich wieder auf die Wiese vor dem Clubraum des Usedomer Fliegerclubs, um Weiteres abzuwarten. Es kam mir doch ein wenig unwirklich vor, dass ich mich aus einem Flugzeug stürzen sollte. Doch Torsten belehrte mich: „Lies dir das durch und unterschreibe, dann fangen wir mit den Haltungsübungen an“, sagte er. So unterschrieb ich, dass ich weniger als 90 Kilogramm wiege, keine Kreislaufprobleme habe und mir bewusst bin, dass dieser Sprung eine Gefahr für Leib und Leben darstellen kann.

Trockentraining

auf dem Boden

„Gut, dann können wir jetzt anfangen.“ Er holte die Gurte und zeigte mir, wie man sie überziehen muss. „Damit wirst du nachher im Schulterbereich und an den Hüften an mir festgeschnürt, damit du mir nicht verloren gehst.“. Dann reichte er mir eine Schutzbrille und eine Sprungkappe. Nachdem ich wusste, wie alles aufzusetzen war, befestigte er die Utensilien an meinen Gurten. „Jetzt kommen wir zu den Haltungsübungen“, fuhr er fort. „Die sind wichtig, damit du mich beim Absprung und beim Landen nicht behinderst.“ Also stellte ich mich mit dem Rücken vor ihm hin und er schnallte mich wie erklärt an seinen Gurten fest. Ich musste mich hängen lassen, dabei ein Hohlkreuz bilden und Kopf und Beine nach hinten drücken, damit er die nötige Freiheit für den Absprung hat. „Für die Landung ist es wichtig, dass der Passagier die Hände unter die Kniekehlen legt und dann die Beine möglichst hoch nach vorne drückt, damit ich genug Beinfreiheit habe.“ Wir übten. Langsam wurde mir bewusst, dass es gleich so weit war. Zweifel stiegen in mir auf: Bist du etwa lebensmüde, fragte ich mich. „Okay, das war's“, unterbrach Torsten meine Gedanken. „Es geht los. Wer mitspringen will, soll sich bereitmachen.“ Dann gingen wir zur AN-2., probten die Absprunghaltung noch einmal in der Tür und setzten uns dann ins Flugzeug.

Die anderen Fallschirmspringer kamen locker plaudernd hinterher und zwinkerten mir zu. Der Motor der AN sprang an. Ich war der Panik nahe. Mitgefangen, mitgehangen, schoss es mir durch den Kopf. Wie auf Kommando fingen meine Knie an zu zittern. Ich hatte eiskalte Hände und schluckte krampfhaft. Wir hoben ab. Die Felder wurden immer kleiner. Der Flugplatz verschwand kurzzeitig hinter einer kleinen Wolke. Ich sah auf Torstens Höhenmesser. 400, 500, 700 Meter. Die ersten Springer machten sich fertig. Das Flugzeug stieg weiter. Nach und nach waren alle Mutigen draußen. Wir waren die letzten. „Du kannst die Brille und die Kappe jetzt aufsetzen“, forderte mich Torsten auf, kurz bevor die 2500 Meter erreicht waren. Wie betäubt versuchte ich, mit meinen zittrigen Fingern alles festzumachen. „Ich wünsche dir viel Spaß. Genieß den Sprung und die Aussicht“, sagte er. Wir gingen zur offenen Tür. Da stand ich nun. Ich spürte den Luftzug. Es rauschte in den Ohren. Ich konnte nicht nach unten sehen. „Wenn es dir leichter fällt“, meinte Torsten, als könnte er Gedanken lesen, „dann sieh einfach nach oben.“ Denke nicht darüber nach, befahl ich mir und nahm die Absprunghaltung ein. Torsten sprang. Wir fielen ins Leere. Ich schrie. Und vergaß fast das Atmen. Mein Bauch fühlte sich hohl an. Alles rauschte und flatterte. Ich riss die Augen auf, als meine Brille hochklappte. Dann gab es einen Ruck. Der Fallschirm ging auf und wir glitten plötzlich ruhig dahin. Ich sah mich um. Überall kleine gelbe, grüne Felder. Ich entdeckte Kiesgruben, von deren Existenz ich überhaupt nichts wusste. „Wir haben jetzt 1500 Meter im freien Fall zurückgelegt“, informierte mich Torsten. „Der Fall hat etwas mehr als dreißig Sekunden bei 250 km/h gedauert.“ Ich ließ meine Arme und Beine hängen und sah mich weiter neugierig um. Die Sonne schien mir warm ins Gesicht. „Wenn du willst, kannst du eine Drehung fliegen“, meinte Torsten und zeigte mir, wie man den Fallschirm lenkt. Ich fühlte mich schwerelos, konnte mich tatsächlich entspannen und begriff, was einen dazu bringt, freiwillig aus einem Flugzeug zu springen.

Mit dem Hosenboden

über das Gras

Wir näherten uns dem Platz. Ich übte noch einmal die Landehaltung. Schon kurz darauf schlitterte ich mit dem Hosenboden über das Gras. Dann kamen wir zum Stillstand. Torsten schnallte mich ab und sammelte den Gleitschirm ein. Langsam stand ich auf. Ich konnte es gar nicht fassen, dass ich es wirklich getan habe. „Na, wie war es“, fragte er mich und anschließend die anderen. „Total geil“, mehr konnte ich nicht sagen. Ich fühlte mich wie unter Drogen. Erst die Angst und jetzt dieses Hochgefühl wie ein Rausch. Torsten drückte mir meine Urkunde in die Hand. Ich musste grinsen war ich vielleicht stolz auf mich.



A-KATHRIN GILLIAN

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